VON ROSAMUNDE ZU SINFONISCHER BLASMUSIK AUF HOHEM NIVEAU
DIE KNAPPENKAPELLE DREISLAR FEIERT 75-JÄHRIGES BESTEHEN.
75 Jahre wechselvolle Vereinsgeschichte – da liegt es nahe, einen Artikel darüber mit „Höhen und Tiefen“ zu beginnen. Beim früheren Musikverein und der heutigen Knappenkapelle Dreislar waren die Tiefen sicherlich kräftezehrender als anderswo, wenn man überlegt, was es bedeutet, in einem Dorf von knapp 350 Einwohnern über ein Dreivierteljahrhundert einen Musikverein am Leben zu halten. Um so schöner ist es, dass nun im Mai ein großes Jubiläumsfest ansteht und der Verein so erfolgreich dasteht wie noch nie vorher in seiner Historie.
Doch von Anfang an: Das Saatkorn für einen eigenen Musikverein in Dreislar wurde auf Heiligabend 1950 gelegt. Der Zweite Weltkrieg war gerade mal fünf Jahre vorbei, der Alltag noch davon geprägt. Im Dorf waren einige Ostvertriebene untergekommen, darunter die Familie Frenzel, deren Söhne schon in ihrer niederschlesischen Heimat Instrumente gespielt hatten. Am besagten Heiligabend überraschten Otto Frenzel und Lorenz Brocke die Besucher der Christmette und spielten auf Flügelhörnern Weihnachtslieder auf einer kleinen Anhöhe im Dorf. Das nächtliche Intermezzo hatte nachhaltige Folgen: Mehrere Dreislarer überlegten hin und her, wie sie in den knappen Nachkriegszeiten Instrumente auftreiben und lernen könnten. Eine kleine Trommel stiftete schließlich der Jugendverein Sauerland (später FC Dreislar); die große Trommel der Gesellenverein Medebach (später Kolpingsfamilie). Für ein gebrauchtes Tenorhorn musste ein Schmied eine neue Jauchepumpe zum Tauschen bauen, ein Flügelhorn stammte noch aus dem Frankreichfeldzug, eine Tuba fand vom „Eisenbahner-Regiment Wiesbaden 1903“ über Elkeringhausen ihren Weg nach Dreislar. Sie stellte sich allerdings als unbespielbar heraus, also wurden im Dorf acht Zentner Weizen für eine neue Tuba gesammelt.
GRÜNDUNG IM MAI 1951 MIT 12 MUSIKANTEN
Auf jeden Fall hoben 12 ambitionierte Musikanten im Mai 1951 den Musikverein Dreislar aus der Taufe. Noten hatte bzw. kannte kaum einer von ihnen. Deshalb wurde anfangs samstagnachmittags der Übungsleiter Franz Stock mit dem Motorrad – genauer einer Tornax, die in Dreislar sogar zur Feldarbeit eingesetzt wurde – aus Iserlohn geholt und sonntags mit einer Tankpause in Züschen wieder zurückgebracht. Die Proben fanden zunächst reihum in den Küchen der Musiker statt, später bauten sie sich sogar einen eigenen Musikraum aus Fachwerk an eine Scheune an.


Der erste Auftritt fand mit großem Hurra und Helau beim Karneval 1952 in Dreislar statt. Das Repertoire umfasste genau drei Stücke: Ein treuer Husar, Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien und Rosamunde, die in Dauerschleife gespielt wurden. Bald kamen weitere Auftritte hinzu, z.B. Erntedank- oder Feuerwehrfeste, Schützenbälle und sogar eine Kirmes in Schwarzenborn bei Marburg. Neue Mitglieder fanden sich, denn der Musikverein bot eine nicht so häufige Gelegenheit, auch mal aus dem Dorf und der unmittelbaren Umgebung herauszukommen.
Nach dem Aufwind der ersten Jahre ging es aber wieder bergab. Weil es im Dorf wenig Arbeitsplätze gab und die jungen Leute zudem nicht motorisiert waren, mussten einige Musiker von Dreislar wegziehen, um Arbeit zu finden. Trotz einiger neuer Nachwuchskräfte war der Musikverein ab den 70er Jahren kaum noch spielfähig, es reichte gerade mal für die Begleitung durch eine Handvoll Bläser bei Martinszügen, der Erstkommunion oder am Volkstrauertag.
NEUANFANG 1983
Die Wende kam nach dem Martinszug 1983. Mit ein paar Tassen Glühwein gelang es, Gerhard Brocke aus Dreislar, der seit Jahren in Medelon und in einer Tanzkapelle spielte, zu überzeugen, dem Musikverein wieder auf die Sprünge zu helfen. Das motivierte wiederum eine Reihe Jugendlicher und darunter auch erstmals Mädchen zum Eintritt. Mit regelmäßigen Proben und aktiver Jugendarbeit schaffte der Musikverein Dreislar die Wende, nahm 1985 am Musikfest in Medelon teil und spielte sogar einen Polterabend mit dem Gesamt-Repertoire von damals 13 Stücken. Eine weitere Anekdote dazu: Das 13. Stücke „Rauschende Birken“ musste immer nach der ersten Hälfte abgerissen werden, weil der zweite Teil in G-Dur geschrieben ist, was zu dem Zeitpunkt noch keiner konnte!



Doch kurz darauf kam der nächste Nackenschlag: Einige ältere Musiker hörten auf, auch einige der Neuanfänger. Der Verein war nun eher eine 10-Mann-Kapelle, wie sich einige Aktive heute noch erinnern. Marschmusik war nicht mehr möglich. Und dennoch ließen sich die verbleibenden Musikanten auch von diesem erneuten Tiefschlag nicht unterkriegen.
Mit Unterstützung von anderen Vereinen und u.a. einem guten Draht vor allem nach Hallenberg hielten die Dreislarer sich über Wasser. Und langsam ging es wieder bergauf. Eine entscheidende Wende brachte die Entscheidung, auch Musiker aufzunehmen, die nicht aus Dreislar stammten. Bis heute gehören deshalb vor allem Braunshauser und Berger zum Einzugsbereich und sind aus dem Verein nicht mehr wegzudenken. 1994 wurde erstmals ein Adventskonzert gegeben, das seitdem fest zum Jahreskalender gehört.
Weil der Musikverein Dreislar im Jahr 2000 die Stadtkapelle Hallenberg als Festmusik beim Jubiläums-Schützenfest in Langewiese unterstützte, entstand Kontakt zu den Neuastenberger Schützen. Auf deren Anfrage hin übernahmen die Dreislarer das dortige Schützenfest und begründeten damit eine bis heute andauernde Erfolgsgeschichte. 2006 kamen Nordenau und 2007 Silbach als Schützenfeste hinzu.
UMBENENNUNG IN „KNAPPENKAPELLE“
Im Jahr 2008 fiel nach langjährigen Diskussionen eine bedeutende Entscheidung, die nicht nur in die Geschichtsprotokolle einging, sondern auch optisch sehr prägend war: Anlässlich der Schließung der Schwerspatgrube, die einen Schlusspunkt unter 230 Jahre Bergbau in Dreislar setzte, benannte sich der Musikverein in „Knappenkapelle Dreislar“ um und wechselte nach vielen Jahren zuerst in braunen und dann in roten Jacken in die traditionelle schwarze Uniform, den sogenannten „Bergkittel“, der Knappen mit ihren markanten Hüten. Die Musiker traten erstmals in dieser neuen Kluft bei der Eröffnung des Schwerspatmuseums und beim Kreisschützenfest in Hallenberg auf.
Um die erfolgreiche Nachwuchsarbeit noch weiter zu festigen, wurde im Jahr 2011 gemeinsam mit dem Musikzug Medebach ein Jugendorchester gegründet, zu dem in diesem Jahr auch die Jungmusiker aus Medelon stoßen werden. Für die Jüngsten wird eine fundierte musikalische Früherziehung angeboten.
Aktuell spielen 45 Musikerinnen und Musiker in der Knappenkapelle und im Jugendorchester. Wer beispielsweise beim letzten Adventskonzert ihr hohes sinfonisches Niveau gehört hat oder auf den Schützenfesten die ganze musikalische Bandbreite angefangen bei kirchlichen Chorälen über Marschmusik, den Großen Zapfenstreich bis hin zu Stimmungs- und Tanzmusik miterlebt, kann sich nur schwer vorstellen, welche Durststrecken die Knappenkapelle in den vergangenen 75 Jahren immer wieder gemeistert hat. Neben den Musikern, die sich nicht unterkriegen ließen, ist das vor allem auch der konsequenten Arbeit der Dirigenten zu verdanken. Sie stammten alle aus dem eigenen Verein: Lorenz Brocke, Peter Steden, Gerhard Brocke, Frank Brocke, Dominik Tepel, Viktor Wiens und Johanna Knecht.
Herzlichen Glückwunsch also an die Knappenkapelle Dreisar – auf dass Euer jetziger Höhenflug mindestens die nächsten 75 Jahre anhalten möge!
ZWEITATIGES MUSIKFEST
Eine Menge gute Gründe also für die Knappenkapelle Dreislar, ihre 75 Jahre Bestehen mit allen Höhen und Tiefen ordentlich zu feiern. Deshalb laden die Knappen alle Musikbegeisterten zu ihrem großen Musikfest am 9. und 10. Mai 2026 in die Schützenhalle Dreislar ein:
Samstag, 9. Mai 2026
18:00 Uhr Empfang der Gastvereine
18:45 Uhr Konzertvorträge
21:30 Uhr Party mit der Band „Airport“
Sonntag, 10. Mai 2026
11:00 Uhr Empfang der Gastvereine
11:45 Uhr Konzertvorträge
13:30 Uhr musikalische Unterhaltung mit „Fettansatz“
Text: Rita Maurer
Fotos: Rita Maurer, Max Maurer, Anna Maurer, Privat