Von Rita Maurer

Hallenberg. Sechs Uhr morgens in Hallenberg an einem Augustsonntag: Die jungen Männer vom Burschenverein knien auf dem Marktplatz und stecken aus Fichtenspitzen und Blüten einen Blumenteppich sowie einen kunstvollen Altar. In der Petrusstraße und auf der Merklinghauser Straße, der Hautverkehrsader in Hallenberg, sind die Anwohner ebenfalls schon auf den Beinen, um ein langes, durchgehendes Blumenband zu legen.

Foto: Rita Maurer

„In aller Herrgottsfrühe“ – selten trifft diese Redewendung wohl so sehr zu: Es ist Muttergottestag in Hallenberg, der Sonntag nach „Mariä Himmelfahrt“ am 15. August. Der Muttergottestag ist seit Menschengedenken ein bedeutender Feiertag im Marien-Wallfahrtsort Hallenberg, der tausende Besucher von nah und fern anzieht. Deshalb ist es für die Einheimischen seit Generationen Ehrensache, ihre Kirchen und die Stadt mit einem Blumenmeer zu schmücken. Nicht nur Pilger sind in der Nuhnestadt, auch ehemalige Hallenberger kommen am Muttergottestag in die Heimat zurück. Viele Haustüren stehen offen, man trifft sich an den beiden Kirchen oder auf dem Weg dazwischen.

Man muss nicht gläubig sein, um die Faszination zu spüren
Marienverehrung – der Begriff klingt für viele vielleicht aus der Zeitgefallen. In Hallenberg ist er jedoch mit Leben gefüllt und nicht nur auf einen Tag im Jahr beschränkt. Viele Einheimische und Gäste – ob sie dem Glauben nahe stehen oder nicht – suchen regelmäßig die Unterkirche mit dem Gnadenbild der Muttergottes für einen kurzen Moment der Ruhe auf.

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Brennende Kerzen, Gästebucheinträge und kleine rührende Gaben am Marienaltar zeugen davon, wieviel dieses Gnadenbild den Menschen schon immer bedeutet hat: An der samtbezogenen Rückwand hängen alte Schmuckstücke, Eheringe und fein ziselierte Kreuze. Keine materiellen Werte, aber Dinge, die Menschen in Not oder aus Dankbarkeit gebracht haben.

 

Es herrscht Gänsehaut-Atmosphäre  – beim Festgottesdienst, bei der Sakramentsprozession, beim Segen am Marktplatz und auch bei der Lichterprozession am Abend. Wenn alle Pilger gemeinsam – begleitet von der Stadtkapelle Hallenberg und Glockenläuten – das Marienlied „Milde Königin“ oder „Großer Gott, wir loben Dich“ anstimmen, muss man nicht tief religiös sein, um von diesem Moment ergriffen zu sein.

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Marienbild stammt aus dem 13. Jahrhundert

Die Marienverehrung reicht in Hallenberg mehr als 700 Jahre zurück. Aus dem 13. Jahrhundert stammt das Gnadenbild „Unserer lieben Frau von Merklinghausen“, das in der Unterkirche seinen Platz hat. Merklinghausen war ein Hof und eine Pfarrei, aus der 1231 die Stadt Hallenberg hervorgegangen ist. Die über 1000 Jahre alte, gut erhaltene Unterkirche zeugt aus dieser Zeit. Einer Sage nach soll die Gottesmutter Maria sich diesen Platz selbst ausgesucht haben, weil immer wieder Baumaterial dort gefunden wurde, so dass die ersten Hallenberger Siedler ihre eigentlich woanders geplante Kirche schließlich an dieser Stelle errichteten.

Foto: Rita Maurer

Als das katholische Hallenberg in den „Truchsessischen Wirren“ um 1583/1584 kurze Zeit zum Calvinismus überwechselte, sollte das Gnadenbild verbrannt werden, die Feuerspuren sind bis heute zu sehen. Die Wallfahrten aus der Zeit vor der Reformation wurden eingestellt, die Madonna aber weiterhin im stillen Gebet verehrt. Um die Brandspuren zu verdecken, war sie von ihrer spätromanischen in eine barocke stehende Form umgeändert worden. Dadurch galt sie im 18. und 19. Jahrhundert als verloren. 1927 entdeckte der Pater Ansgar Pöllmann das Gnadenbild unter der barocken Figur. Es wurde in seine ursprüngliche Form zurückversetzt, die Wallfahrt in Hallenberg lebte neu auf.

Seit dieser Zeit findet der Muttergottestag in fast unveränderter Form statt. Fotos aus den späten zwanziger Jahren zeigen das Festhochamt an der Unterkirche und die feierliche Prozession durch die Straßen, bei denen die Madonna von vier weiß gekleideten jungen Frauen getragen und den Kommunionkindern umrahmt wird.

Züscher legten 1945 ein Gelübde ab

Trotz Repressalien der Nazis stiegen die Pilgerzahlen in der Zeit des Zweiten Weltkriegs an. Einen Höhepunkt erlebte Hallenberg als Wallfahrtsort nach dem Zweiten Weltkrieg bis 1955, als bis zu 2000 ostvertriebene Schlesier, Sudeten- oder Ungarndeutsche nach Hallenberg pilgerten.
Die Gläubigen aus Züschen kommen seit 1945 gemeinsam mit ihrem Musikverein zu Fuß. In den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges hatten sie gelobt, jedes Jahr der Gottesmutter in Hallenberg für ihren Schutz zu danken, wenn sie den Beschuss der amerikanischen Soldaten überstehen sollten. Dieses Gelübde halten die Züscher bis heute ein.
Hallenberger ist an diesem Tag voller Menschen. Aber selten ist es wohl auch gleichzeitig ein solcher Ruhepunkt wie einmal im Jahr am Muttergottestag.

Der Ablauf des Muttergottestages

 

Foto: Rita Maurer

Der Festgottesdienst zum Muttergottestag am 20. August 2017 findet um 10 Uhr an der Unterkirche statt. Die Festpredigt hält in diesem Jahr der Generalvikar des Erzbistums Köln: Dr. Dominik Meiering

Anschließend zieht die Sakraments-Prozession mit dem Gnadenbild durch die blumengeschmückten Straßen zum Marktplatz. Nach dem Segen wird es in die blumengeschmückte Pfarrkirche getragen, wo es den ganzen Tag über zum Gebet einlädt.
Um 16 Uhr wird eine Marienvesper in der Pfarrkirche gehalten, um 20 Uhr die Festandacht. Danach wird das Gnadenbild in einer Lichterprozession zurück an seinen Stammplatz in der Unterkirche gebracht.

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