Zehnkampf in luftigen Höhen

Ludger Hacke ist Zapfenpflücker

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Zapfenpflücker Hacke

Was ein Zapfenpflücker zu tun hat, erklärt sich fast von selbst: Er pflückt Zapfen. Aber warum, wie und für wen überhaupt? Ludger Hacke aus Lennestadt ist der Mann, der die Antworten weiß. Der 58-jährige Forstwirt steigt seit mehr als drei Jahrzehnten hoch in die Wipfel der Bäume, um ihre Samen zu ernten und so für den Forst von morgen zu sorgen. Da Theorie zwar gut, Praxis aber besser ist, war die HEIMATLIEBE mit ihm  unterwegs.

„Zapfen pflücken ist wie ein Zehnkampf“, sagt Ludger Hacke und meint damit die herbe Mischung aus Gefahr und Herausforderung, Adrenalin und Glücksmoment.

Die Fichte, die Ludger Hacke besteigen will, ist etwa 30 Meter hoch. „Es geht auch höher. In Douglasien hocke ich auf 50 Meter“, erzählt er, während er eine Menge Zeugs aus dem Kofferraum seines Gelände-Allradlers räumt: Helm und Funktionskleidung, Kletter- und Auffanggurte, Sicherungsgeräte, Seile, Pflückstock und Pflücksack. Eine gute halbe Stunde dauert es, bis Ludger Hacke aus der Krone winkt. Stück für Stück hat er sich durch das Geäst geturnt, um seinen luftigen, nicht ganz ungefährlichen Arbeitsplatz zu erreichen.

Ludger Hacke ist Zapfenpflücker
Zapfenpflücker Ludger Hacke

Zweifelsohne: Ein Zapfenpflücker muss topfit und mutig sein. Der Job erfordert nicht nur Technik, sondern Bewegungskreativität und viel Übung. Ein Absturz ist halsbrecherisch. „Erfahrung und eine gute Ausrüstung sind meine Lebensversicherung“, sagt Ludger Hacke. Geerntet wird, wenn die Samen reif, aber noch im Zapfen verschlossen sind. Denn sind die erst einmal geöffnet oder liegen sie am Boden, ist das Genmaterial verloren.

„Wald- und Forstbäume produzieren in der Regel alle sieben Jahre Samen. Bei Stress, Trockenheit oder Nährstoffmangel auch alle drei oder vier Jahre, um ihre Art zu erhalten“, erklärt Ludger Hacke. Mitte der 1980er-Jahre hat sich der Forstwirt zum Zapfenpflücker weiter- gebildet. Es war die Zeit des Waldsterbens. Und es war der Anfang des neuen Bewusstseins, wie wichtig die Erhaltung und Förderung von hochwertigem Vermehrungsgut und forstgenetischer Vielfalt für die Stabilität des Ökosystems Wald ist. In Deutschland wird diese Arbeit  seit  1985  von einer Bund-Länder-Arbeitsgruppe koordiniert. In Arnsberg entstand 1987 die erste eigenständige Forstgenbank Europas.

„Wir haben die gesamte Palette unserer Baum- und Straucharten im Visier. Zapfenpflücker sind dabei ein wesentlicher Bestandteil“, sagt Martin Rogge, Teamleiter in Sachen Forstvermehrungsgut. Dabei gehe es aber nicht nur um die Bäume, die heute von hohem wirtschaftlichen Wert sind. „Der Gedanke geht viel weiter und richtet sich auch auf zukünftige Nutzungsmöglichkeiten. Nicht nur zur Holzgewinnung, sondern beispielsweise für die Pharmazie“, sagt Rogge und spricht von Pflanzen, die im Mittelalter enorme Bedeutung hatten, wie das Pfaffenhütchen oder die Weide.

Zurück zu den Zapfenpflückern: Ihre Zahl bewegt sich im unteren Hunderter-Bereich. Für viele ist es ein Nebenerwerb. Auftraggeber sind zumeist Baumschulen und Saatguthändler. „Ein Waldbesitzer darf die Samen seiner Bäume nur im eigenen Wald nutzen. Ist die Herkunft bekannt und die Qualität gut, kann er den Bestand anerkennen lassen und sie vermarkten“, erklärt Ludger Hacke. Von der Waldfläche in Deutschland ist weniger als ein Prozent anerkannt. „Wichtiger als die Fläche ist die Beerntungsqualität und -intensität“, sagt Rogge.

Geerntet wird fast das ganze Jahr – beginnend im Mai mit der Ulme bis zum März mit der Lärche –, die Hochzeit ist indes im Spätsommer und Herbst. Dann ist auch die Douglasie dran, an die man in Zeiten des Klimawandels hohe Erwartungen knüpft. Gepflückt wird im Akkord; bis zu 200 Kilogramm schafft ein Mann am Tag.

„Es ist ein harter Job. Bis zu zehn Stunden in der Krone, schmerzende Knochen und jede Menge Harz“, sagt Martin Rogge. „Die Atmosphäre und der Ausblick sind unschlagbar“, sagt Ludger Hacke.

von Birgit Engel [Text und Fotos]

 

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