WIE BRIEFE AUS DEM HIMMEL
Was ist eigentlich das faszinierende am Winter? Viele werden sicher sagen – „Rein gar nichts – für mich ist es nur die dunkle, kalte und nasse Jahreszeit, die es zu überstehen gilt, bis irgendwann der nächste Frühling kommt“.
Diese Einstellung muss man akzeptieren, jeder ist in seinen Ansichten ja frei – doch nachvollziehen kann man sie nicht. Also ich nicht. Denn der Winter ist aufregend, erlebnisreich, spannend und eindeutig die interessanteste Wetterjahreszeit.
Winter ist für mich voll von Emotionen, er bringt für mich ganz andere Blicke auf Landschaften, die man aus den anderen Jahreszeiten zu kennen scheint. Im Winter, mit Schnee verhüllt, schaut jedes Tal, jeder Hügel und jeder Ort anders aus. Der Winter bringt Ruhe, Gelassenheit und eine Abkehr vom hektischen Leben – Schnee wirkt wie eine weiße Decke über den Problemen und Sorgen des Alltags.



Von diesem vielleicht etwas überspitzten Bild wieder zur Überschrift und damit zur ganz realen Physik. „Wie gefrorene Briefe aus dem Himmel, die die Bedingungen ihrer Entstehung erzählen“, so hat der japanische Forscher Ukichiro Nakaya über Schneeflocken gesprochen. Er war 1936 der erste, der Schneeflocken im Labor züchtete und dabei von ihrer Vielfalt fasziniert war. Es gibt in der Natur wohl kaum etwas, was einzigartiger ist als Schnee, und das, obwohl er auf den ersten Blick doch immer irgendwie gleich aussieht.
Aber: Plättchen, Nadeln, Säulen, Dendriten, Sterne, Kristalle sind nur einige der Formbeschreibungen von Schneeflocken, die bei unterschiedlichen Bedingungen entstehen können. Sie bilden sich in Abhängigkeit von Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Windgeschwindigkeit und -richtung und werden auch als physikalische Wunderwerke bezeichnet.
Bei typischen Sauerländer Wintertemperaturen von oft nur knapp unter 0 Grad treten Schneekristalle meist als Plättchen auf, welche sich sehr gut mit anderen Kristallen verbinden können und daher fluffig-flauschig wirken. Am größten sind Schneeflocken sogar bei Temperaturen von knapp über 0 Grad.
Je kälter es ist, desto kompakter werden Schneekristalle, sie haben dann kaum noch Verzweigungen. Bei Temperaturen von unter -15 Grad spricht man von der wohl faszinierendsten Art des Schnees – dem Polarschnee. Er ist sehr klein und trocken und schwebt fast mystisch durch die Luft. Er kann aus heiterem Himmel auftreten, also auch ganz ohne Wolken. Bei uns kommt er nur selten vor.
Man könnte ewig weiter erzählen – über die Briefe aus dem Himmel. Zum Beispiel darüber, dass es mehr Formen von Schneeflocken als Atome auf der Erde gibt. Hoffen wir – oder zumindest ich hoffe -, dass wir in diesem Winter viele unterschiedliche Briefe empfangen werden.
Text: Julian Pape
Bilder: Rita Maurer