WENN EIN ALTES HAUS AUS ACHT GENERATIONEN ERZÄHLT
DER HOF PADBERG-EWERS IN KÜSTELBERG
Küstelberg, 1870er Jahre. Carl Ewers sitzt in seinem Jagdzimmer mit den unzähligen Trophäen an den Wänden in seinem alten Ledersessel. Er pafft bedächtig eine seiner langen Pfeifen mit den feinen Porzellanköpfen. Der gusseiserne hohe Ofen bullert, die Uhr mit dem römischen Zifferblatt tickt auf der zierlichen Rokoko-Vitrine vor sich hin. Die Schublade seines massiven Eichen-Sekretärs ist aufgezogen. Auf der Platte liegen seine Schreibfedern samt Tuschetöpfchen. Im Fach links darüber blinken die schweren Aussteuer-Sektgläser seiner Frau Maria mit den Initialen ME, daneben ein paar Schnaps-Pinneken.



Vielleicht überlegt C. Ewers, so wie er sich selber sogar in seiner privaten Korrespondenz bezeichnet, ob er auch ein Tagebuch beginnen soll – wie sein Großvater Adam Padberg, dessen in säuberlicher Kurrentschrift beschriebene und gut erhaltene Heftchen ein spannendes Zeugnis vom Küstelberg gegen Ende des 18. Jahrhunderts beinhalten. Oder er brütet über den von Hand gezeichneten Plänen für industrielle Strickmaschinen aus Sachsen, die er als erster Unternehmer weit und breit für seine noch junge Wirkwaren-Firma ins Sauerland holen will. Vielleicht steht er auch auf, geht über die knarrenden Holzdielen in sein Büro und den langen, mit blank gescheuerten Schieferplatten belegten holzgetäfelten Flur an der knarrenden Treppe vorbei, wirft einen Blick durch das sternenförmige Fensterchen in der niedrigen Tür zum Gesindezimmer und betritt dann die große Küche, die früher eine Gaststube war und in der seine Frau Maria mit den Kindern beschäftigt ist – die jüngste Tochter Lene ist gerade erst ein paar Monate alt.
Küstelberg. 2025. Gute 150 Jahre später. C. Ewers und seine Familie leben schon lange nicht mehr. Aber sein Zuhause mit seinen vielen Räumen, den Möbeln, Bildern, Schriftstücken und unzähligen Dingen aus alten Zeiten, die sich in einem Haus über Generationen ansammeln – sie sind alle noch da. Und sie stecken voller Geschichten, u.a. über seine Gäste, die vom Kronprinz von Preußen bis zur Rodellegende Schorsch Hackl reichen.
Sein Zuhause – das ist eins der beliebtesten Fotomotive im Sauerland: Der markante Fachwerkhof der Familien Padberg-Ewers mit seinen imposanten Kastanienbäumen in der Dorfmitte von Küstelberg. 1749 wurde er von Johann Jodocus Padberg gebaut. Heute, über 275 Jahre und acht Generationen später gehört er Marietta Ewers, die seit 2005 mit sehr viel Liebe und Herzblut dafür sorgt, dass dieses historische Stück Sauerland so gut erhalten ist.



PULSIERENDER ORT AN DER HEIDENSTRASSE
Doch fangen wir mal ein paar hundert Jahre weiter vorne an: Wer das beschauliche Örtchen Küstelberg heute kennt, kann sich kaum vorstellen, dass es bis vor knapp 200 Jahren ein bedeutender Dreh- und Angelpunkt im Sauerland war. Grund war die Lage unmittelbar an der Heidenstraße von Köln nach Leipzig, eine der wichtigsten Handels- und Heerstraßen im Mittelalter. Sie war bei Küstelberg teilweise 60 Meter breit – selbst zu heutigen Verkehrsbedingungen unvorstellbare Ausmaße!
Der Fernhandel vom Rheinland in die östlichen Länder lief über diese Straße und damit mitten durch Küstelberg. Der Ort war somit eine bedeutende Station für die Fuhrleute, an der sie rasten und ihre Pferde wechseln konnten.



Im Jahr 1666 errichtete Jakob Padberg für den nach dem Dreißigjährigen Krieg wieder auflebenden Fernhandel einen geräumigen Fachwerk-Speicher, in dem die Kaufleute ihre Waren lagern und untereinander handeln konnten. Rund 1.350 Wagen pro Jahr fuhren Küstelberg an und brachten Dinge wie Kaffee, Zucker, Tabak, Branntwein, Öl, Stoffe, Leder und Kerzen mit. 83 Jahre später baute Johann Jodocus Padberg direkt neben diesem Speicher den besagten großen Hof als Gaststätte mit viel Platz für Familie, Gesinde und Gäste, der zum Mittelpunkt des Dorfes wurde, in dem Kinder geboren wurden und Familienmitglieder starben, in dem Schnaps gebrannt und Bier gebraut wurde und der zeitweilig auch als Wechselstube für Geldgesch.fte diente. Sohn Adam Padberg, der von 1747 bis 1826 lebte und vermutlich das erste Kind war, das im Haus auf die Welt kam, war fast 40 Jahre lang Ortsvorsteher von Küstelberg und hinterließ in seinen erhalten gebliebenen Tagebüchern wertvolle Aufzeichnungen über den Alltag aus dieser Zeit und das harte Leben in einem so hoch gelegenen Sauerländer Dörfchen.
Adams Tochter Katharina übernahm den Hof samt Gasthaus in der dritten Generation und heiratete 1834 den Landwirt Franz Ewers, wodurch der Name von Padberg zu Ewers wechselte. Ihre Kochkünste müssen legendär gewesen sein und sorgten für zwei berühmte Gäste in Küstelberg:
BERÜHMTE GÄSTE
1833 feierte Kronprinz Friedrich Wilhelm, der spätere König von Preußen und Vorgänger von Kaiser Wilhelm I., seinen 38. Geburtstag in Küstelberg, weil sein Baumeister sehr von diesem Örtchen geschwärmt hatte. Übernachtet hat er laut Aufzeichnungen im Eckzimmer zur Kirche hin im ersten Stock – und dabei vermutlich auf einen massiven Schrank geschaut, der dort heute noch steht. Der Kronprinz war seinerzeit so angetan von Katharinas Gastlichkeit, dass er ihr einen Wunsch gewährte. Da abgesehen von der Heidenstraße die Wege im weiten Umkreis um Küstelberg damals eine schlichte Katastrophe waren, bat Katharina ihn um bessere Straßen. Diese wurden tatsächlich auch gebaut – doch dazu kommen wir später, denn erst widmen wir uns dem zweiten Gast:
„Man nehme…..“ – wer kennt nicht diesen klassischen Kochrezepte-Beginn? Die Köchin Henriette Davidis hat ihn 1844 mit ihrem „Praktischen Kochbuch“ quasi erfunden. Teile dieses Kochbuchs – übrigens das erste für das allgemeine Volk und nicht nur für den Adel – hat sie in Küstelberg geschrieben, denn sie war eine gute Freundin von Katharina und besuchte sie öfters. In diesem Kochbuch sind deshalb auch zwei ortstypische Gerichte enthalten: das „Kalbfleisch in Gelee nach Küstelberg“ und die „Teufelssauce nach Küstelberg“.
Und jetzt kommen wir zu den Straßen. Über Jahrhunderte waren darunter nicht mehr als Hohlwege durch die unwirtliche Sauerländer Berglandschaft mit Spurrillen von den Fuhrwerken zu verstehen. Wurden diese Rillen zu tief, wich man einfach ein Stück zur Seite aus. Ob es an der Bitte von Katharina lag, sei dahin gestellt. 1834 wurde tatsächlich eine befestigte „Chaussee“, wie sie damals hieß, aus Richtung Arnsberg nach Winterberg fertiggestellt. Sie führte jedoch weiter nach Hallenberg und ins Hessische – also weit vorbei an Küstelberg. Auch der Eisenbahnverkehr kam auf. Die reisenden Kaufleute mit ihren Pferdegespannen blieben nach und nach aus. Auf der alten Heidenstra.e und damit auch in Küstelberg wurde es immer ruhiger. Die Einwohner besannen sich auf die Land- und Forstwirtschaft. Der Speicher blieb leer, die Gaststätte mit ihren vielen Zimmern im Hof Ewers auch. Carl Ewers, der 1835 geborene Sohn von Franz und Katharina, hatte sie samt dem großen Haus noch übernommen, gab sie nach einigen Jahren jedoch auf.
GRÜNDUNG DER HEUTIGEN FIRMA EWERS STRÜMPFE
Carl hatte jedoch ein unternehmerisches Gespür, das Auswirkungen bis in die heutige Zeit haben sollte: In Fredeburg, dem Heimatort seiner Frau Maria, lernte er die industrielle Weberei kennen. Und so gründete er in dem alten Speicher eine Produktion für Wirkwaren: die heute noch bestehende Firma Ewers Strümpfe in Medebach. Und jetzt sind wir bei der eingangs erwähnten Szene im Jagdzimmer: aus den noch vorhandenen handgezeichneten Plänen für Strickmaschinen, die es bis dahin nur in Sachsen gab, wurde Realität, und sie zogen in den alten Speicher ein. Anfangs wurden Walkjacken produziert, bald kamen Wäsche und Hemden sowie Röcke aus Wolle, ab 1897 dann die ersten Strümpfe dazu.
Die Wirkwarenfirma florierte, so dass Carl oder eben „C. Ewers“ die Produktion ausweitete. Dafür gründete er in Niedersfeld (1873), Medebach (1897), Assinghausen (1911) sowie Hesborn (1925) weitere Werke, in denen zwischenzeitlich über 400 Menschen arbeiteten.
Aus dem gutsähnlich angelegten Hof war nach seiner Gaststättenzeit somit ein Unternehmer-Haus mit großer Landwirtschaft geworden. C. Ewers reiste durch einen Großteil des damaligen Kaiserreiches, um Wolle einzukaufen und mit Kunden Geschäfte zu machen, was durch die aufkommende Industrialisierung nicht einfacher wurde. Seine Erfahrungen hielt er von 1879 bis 1910 in Tagebüchern fest und schuf so ein wertvolles zeitgeschichtliches Dokument. Er setzte sich zudem maßgeblich für den Bau der Kleinbahn zwischen Olsberg-Steinhelle und Medebach ein, die dann tatsächlich von 1902 bis 1953 ihre 36 Kilometer langen und nur 75 Zentimeter breiten Gleise entlangdampfte und auch in Küstelberg hielt. Im 20. Jahrhundert wurde es wieder deutlich ruhiger in dem einst so betriebsamen Gebäude. Weil der Speicher zu klein geworden und die Produktion ja von Küstelberg in die neu gegründeten Werke verlegt worden war, zogen auch die Söhne von C. Ewers als Geschäftsführer jeweils dorthin. Mit Ausnahme von Medebach wurden die anderen drei Betriebe nach einigen Jahrzehnten wieder geschlossen.
Alexander und Franz, Sohn und Enkel von C. Ewers, lebten mit ihren Familien in Medebach, um näher an ihrer Firma zu sein. Zwei Verwalter-Ehepaare kümmerten sich deshalb über Jahrzehnte um das Anwesen in Küstelberg. 1935 musste der zu dem Zeitpunkt fast 270 Jahre alte Speicher der Straßenerweiterung im Dorf weichen und wurde abgerissen. Ein Balken mit der Jahreszahl 1666 befindet sich bis heute über dem Tennentor. Gegen Ende des zweiten Weltkrieges Anfang April 1945 geriet Küstelberg in die Schusslinie der Kämpfe um den sogenannten Ruhrkessel, wodurch es zu tagelangen Gefechten mit Toten und zahlreichen Schäden kam. Auch der Hof Ewers war betroffen.
SANIERUNG IM JAHR 1990
Als Franz Ewers 1989 starb, kaufte sein Neffe Helmut Ewers dessen Kindern das Anwesen ab und sanierte es aufwändig, ohne den alten Charme dabei zu verlieren, und nutzte es bei seinen Aufenthalten in Küstelberg als Jagdhaus. 15 Jahre später verkaufte er es an Claus-Jörg Ewers, den Enkel von Franz Ewers und damit Ururururur-Enkel vom Erbauer Johann Jodocus Padberg und seine Frau Marietta, beide gebürtige Küstelberger. Sie zogen nach ihrer Hochzeit 2005 mit einer Handvoll Studentenmöbeln in das altehrwürdige und vollständig mit dem historischen Inventar eingerichtete Haus ein – denn Franz Ewers hatte seinerzeit verfügt, dass die Möbel das Haus nicht verlassen sollten. „Es war sofort mein Zuhause“, erinnert sich Marietta Ewers gut an diese Zeit.
Das junge Paar hatte viele Pläne: Eine Familie gründen und nach alter Gaststätten-Tradition des Hauses ein Hofcafé eröffnen, in dem einem beim Buttercremetorte-Backen die Kinder um die Beine wuseln sollten. Doch daraus wurde nichts. Claus-Jörg erkrankte an Krebs und starb mit nur 37 Jahren innerhalb von zwei Monaten nach der Diagnose.
Nach dem Tod ihres Mannes musste Marietta ihre Zukunft und die des Hofes neu denken. Die Ideen gingen über das bereits in Erwägung gezogene Hofcafé hin zu einer Hochzeits-Location oder auch einem Ziel für Reisegruppen, die die Natur und deftige Küche des Sauerlandes erleben wollen. Gute und passende Ideen, die sich nach eingehenden Businessplänen und Prüfungen aber selbst mit Förderprogrammen nicht finanzieren ließen.
Die gelernte Controllerin steckte über die Jahre viel Geld und Herzblut in den Hof und seine Fläche, um das riesige alte Gebäude in Schuss zu halten. Ganz wichtig war ihr dabei immer der Grundsatz von Franz Ewers, dass die Räume und Möbel in ihrer historischen Form erhalten bleiben sollten.
Das hat Marietta mit ganz Liebe und einem ausgesprochenen Händchen für geschmackvolle Details umgesetzt. Nur der alte Kuhstall ist grundlegend verändert worden: In ihm ist 2023 eine großzügige Ferienwohnung entstanden, in der Alt und Neu so perfekt wie in einem Wohn-Prospekt miteinander kombiniert worden sind.



Nach über 275 Jahren wird im Geschichtsbuch des Hofs Padberg-Ewers nun bald ein neues Kapitel aufgeschlagen. Lange Zeit konnte Marietta Ewers sich nicht vorstellen, den Hof abzugeben. Vor einigen Monaten kam sie aber zu dem Entschluss – oder besser: der Entschluss kam zu ihr, dass nun jemand anderes übernehmen sollte, der bestenfalls die gleiche Liebe und Leidenschaft für das Haus aufbringt. Daher steht der Hof derzeit zum Verkauf. „Mein Traum ist, dass auf dem Hof Leben und Licht hinter den Fenstern ist. Ich werde das alte Haus schlimm vermissen und wünsche mir, dass die künftigen Besitzer den Hof mit seiner Geschichte weiterhin so schätzen und ihren persönlichen Lebenstraum hier erfüllen können.“
Text: Rita Maurer