VOM SAUERLAND NACH LAS VEGAS — MIT GLITZER, DISZIPLIN UND MUSKELKRAFT
JANINE BECKER FEIERT IHREN TITEL ALS VIZE-WELTMEISTERIN IM BODYBUILDING UND QUALIFIZIERT SICH FÜR DIE OLYMPISCHEN SPIELE IN DEN USA.
Wenn Janine Becker die Bühne betritt, funkelt nicht nur ihr maßgeschneiderter Bikini – sondern auch ihre Entschlossenheit. Mit eiserner Disziplin, neun Monaten harter Vorbereitung und unzähligen Stunden Training hat sie sich den Titel der Vize-Weltmeisterin in der Kategorie „Sport Model“ im Bodybuilding erkämpft. Nun steht das nächste Ziel fest: die Olympischen Spiele in Las Vegas im US-Bundesstaat Nevada im kommenden Jahr.
Doch hinter dem perfekten Körper steckt nicht nur eiserner Wille, sondern auch eine bemerkenswerte Portion Selbstreflexion. Die 30-Jährige weiß genau: Die extreme Form, die auf der Bühne gefordert ist, ist nicht „normal“ – und soll es im Alltag auch nicht sein. „In der Wettkampfphase denkt man, es geht einem gut. Aber erst wenn man wieder mehr isst, merkt man, wie der Körper gelitten hat. Wettkampf-Form ist kein Dauerzustand – und das ist auch gut so.“
ANDERE KÖNNEN AN IHREM PROZESS TEILHABEN
Diese Ehrlichkeit begeistert. Die frühere international erfolgreiche Skeleton-Pilotin des BSC Winterberg lässt ihre Follower in den sozialen Medien und ihr Umfeld an ihrem Prozess sehr transparent teilhaben – nicht nur an den Erfolgen, sondern auch an den Herausforderungen, und die sind nicht ohne. Sie verschweigt den überaus harten Weg bis zum Optimalgewicht für die Bühne nicht, sagt aber auch, dass der Körper nach dem Wettkampf wieder weicher wird, und sie auch hier wieder lernen muss, mit den neuen Proportionen umzugehen. Und sie lässt auch nicht aus, dass diese Balance viel mit mentaler Stärke zu tun hat.
HARTE VORBEREITUNGSZEIT MIT VERZICHT
Die Vorbereitungszeit war hart, und ihr Umfeld schauten mitunter sehr besorgt auf ihr Vorhaben. Ein gemeinsamer Besuch in einem Restaurant in der Wettkampf-Vorbereitungsphase – für die ehrgeizige Sportlerin schwierig, denn sie wollte ihren Ernährungsplan strikt einhalten. Wenn es zu Freunden ging, brachte Janine sich ihr Essen selbst mit. „Ich habe das konsequent durchgezogen, denn das alles kann man ja nach dem Wettkampf nachholen“, so die 30-Jährige. Auch ihr Freund Sebastian, mit dem sie zusammen nun in Remblinghausen lebt, hatte es mitunter nicht leicht und wusste genau, wenn seine Partnerin einfach mal ihre Ruhe brauchte und ihre Zündschnur extrem kurz war. „Er ist immer eine große Stütze für mich“, freut sich Janine Becker, die trotz ihrer strengen Diät täglich frisch für ihn gekocht hat. Und nach den Wettkämpfen? „Ja, da gönnen wir uns gerne zusammen auch mal eine Pizza. Und ja, ich genieße das, aber auch da muss man erst mal wieder hinkommen. Das ist nicht so leicht. Anfangs ist es schwer zu essen ohne die Mahlzeiten zu tracken!“


MOTIVATION DURCH IHREN COACH
Auch wenn Janine Becker selbst Personal Coach ist und sogar ein eigenes Fitnessstudio betreibt, brauchte sie für ihr Vorhaben auch einen eigenen Trainer. Diese Aufgabe hat Julian Silberg übernommen. Trainiert hat Janine zwar allein, aber die beiden sind über eine App verbunden.
Hätte mir jemand gesagt, dass ich mich für die WM qualifiziere und dass ich dann sogar Vize-Weltmeisterin werde, hätte ich ihn ausgelacht.
JANINE BECKER
Janine trackt ihre Mahlzeiten und ihre Trainingseinheiten, der Coach korrigiert und motiviert und war so immer an ihrer Seite. Auch das Posing musste trainiert werden, und hier ging die Sauerländerin bei Elena Grass in eine gute Schule. Gewöhnungsbedürftig für die 30-Jährige waren die High Heels. „Weil ich eh schon groß bin, trag ich nie hohe Schuhe. Ich habe mir die Highheels direkt ans Bett gestellt, damit ich morgens sofort damit loslaufen kann. Ich musste das lernen“, so Janine Becker.
Ihre erste Saison im Bodybuilding verlief so erfolgreich, wie sie es niemals gedacht hatte. „Hätte mir jemand gesagt, dass ich mich für die WM qualifiziere und dass ich dann sogar Vize-Weltmeisterin werde, hätte ich ihn ausgelacht“, so die 30-Jährige. Aber genau so ist es gelaufen. Die WM fand im spanischen Salou statt. Auf das Trainingslager folgte der Wettkampf, wo Janine alles gab. Perfektes Posing gehören genauso dazu wie die Persönlichkeit der Athletinnen. „Das ist sehr anstrengend. Du stehst da im Grunde 30 Minuten in kompletter Anspannung auf der
Bühne“, erzählt die Vize-Weltmeisterin, die sich mit dieser Platzierung automatisch für die olympischen Spiele in der glamourösen Spielermetropole Las Vegas qualifizierte. „Das ist einfach so krass“, so Janine Becker, die sich ganz in Ruhe und zusammen mit ihrem Freund überlegt hat, ob sie dort an den Start gehen möchte, denn der Weg wird kein leichter sein. Aber eine Teilnahme an Olympia hat auch einen ganz besonderen Reiz, und es ist für viele Sportlerinnen und Sportler der größte Traum. Die Olympischen Spiele sind die Gelegenheit, sich mit den besten Bodybuilderinnen der Welt zu vergleichen, und das möchte sich die Winterbergerin nicht entgehen lassen.



VON DER BIKINI-KLASSE IN DIE FIGUR-KLASSE
Janine Becker ist in der Bikini-Klasse und in der Kategorie „Sport Model“ gestartet. Die Bikini-Klasse gilt als eine der einsteigerfreundlichsten, aber gleichzeitig auch wettbewerbsintensivsten Kategorien im Frauen-Bodybuilding. Hier liegt der Fokus nicht auf maximaler Muskelmasse, sondern auf einer symmetrischen, athletischen und ästhetischen Form. Bewertet werden unter anderem Schulter-Taille-Hüfte-Verhältnis, eine leichte, definierte Muskulatur ohne extreme Härte sowie Bühnenpräsenz und Ausstrahlung. Nun aber möchte Powerfrau Janine auch in der Figurklasse starten, das bedeutet zunächst einmal, dass sie an Gewicht zulegen muss, um dann in den Muskelaufbau zu gehen. Janine Becker ist bereit und nach der Pause bereits wieder im Trainingsmodus angekommen.
EXPERTISE WEITERGEBEN UND ANDEREN HELFEN
Olympia ist also das nächste Ziel dieser außergewöhnlichen Reise. Doch egal, wie groß der Glitzer auf der Bühne wird – im echten Leben zählt für sie noch immer das, was zwischen den Wettkämpfen passiert: Gesundheit, Partnerschaft, Familie und einfach die Freude am Sport. Zudem macht es sie glücklich, wenn sie in ihrer Funktion als Personal Trainerin anderen Menschen helfen kann. „Es ist mir superwichtig, dass ich anderen meine Expertise und Erfahrung weitergebe“, so die 30-Jährige.
Text: Carmen Ahlers
Fotos: Privat