WIE SICH ESSEN VERÄNDERT
Qualität, Gesundheit, Bequemlichkeit oder Gemeinschaft – was ist den Deutschen beim Essen wichtig und wie hat sich die Einstellung seit 2006 verändert? Informationen dazu liefert eine aktuelle Untersuchung.
Was gibt es heute bei Ihnen zu Essen? Ein klassisches Menü aus Fleisch, Kartoffeln und Gemüse, Spaghetti Bolognese oder vielleicht eine vegetarische Bowl? Und wer kommt überhaupt zum Essen? Fakt ist: Essen nimmt eine zentrale Rolle in unserem Leben ein, gestern wie heute. Gewandelt haben sich jedoch die Einstellungen zum Essen, die Gestaltung der Mahlzeiten sowie die Auswahl und Zubereitung der Lebensmittel. Und der Wandel geht weiter.
DIE BEDEUTUNG VON ESSEN
Der Blick in die Vergangenheit zeigt, dass in der Nachkriegszeit beim Essen die Gemeinschaft im Mittelpunkt stand. Was romantisch klingt, hatte aber auch Nachteile. Über die Gemeinschaft, meist die Familie, wurde klar bestimmt, was, wie und wann man isst, beschreibt Jens Lönneker. Diese strikten Vorgaben wurden vielen Menschen später zu eng. Sie wollten individueller und mit mehr Vielfalt essen und trinken. Möglich wurde das auf Basis einer „paradiesischen Vollversorgung“, wie Lönneker es beschreibt. Mit dem beginnenden Wirtschaftswunder erlebten die Menschen eine reichhaltigere und permanent verfügbare Fülle an Lebensmitteln.
KEHRSEITE DES ÜBERFLUSSES
Seit einigen Jahren werden jedoch zunehmend die Kehrseiten des „immer gedeckten Tischs“ deutlich: „Übergewicht, gesundheitliche Probleme, aber auch zu viel ,Ego‘ und soziale Kälte durch den Verlust von sozial einbindenden Ritualen rund um Essen und Trinken“, zählt Jens Lönneker auf. Außerdem wirke sich die Überfülle zerstörerisch auf Klima, Umwelt und Tierwohl aus. Angesichts dieser Kehrseiten habe sich in der Gegenwart das Gefühl durchgesetzt, dass es so nicht weitergehen kann. 73 % der Befragten sind davon überzeugt, dass es in Zukunft wichtiger wird, maßvoll zu essen. Gleichzeitig falle es den Menschen aber schwer, auf die angenehme Fülle zu verzichten. Das Dilemma zwischen Übermaß und schlechtem Gewissen hat viele Ratgeber und vermeintliche Experten auf den Plan gerufen, die verschiedenste Empfehlungen geben. Extreme Ernährungsmuster, wie Veganismus oder eine Ernährung mit dem Ziel, den Körper zu perfektionieren, sind heute verbreitet. Viele Menschen versuchen, solchen Idealen zumindest ein Stück weit gerecht zu werden. Ein gutes Beispiel dafür ist der „Flexitarier“, der zwar seinen Fleischkonsum reduziert, aber nicht vegan lebt.
FOKUS AUF GESUNDHEIT
Aber auch abseits extremer Idealvorstellungen rücken gesundheitliche Aspekte von Essen und Trinken mehr in den Fokus. 87 % der Befragten wünschen sich für die Zukunft bessere Möglichkeiten, über die Ernährung gesund und gut in Form zu bleiben. Im Vordergrund stehen dabei Aspekte wie Body Shaping, Achtsamkeit und ein langes und erfülltes Leben. Mitunter sind die Ziele sehr ambitioniert und werden von Einzelnen zugespitzt auf das Ziel der Unsterblichkeit. Dabei geht es nicht mehr um lustorientiertes Essen. Proteine, Vitamine und Mineralien werden in Form von Pillen und Kapseln konsumiert. Populär sind beispielsweise der Ratgeber „How not to die“ (Wie man nicht stirbt) oder die Netflix-Serie „Don’t die“ (Stirb nicht). Sie zeigen eine vermeintlich ideale Ernährungsweise auf, mit der es gelingen soll, jünger zu werden. Das spiegelt jedoch nicht die Mehrheit der Bevölkerung wieder. 85 % der Befragten sehnen sich nach einem entspannteren Verhältnis zum Essen und Trinken.
ESSEN 2006 VERSUS 2025
In einem zweiten Untersuchungsteil verglichen Forscher des Instituts für Ernährungspsychologie der Georg- August-Universität Göttingen die Einstellungen der Deutschen zu Lebensmitteln und Kaufverhalten in den Jahren 2006 und 2025. Grundlage dafür war die Studie „Zukunft der Ernährung“ aus dem Jahr 2006. Dabei wurden gut 1000 Personen zu bestimmten zukunftsrelevanten Aspekten der Ernährung befragt. Ein Update dieser Befragung erfolgte Anfang 2025. Die Ergebnisse des Vergleichs stellte PD Dr. Thomas Ellrott, Leiter des Instituts für Ernährungspsychologie, auf dem Ernährungssymposium vor. Auff.llige Ver.nderungen gab es bei der Einstellung zu Lebensmitteln mit Zusatznutzen. 2006 lag der Fokus darauf, den Cholesterinspiegel zu senken und die Abwehrkräfte zu stärken. Heute ist die Palette der Zusatznutzen viel breiter. Immer beliebter werden High- Protein-Produkte zum Muskelaufbau und Body-Shaping sowie probiotische Milchprodukte zur Verbesserung der Darmgesundheit. Als Lebensmittel mit Zusatznutzen gelten auch sogenannte „Free-From-Produkte“ wie laktose laktosefreie und glutenfreie Lebensmittel. Der Markt für diese Produkte ist seit 2006 stark gewachsen. Weitere Ergebnisse der Studie sind im Kasten links aufgeführt.
WANDEL IN ZWEI JAHRZEHNTEN
Halbfertig- und Fertigprodukten: Der Markt für diese Produkte hat zugenommen, ebenso wie die Nachfrage. Gründe dafür sind die veränderten Lebensbedingungen mit mehr Singlehaushalten, zunehmend entstrukturierteren Tagesabläufen sowie flexibleren Essenszeiten und -gelegenheiten. Gleichzeitig hat sich das Image dieser Produkte verbessert. Die Fertigkeiten der Verbraucher, aus Grundzutaten schnell und einfach eine gesunde Mahlzeit herzustellen, haben abgenommen.
Gesunde Ernährung: 2006 wurde Nahrungsfett als Hauptursache von Übergewicht angesehen. Heute gelten Kohlenhydrate zunehmend als Dickmacher. Das hat zu extremen Ernährungstrends, wie „low carb“ oder „keto“ geführt.
Regionale und Bioprodukte: Die Einstellung dazu hat sich seit 2006 kaum verändert. Nach wie vor halten etwa 70 % der Befragten regionale Lebensmittel im Vergleich zu weltweit importierten für gesünder. Von Bioprodukten erwartet die Hälfte der Befragten einen gesundheitlichen Vorteil.
Sonderangebote: Die Verbraucher sind preisbewusster geworden. Seltener als 2006 kaufen sie heute Lebensmittel nur wegen des Geschmacks und vernachlässigen dabei den Preis. Lebensmittel landen heute häufiger nur deshalb im Einkaufskorb, weil sie im Angebot sind.
Einkaufsmotive: Wichtiger geworden sind seit dem Jahr 2006 Qualität, niedriger Preis, Angebotsvielfalt, Bioprodukte, passend abgepackte Mengen und Markenprodukte. Deutlich an Bedeutung verloren haben die Frischetheke mit Bedienung, übersichtliche Regale und kundiges Fachpersonal.
BLICK IN DIE ZUKUNFT
Kaum geändert haben sich die Zukunftsprognosen. In beiden Befragungen stimmten etwa zwei Drittel folgender Aussage zu: „In den nächsten 20 Jahren werden das Esserlebnis, der Genuss und das gemeinsame Essen einen hohen Stellenwert haben. Essen ist als Teil der Lebensqualität wiederentdeckt worden.“ Essen ist und bleibt also mehr als Gesundheit. Es ist zugleich Lebensqualität, Gemeinschaft, Lifestyle und Haltung.
Text: Ursula Wulfekotte