WIR WOLLTEN EIGENTLICH NUR FEIERN GEHEN
WIE EIN WOCHNEND-AUSFLUG DAS LEBEN VON ROLAND BOECK VERÄNDERTE – ER ERZÄHLT ÜBER 25 DIENSTJAHRE IN DER TENNE, TREUE GÄSTE UND ECHTES KNEIPENGEFÜHL.
Von Carmen Ahlers
Manchmal entscheidet ein einziges Wochenende über den Rest des Lebens. Bei Roland Boeck war dies der Fall. Eigentlich wollte der gebürtige Duisburger nur mit einem Freund einen Ausflug nach Winterberg machen. Ein Wochenende raus, ein bisschen feiern, ein bisschen Sauerland-Luft schnuppern. Dass daraus ein Vierteljahrhundert in Winterbergs wohl legendärstem Nachtlokal werden würde, ahnte damals niemand. Heute – 25 Jahre später – ist der 49-Jährige aus der Tenne nicht mehr wegzudenken.
„Wir haben damals einfach unsere Telefonnummer beim Chef dagelassen und noch gesagt: Der ruft eh nicht an“, erinnert sich Roland Boeck lachend. Doch nur eine Woche später klingelte tatsächlich das Telefon. Walter Engemann – in Winterberg besser bekannt als „Tennen-Walter“ – fragte an, ob Roland und sein Freund Interesse hätten, in der Tenne zu arbeiten. Nicht lang drüber nachgedacht, sondern direkt zugesagt. Anfangs pendelten die beiden jedes Wochenende aus dem Ruhrgebiet nach Winterberg. Freitags hin, sonntags zurück. Geschlafen wurde bei Bekannten in Grönebach. „Irgendwann haben wir gesagt: Komm, wir machen einfach mal eine Wintersaison“, erzählt Boeck. Aus dieser einen Wintersaison sind bis jetzt für ihn 25 Jahre geworden.
IN DER GASTRONOMIE GROSS GEWORDEN
Ganz fremd war dem Wahl-Winterberger die Gastronomie nie. Aufgewachsen ist er praktisch zwischen Theke und Zapfhahn. Seine Eltern führten bereits seit seiner Kindheit eine Kneipe im Raum Duisburg/Moers. „Ich bin damit einfach groß geworden“, sagt er. Zwischendurch versuchte er sich zwar in einem anderen Beruf und machte eine Ausbildung zum Autolackierer, aber da sein Chef ihn nicht übernehmen konnte, zog es ihn schnell zurück in die Gastro. In Duisburg war er drei Jahre lang Pächter des Vereinsheimes eines Fußballvereins, und dann ging es auch schon aufgrund des glücklichen Zufalls, zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen zu sein, nach Winterberg. Das Sauerland wurde schnell mehr als nur ein Ort, wo es sich gut arbeiten lässt. „Hier war einfach alles anders“, erinnert sich der heutige „Tenne“-Betriebsleiter. Während man sich in der Großstadt oft mühsam verabreden müsse, treffe man in Winterberg gefühlt immer jemanden. „Du bist sonntags losgezogen und hast automatisch Leute getroffen, die du kennst. Das war cool“, sagt er. Diese unkomplizierte Atmosphäre überzeugt ihn bis heute– beruflich wie privat.
NEUES LEBEN IN WINTERBERG AUFGEBAUT
Was als spontaner Job begann, entwickelte sich zu einem kompletten Neustart. Roland blieb, baute sich in Winterberg ein neues Leben auf – und holte irgendwann sogar seine Familie nach. Ein Jahr nach ihm zogen seine Eltern ebenfalls nach Grönebach. Und auch sein Bruder Stefan zog nach Winterberg. „Meine Eltern waren damals schon Rentner und haben gesagt: Warum sollen wir dreimal im Jahr in den Duisburger Stadtpark laufen? Dann ist das Sauerland doch schöner.“ Ein Satz, der viel über die Anziehungskraft der Region sagt.



TENNE HAT SCHON LÄNGST KULTSTATUS
Wer in Winterberg feiern geht, kommt an der Tenne kaum vorbei. Das Haus hat längst Kultstatus erreicht. Bereits seit über 100 Jahren gibt es die Gaststätte. Ursprünglich als klassische Kneipe mit angeschlossener Bäckerei gegründet, entwickelte sich die Tenne ab den 60er-Jahren zum Tanzlokal und später zur Diskothek. Heute bietet die Tenne drei Musikrichtungen auf drei Etagen: Rock und Metal im Rockkeller, gemischte Partyhits im Hauptbereich und wechselnde Sounds wie House, Hip-Hop oder Techno in der Cocktailbar. „Bei uns ist für jeden was dabei“, sagt Roland, „wir sagen immer: von 18 bis 80.“ Genau das macht den Charme des Hauses aus: kein Schickimicki, keine elitäre Clubszene, sondern ungezwungene Kneipenatmosphäre mit Tanzfläche. Stammgäste, Urlauber, Einheimische, Jung und Alt – hier mischt sich alles. In den vergangenen 25 Jahren hat es immer wieder verschiedene Umbauten gegeben, um die Tenne noch attraktiver für die Gäste zu machen. Auch ein Raucherbereich ist nach der neuen Gesetzgebung entstanden.
TEAM DER TENNE ZÄHLT FAST 50 KÖPFE
Angefangen hat Roland Boeck ganz klassisch im Service. Heute kümmert er sich vor allem um Organisation und Personalplanung und arbeitet natürlich freitags und samstags auch im Betrieb mit – am liebsten in der Cocktailbar. Über 40 Aushilfen gehören inzwischen zum Team, 23 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind an manchen Öffnungstagen nicht nur an den sechs Theken am Wochenende im Einsatz, viele schon seit sehr vielen Jahren. Die Gäste sollen keine langen Wartezeiten haben und auch aufgrund des guten Services ihre Zeit in der Tenne genießen. Gibt es eigentlich ein Getränk in der Tenne, das in Winterberg ein echter Geheimtipp ist? „Das ist unser selbstgemachter Mexikaner“, sagt der Betriebsleiter und lächelt, „der kommt sehr gut an, und das genaue Rezept möchte ich auch nicht verraten.“
DURCHATMEN AM SONNTAG UND MONTAG
Sonntag und Montag sind für Roland Boeck „heilige“ Ruhetage, ab Dienstag geht es dann wieder rund. Auch Tenne-Chef Peter Mergheim ist immer vor Ort, die beiden arbeiten eng zusammen. Ob Getränkelieferungen, Wartung der Technik, Personalplanung oder die Vorbereitung der Theken für das kommende Wochenende – auch wenn die Türen der Tenne nur freitags und samstags und manchmal vor Feiertagen für die Gäste öffnen, wird unter der Woche in der Tenne immer gearbeitet. „Es gibt immer was zu tun“, sagt der 49-Jährige, der seine Begeisterung für den Job nie verloren hat. „Ich hatte eigentlich nie den Moment, wo ich dachte: Ich habe keine Lust mehr.“ Vielleicht liegt es auch daran, dass die Tenne längst ein Stück Zuhause geworden ist. Mittlerweile wohnt er sogar in der direkten Nachbarschaft, so dass die Wege zum Arbeitsplatz sehr kurz sind und er dem Postboten auch mal eben ein Paket für die Tenne abnehmen kann.
AUCH SEIN SOHN HILFT IN DER TENNE AUS
Besonders schön: Inzwischen arbeitet sogar sein Sohn Robin am Wochenende in der Tenne. Dem Papa gefällt das, auch dass sich alles altersmäßig durchmischt. „Früher hast du mit den Eltern gefeiert, heute kommen die Kinder und fragen: Kennst du meine Eltern noch?“ Ein Satz, der wohl besser als jeder andere zeigt, was 25 Jahre in einem Kultbetrieb bedeuten. Und so scheint es, als habe ein spontaner Wochenendtrip aus dem Ruhrgebiet nach Winterberg nicht nur einen neuen Job gebracht – sondern gleich ein ganz neues Leben.
Fotos: Privat