Von Rita Maurer

Vorgeschichte:

drei Jahre vorher: Mäuse hatten die Weihnachtsbaum-Naturdeko weg- bzw. angefressen und die XXL-Lichterketten für den ca. fünf Meter hohen Weihnachtsbaum geschrottet (schon mal versucht, auf Heiligabend gegen 13 Uhr überlange Lichterketten aufzutreiben??)

zwei Jahre vorher: Papa taut den noch gefrorenen und schneebedeckten Baum mit dem Flammenwerfer auf und verwandelt ihn gleichzeitig in ein Mahnmal wider das Waldsterben ….gelbbraune Nadeln haben was Eigenes.

ein Jahr vorher: Beim Versuch, das selbstgeschreinerte Bett für Kind 2 durch das zu enge Treppenhaus ins Kinderzimmer zu transportieren, bricht der Esstisch zusammen. Das Bett und der vorgesehene Zeitplan muss aufwendig auseinander genommen werden, die vier K(leink)inder im Schichtdienst stundenlang zu Spaziergängen und Krippenbesichtigungen im  Nieselregen genötigt werden.

23. Dezember 

14.00h: Aufgrund von wochenlangen Pflasterarbeiten im Schneeregen auf dem Hof kann der wiederum fünf Meter hohe Baum erst heute vom zweijährigen Nesthäkchen gefällt werden. Da er vom Schnee noch triefnass ist, wird das eigentlich immer für den heutigen Tag geplante Schmücken bis morgen warten müssen.

17.00h: Zwei Junggesellen werden unter Vorspiegelung weihnachtlicher Getränkeaufnahme auf der Straße abgegriffen und zum Helfen beim Aufstellen des Riesenbaums genötigt. Durch das tropfende Tauwasser sind alle Beteiligten inkl. des unbehandelten Holzbodens pitschnass. Der Boden wird gehegt, vorsichtig getrocknet und mit alten Handtüchern abgedeckt, die Junggesellen können zusehen, wie sie wieder trocken werden.

19.00h: Baum sieht toll aus und wird über Nacht weiter abtrocknen. Die ca. vierstündige Schmück-Prozedur muss dann eben morgen früh stattfinden.

24. Dezember 2011

11.30h: Aufgrund des hauseigenen Chaos´  findet sich erst jetzt Zeit, sich des Weihnachtsbaumes anzunehmen. Bevor er aufgehübscht wird, soll er erstmal einen ordentlichen Schluck zu trinken bekommen.

11.32h: Papa schreit laut: „Der Eimer ist undicht!“ Zehn Liter Wasser laufen gerade über die mit Jutesäcken ausstaffierte Holzkiste, auf der der Baum thront, über den unbehandelten Holzboden und ziehen unter den ganzen Weihnachtsbaumständer. Der Baum wiegt gefühlte 127 Tonnen und ist bereits mit zig Kupferdrähten in vier Meter Höhe in alle Richtungen an den Wänden befestigt, also nicht mehr zu verrücken.

11.35h: Papa und Mama liegen tannennadelgespickt unter dem Baum und können die Flut nicht fassen.

11.37h: Kinder spenden ihre Badehandtücher, um zumindest die äußeren Fluten einzudämmen. Aber was passiert mit dem Wasser, das unter die Kiste auf dem Holzboden gezogen ist?

11:42h: Papa fahndet nach seinem Wagenheber und baut flugs eine abenteuerliche Konstruktion aus Sofatisch, langen Brettern und Holzblöcken, um den Baum nach oben abzustützen.

11.48h: Mama hat die verantwortungsvolle Aufgabe, die Holzkiste und den leckenden Eimer vorsichtig unter dem Riesenbaum wegzuziehen, während Papa die Konstruktion stützt. Beide schieben den Eimer sowie den Gedanken an die Seite, was passiert, wenn die Konstruktion nicht hält und der Baum auf beide runterfällt.

11.53h: Die Konstruktion hat gehalten, 10 Liter Dreckwasser sind eingefangen.

11.58h: Papa liegt weiterhin schweiß- und tannennadelgebadet unter dem Baum und senkt die Haltekonstruktion mit dem Wagenheber wieder ab. Mama hat schweiß- und tannennadelgebadet nichts Besseres zu tun, als sich direkt vor den Rechner zu hängen und das aktuelle Geschehen im Hause Maurer minutiös für die Nachwelt festzuhalten.

12.08h: Wird der Weihnachtsbaum noch rechtzeitig bis zur Bescherung fertig werden? Es sieht nicht gut aus. Wir bleiben dran!!

12.33h: Rolf Zuckowski hat seinen alljährlichen Weihnachtsbaumschmückuntermalungseinsatz vor lauter Aufregung verpasst, dafür schmettern vier kleine Familienmitglieder aus vollem Halse ein Weihnachtslied nach dem anderen. Die erste Lichterkette ist entwirrt und hat nur ca. sieben Aussetzer. Kind 3 heult, weil es keine Schluffen anziehen will und deshalb ständig barfuß in Tannennadeln tritt.

12.56h: Die Hälfte der vorhandenen Lichterketten funktioniert nicht. Lieber REWE, mach, dass Du noch welche für uns übrig hast, alle anderen Geschäfte schließen in vier Minuten.
Rolf Zuckowski singt „Danke, lieber Tannenbaum, für diese schöne Zeit“. Ich bring ihn um!! Rolf jetzt, nicht den Baum.

13.07h: Es klingelt – Spontaner Besuch von Freunden. Prima……beim Erzählen können sie gleichzeitig beim Weihnachtskugelnaufhängen zugucken.

13.15h: Lichterketten sind überall aus. Lichterketten sind sowieso Gefahrenpotential und schlecht für die Ökobilanz und total überbewertet, man sollte sich vielmehr auf selbstgebastelten Schmuck rückbesinnen.

13.20h: Die drei großen Kinder werden genötigt, am „Warten aufs Christkind“ von der Landjugend teilzunehmen, und aus dem Haus komplimentiert. Sie werden den Weg hoffentlich alleine finden, zum Bringen ist keine Zeit.

14.03h: Der Baum wird einfach nicht fertig, aber die Stimmung steigt, die Freunde machen es sich gemütlich und lassen sich nicht anmerken, ob sie insgeheim einen Anruf beim Jugendamt erwägen.

14.27h: Es klingelt wieder, Bekannte bitten um Hilfe, einen LKW mit sauber zu machen. Auch dafür haben wir Zeit, warum auch nicht? Der Weihnachtsbaum weist weiterhin grobe Deko-Defizite auf. Kein Wunder, Papa hat einen großen Karton voller Weihnachtskugeln in drei Meter Höhe im dichten Geäst verloren.

14.35h: Oh, Sch….., vor lauter Gerenne ganz vergessen, für den 1. Weihnachtstag einen  Kuchen zu backen, der muss über Nacht ziehen. Rolf singt „In der Weihnachtsbäckerei“. Hoffentlich schlägt Mama nicht versehentlich 5 Weihnachtskugeln statt fünf Eier in den Teig.

14.36h: Papa und Mama frühstücken erstmal, soviel Zeit muss sein.

14.44h: Es klingelt schon wieder! Wer ist das? Die weltbeste Nachbarin will mit ihrem kleinen Sohn nur ganz schnell frohe Weihnachten wünschen und unseren Baum gucken. Ok, der Baum steht ja zumindest und lässt immer noch viel Raum für Deko-Phantasien.

14.51h: Papa fällt ein, dass er vorm Haus das frisch verlegte Natursteinpflaster noch mit der Rüttelmaschine abrütteln muss. Im Umkreis von zwei Kilometern fällt allen Einwohnern durch den ohrenbetäubenden Krach der Christstollen aus dem Gesicht.

15.02h: Die Jüngste erklärt auf erstaunte Nachfragen, warum sie breitbeinig wie ein besoffener Seemann läuft: „Alles voll Pipi!“. Mist, sie hat die Gelegenheit genutzt und heimlich den halben Topf Weihnachtspunsch vernascht (ohne Schuss, ehrlich!).

15.26h: Gleich ca. 76.983.274 Kerzen zu entzünden und wieder kein einziges brauchbares Feuerzeug im Haus. Notiz: Im nächsten Leben unbedingt Raucher heiraten!

15.39h: Papa schmeißt Karton mit neuem Frontlader samt Holzhänger für Kind 2 die Treppe runter. Hört sich nicht gut für alle Beteiligten außer der Treppe an.

15.54h: Papa und das Nesthäkchen sind weg, holen die drei Großen ab und gehen ins Krippenspiel. Ab jetzt genau eine Stunde Zeit, das Chaos im Hause  in eine funkelnde Weihnachtsstube zu verwandeln. Oder erst Wäsche aufhängen? Ist der Kuchen schon verbrannt?

16.01h: Mama bestückt den neuen Kinderkassettenrecorder für die Zweijährige mit deren Lieblingskassette…. hichtige, sssöne laute Migick: Rolf wird kurzfristig lautstark von einem zackigen „Preußens-Gloria“-Marsch an die Wand geschmettert.

16.03h: Mist, wo ist denn die zweite Holzscheune für den Bauernhof hin?

16.05h: Ah, im Karton mit der Sommerunterwäsche! Da sag doch einer, Mama hätte keine raffinierten Verstecke!

16.10h: Vom Sturz lädierten Bruder-Holzhänger mit goldener Weihnachtsbaumkugelkordel repariert. Sieht gar nicht so uncool aus.

16.21h: Nein, was ist das kleine Fohlen putzig, wie es da so liegt. Wem ordnen wir denn das Rappfohlen zu, der rassigen Fuchsstute? Und das Shetlandpony als Beistellpferd für die Ziegen oder lieber zu den Eseln? Alle Achtung, an dieser schweren Mutterkuh mit den zwei saugenden Kälbern hätte jeder Bauer seine helle Freude. Wer knurrt denn da so laut, etwa der schnuckelige kleine Schäferhundwelpe? Ach nein, es ist nur Mamas Magen. Hach, wie gerne hätte Mama früher auch so einen tollen Bauernhof gehabt…….

16.29h: Sehr intelligent, Wochen vorher Päckchen zu packen und dann das Beschriften zu vergessen. Super, Mama!!!

16.37h: Wie schaffen es nur immer die Familien in den Zeitungen, ihre Kinderschar in adrette Samtkleidchen oder -Anzüge zu stecken und dann selber im hochhackigen Abendfummel mit hochtoupierter Steckfrisur unterm Weihnachtsbaum zu strahlen? Mama wechselt nur schnell ihre älteste Jeans gegen ihre zweitälteste.

16.40h: Noch schnell den übelsten Schmalzsender mit den allersüßesten Weihnachtsliedern am Radio suchen. Wo war der denn noch letztes Jahr?

16.45h: Papa ruft an, er sei mit den Kindern schon fast da. NNNNNNNNNNNNNEEEEEEEEEEEIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIINNNNNNNNNN!!!!!!!!!!!!!!!!

16.46h: Boah, Mama muss ein paar mega-süßliche Duftkerzen erwischt haben………so ungefähr stinkt´s bestimmt im Puff!

16.55h: Oh Schreck, draußen fängt schon der Musikverein an zu spielen. Sch…., schon wieder Finger verbrannt. Meine Güte, wie viele Kerzen kommen denn noch?

16.57h: Alles ist (fast) fertig. Und Mama erst!

17.02h: Mama trifft schnaufend an der Straßenecke beim bereits Weihnachtslieder spielenden Musikverein ein, wo der Rest der Familie sie schon sehnsüchtig erwartet, um zu hören, ob das Christkind bereits da war. Nein, Mama hat mal wieder nichts gesehen, sie war ja eine Stunde im Badezimmer damit beschäftigt, ihre Haare zu ondulieren. Komisch, dabei sieht sie immer noch so strubbelig und tannennadelgespickt aus wie heute morgen.

17.20h: Auf dem Rückweg ist schon von weitem zu erkennen, dass die Haustür weit offen steht, im ganzen Haus  Kerzen brennen und der Weihnachtsbaum mit seinen paar mickrigen Lichterketten vor sich hin dämmert. Mama ist rehabilitiert, sie würde nienieniemals weggehen und dabei Kerzen an- und die Haustüre auflassen.

ab 17.22h: Weihnachtswahnsinn pur – wie in Bullerbü! Das alles lautstark untermalt vom absoluten Geschenke-Favoriten: dem Kassetten-Recorder mit der Marschmusikkassette. Jeder noch so laut jauchzende und jubilierende Kinderchor aus dem Radioschnulzensender wird von krachenden Radetzkymärschen gnadenlos. Papa ist schon leicht grün im Gesicht, da er erstens diese Musikrichtung nicht wirklich leiden kann und zweitens beim Sturz mit dem Geschenkekarton heute nachmittag nicht nur den Bruder-Hänger, sondern auch seinen Knöchel ramponiert hat.

Eine wirklich wahre Weihnachts(baum)geschichte - winterberg, region, region-wi-me-ha, medebach, hallenberg
Foto: Rita Maurer

In diesem Sinne:

Allen ein ENTSPANNTES WEIHNACHTSFEST !!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

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