Sauerlandheimkehrerin Lena Kappen ist Traurednerin.
Medebach. Die Bestattungskultur verändert sich zusehends. Dazu gehört, dass es auch immer mehr freie Rednerinnen und Redner gibt. Eine von ihnen ist Lena Kappen aus Dreislar. Nach fünf Jahren in Köln ist sie ins Sauerland zurückgekehrt und in den elterlichen Betrieb eingestiegen. Als einfühlsame Trauerrednerin spendet sie Trost und hilft mit ihrem Blick auf Leben und Tod dabei, von geliebten Menschen Abschied zu nehmen.
WIE KAM ES EIGENTLICH DAZU, DASS DU TRAUERREDNERIN GEWORDEN BIST?
Nach meinem Abitur wollte ich erstmal meinen Horizont erweitern und „raus in die Welt“. Doch mit der Zeit merkte ich, wie wichtig mir meine Familie und meine Heimat sind und so kehrte ich in mein 350-Seelendorf zurück. Meine Eltern führen schon seit einigen Jahren neben der Schreinerei ein Bestattungsunternehmen. Da ich schon immer sehr gerne mit Menschen zusammengearbeitet habe und auch gerne schreibe, durfte ich nach meiner Rückkehr ein Trauergespräch begleiten und meine erste Trauerrede schreiben und halten. Ganz schnell habe ich gemerkt, wie inspirierend diese Tätigkeit ist. Mich faszinieren die Lebensläufe der Menschen. Jeder einzelne bringt große und kleine Geschichten mit sich. Den Angehörigen zuzuhören, sie tröstend zu begleiten und vor allem die Verstorbenen und deren Angehörige zu würdigen, ist eine verantwortungsvolle und sehr schöne Aufgabe. Mit den richtigen Worten können Trauerredner viel Einfluss nehmen und vielleicht sogar ein bisschen Frieden und Heilung schenken. Deshalb bin ich sehr gern Trauerrednerin.
WORUM GEHT ES BEI DEINEN TRAUERREDEN?
Trauerredner sind nicht an feste Rituale gebunden und können eine Zeremonie flexibel gestalten: von religiös oder spirituell bis hin zu modern und weltlich. Ein Trauerredner ist oft nicht nur der Redner, sondern auch Begleiter, Zuhörer und jemand, der den Trauernden eine Stimme gibt. Für mich ist es wichtig empathisch und authentisch zu sein. Meine Reden sind echt, ich beschönige nichts, es wird nichts überspielt und es werden keine Unwahrheiten erzählt. Es ist mir sehr wichtig, dass jede Rede absolut individuell und persönlich ist. Es gibt keine vorgefertigten Texte, manchmal schreibe ich auch ein passendes Gedicht dazu. Wenn der Verstorbenen lustig war, kommt auch ein lustiger Spruch von ihm in die Rede. Ich spreche nicht nur über den Tod, sondern vor allem über das Leben. Jede Rede fängt das Wesen des Verstorbenen ein. Für mich ist es wichtig, die Familie zu berühren und ein Lächeln auf ihre Gesichter zu zaubern, wenn ich während der Rede an die schönen Momente mit dem Verstorbenen erinnere. Ich möchte dabei helfen, den Verstorbenen, möglichst in Dankbarkeit, gehen zu lassen und mit meiner Rede den Abschied leichter machen. Dafür muss ich die Familie dort abholen, wo sie steht, manchmal in der Fassungslosigkeit, manchmal im Schock oder auch in der Erlösung. Diese Gefühle sind abhängig von den Todesumständen oder von der Beziehung zum Verstorbenen.
WAS MACHT FÜR DICH EINE GELUNGENE TRAUERREDE AUS?
Es kommt vor, dass die Menschen nach meiner Rede sagen: „Man hat das Gefühl, dass Sie ihn gut gekannt haben“, oder „Das hätte ihm gut gefallen.“ Und das ist für mich das größte Kompliment. Zu einer gelungenen Trauerrede gehört auch eine persönliche Trauerfeier. Da kann man Kerzen anzünden, ein Gebet sprechen, mit Sekt anstoßen, ein Gedicht vortragen oder auch Luftballons steigen lassen. Es gibt viele Rituale.
SIEHST DU DICH ALS KONKURRENZ ZUR KIRCHE?
Nein, ich sehe freie Trauerredner und die Kirche nicht als Konkurrenz, sondern als ergänzende Angebote, die nebeneinander existieren. Viele Menschen denken, wenn man in der Kirche ist, kann man keine Trauerredner engagieren – das ist aber ein Trugschluss, denn das kann jeder selbst entscheiden. In einer Zeit mit zunehmenden Kirchenaustritten entscheiden sich viele Menschen bewusst für nicht-kirchliche Abschiede. Sie wünschen sich eine persönliche Trauerfeier, die zu ihrem Leben und ihren Werten passt.
ANGEHÖRIGEN UND DU ZUSAMMEN UND WIE GEHT ES DANN WEITER?
Oft finden die Angehörigen über Empfehlungen oder meine Website zu mir, oder sie sprechen mich direkt im Bestattungsinstitut an. Meine Tätigkeit als Trauerrednerin ist unabhängig vom elterlichen Betrieb, und so können mich auch andere Bestattungsunternehmen für eine Zusammenarbeit kontaktieren. Nach meiner Zusage besuche ich die Angehörigen, und wir führen dann ein ausführliches Gespräch. Sensibilität und Einfühlungsvermögen sind die wichtigsten Voraussetzungen, um diese Aufgabe zu erfüllen. Die Angehörigen dürfen sich Zeit nehmen, um nachzudenken, zu reden, aber auch zu weinen. Nachdem der Ablauf besprochen ist, erfahre ich das, was mich an meinem Beruf so fasziniert: Das sind die persönlichen Anekdoten über den Verstorbenen, seine kleinen Eigenheiten, wofür er sich begeistert hat, von besonderen Momenten mit ihm und das, was ihn ausgemacht hat. Bei den Vorbereitungsgesprächen wird oft viel gelacht. Dabei mache ich mir handschriftliche Notizen, und nach dem Gespräch ziehe ich mich zurück, um Struktur in die Notizen zu bringen und die Rede zu schreiben.
WAS WAR EIN BESONDERER MOMENT, DER BEI DIR EINEN BLEIBENDEN EINDRUCK HINTERLASSEN HAT?
Ich habe einmal, drei Wochen nach der Beisetzung, die im engsten Familienkreis stattfand und bei der ich bereits die Trauerrede gehalten habe, eine Abschiedsfeier für den Verstorbenen begleitet. Sie fand als Grillabend, zu dem Familie und Freunde eingeladen waren, im Garten des Verstorbenen statt. Alle Gäste waren leger gekleidet, es ging locker zu, und ich durfte dort eine Lebensrede für den Verstorbenen halten.
WAS PASSIERT NACH DER TRAUERFEIER? GIBT ES RITUALE ODER DINGE, DIE DU TUST, UM AUF ANDERE GEDANKEN ZU KOMMEN?
Nach der Trauerfeier brauche ich oft etwas Zeit für mich. Ich liebe die Natur, und so hilft mir ein Spaziergang an der frischen Luft, wieder auf andere Gedanken zu kommen. Dabei können auch „Selfcare“, was Leckeres zum Essen oder eine Serie schauen hilfreich sein. Es wechselt ein bisschen, je nach Stimmung, Wetter oder persönlicher Verfassung.
IST DEIN LEBEN „TRAURIGER” GEWORDEN, SEIT DU TRAUERREDNERIN BIST, UND HAT DICH DIE ARBEIT PERSÖNLICH VERÄNDERT?
Mein Leben ist durch meine Tätigkeit als Trauerrednerin und der damit verbundenen Wertschätzung sehr bereichert worden. Der tägliche Umgang mit dem Tod erinnert mich daran, wie kostbar und begrenzt unsere Zeit ist. Dadurch bin ich viel freier geworden und ich lebe bewusster und intensiver. Durch die vielfältigen Lebensgeschichten durfte ich auch lernen, dass das Leben zu kurz ist, um sich an Kleinigkeiten aufzuhängen, dass man seinem Herzen folgen sollte und dass man lieber Dinge bereut getan zu haben, als Dinge zu bereuen, die man nicht getan hat. Mein Ziel ist es, dass ich an meinem Lebensende sagen kann: Ich habe wirklich gelebt, ohne „Wäre ich oder hätte ich doch…“
KANNST DU ZUM SCHLUSS NOCH VERRATEN, WAS DU DIR FÜR DEINE EIGENE TRAUERFEIER WÜNSCHT?
Zum jetzigen Stand fände es schön, wenn jemand eine tolle Rede hält, die meine Persönlichkeit und meine Leidenschaften in den Vordergrund stellt. Es sollen Lieder gespielt werden, die zu mir passen. Ich will alles schlicht, hell und elegant dekoriert haben, aber der Blumenschmuck dürfte farbenfroh sein. Vielleicht habe ich dann vorab ein paar Worte verfasst, die mit vorgelesen oder abgespielt werden. Ich fände es auch schön, wenn mehrere Bilder von mir aus verschiedenen Lebenssituationen aufgehängt werden und kleine Rituale eingebaut werden. Ich möchte, dass es im Anschluss an einem für mich besonderen Ort mein Lieblingsessen gibt und locker mein Leben „gefeiert“ wird. Eine Feier, die zwar der Trauer Raum gibt, aber eben auch Platz für Anekdoten, lustige Geschichten und die schönen Momente meines Lebens hat. Mir gefiele es, wenn im Nachhinein an einem Lieblingsort für mich ein Baum gepflanzt oder ein Beet mit (Wild-) Blumen angelegt werden würde.