VOM SAUERLAND INS HERZ KOLUMBIENS
NACH DEM ABITUR ZIEHT ES CHRISTINA HENNECKE AUS WINTERBERG ANS ANDERE ENDE DER WELT. IN KOLUMBIEN ENGAGIERT SICH DIE 18-JÄHRIGE IN SOZIALEN PROJEKTEN, ERLEBT LEBENSFREUDE UND GASTFREUNDSCHAFT.
Während sich das Sauerland in sein Winterkleid hüllt, die ersten Schneeflocken tanzen und der Geruch von Kaminholz durch die kalte Luft zieht, ist Christina Hennecke mehr als 9.000 Kilometer entfernt. Die 18-Jährige, die in diesem Sommer am Geschwister-Scholl-Gymnasium in Winterberg ihr Abitur gemacht hat, hat ihre Heimat im Sauerland vorübergehend gegen ein neues Zuhause in Südamerika eingetauscht – genauer gesagt: gegen Armenia, eine Stadt im Herzen Kolumbiens, umgeben von sattgrünen Kaffeeplantagen. Dort leistet sie ein Freiwilliges Soziales Jahr im YMCA, dem internationalen Partner des CVJM.



„Ich wollte nach dem Abitur unbedingt etwas Neues erleben – raus von zu Hause, Menschen helfen und gleichzeitig ein Stück von der Welt sehen“, erzählt Christina Hennecke. Schon früh sei sie von anderen Kulturen fasziniert gewesen, von Sprachen, Festen und Geschichten. Dass ihre Eltern im CVJM aktiv waren, habe den Weg zu ihrer Einsatzstelle geebnet. Kolumbien, sagt sie, habe sie sofort begeistert: „Dieses Land ist so vielfältig – tropische Strände, Nebelwälder, die Anden. Und dazu diese unglaubliche Lebensfreude der Menschen.“
ZWISCHEN PROJEKTEN UND PARADIES
Christinas Freiwilligendienst ist alles andere als ein Urlaub in der Sonne. In Armenia engagiert sie sich in mehreren Projekten des YMCA, die vor allem Kinder, Jugendliche und sozial benachteiligte Gruppen unterstützen. Besonders am Herzen liegt ihr das Programm „Paza la Paz“, was so viel heißt wie „Schritt zum Frieden“. Es richtet sich an Jugendliche, die unter den Folgen des jahrzehntelangen bewaffneten Konflikts in Kolumbien leiden. Die 18-Jährige erläutert: „Wir geben Workshops, sprechen über Emotionen, Zukunftsträume und den Umgang mit Konflikten. Die Jugendlichen gestalten Kurzfilme oder Podcasts – sie lernen, ihre Stimmen hörbar zu machen.“
KEINE ANGST VOR TABU – THEMEN
Des Weiteren hilft sie im Projekt „Salud Mental“, das sich mit psychischer Gesundheit beschäftigt. Gemeinsam mit Schulen und Jugendgruppen sprechen die Freiwilligen über Themen wie Stress, Angst oder Selbstvertrauen – Themen, die in Kolumbien noch oft tabuisiert werden. „Manchmal ist es anstrengend, aber wenn ich sehe, wie offen die Jugendlichen mitmachen, ist das einfach schön“, sagt sie.
ARBEIT MIT DROGENABHÄNGIGEN MENSCH
Ein besonderes Herzensprojekt ist für Christina der Kreativkurs in einem ehemaligen Krankenhaus, wo sie mit Männern arbeitet, die drogenabhängig waren. „Stellt euch 20 Männer an einem Tisch vor, die Ohrringe häkeln – das ist einfach großartig! Ihre Offenheit und Motivation beeindrucken mich jeden Tag.“ Außerdem hilft sie in einem Umweltprojekt beim Pflanzen von Gemüse. Und dann ist da noch das Zirkusprojekt
„Es geht mir nicht darum, Sehenswürdigkeiten abzuhaken. Ich will Menschen begegnen und verstehen, wie sie leben.“

„Ich glaube, das ist das Schönste. an diesem Jahr – zu merken, dass man überall auf der Welt etwas bewegen kann, auch wenn es nur kleine Schritte sind.“
„Sancos“, bei dem Jugendliche auf Stelzen laufen und akrobatische Shows aufführen. „Letztes Wochenende hatten sie eine Vorstellung – die Freude in ihren Gesichtern war unbezahlbar“, sagt die Winterbergerin.
VON WINTERBERG NACH QUINDIO
Ihr neues Zuhause liegt im sogenannten Kaffeedreieck, Christina lebt bei einer Gastfamilie in Armenia. „Meine Gastmutter sorgt liebevoll dafür, dass ich immer genug esse“, erzählt sie lachend, „mein Zimmer ist klein, aber gemütlich – ich fühle mich hier wirklich zuhause.“ Der Alltag unterscheidet sich deutlich vom Leben im Sauerland. „Hier ist alles viel spontaner. Es kann sein, dass man abends erfährt, dass man am nächsten Morgen um sieben Uhr irgendwo sein muss“, sagt sie, „inzwischen stört mich das gar nicht mehr. Die Menschen sind so herzlich und offen, dass man sich einfach treiben lässt.“ Die Lebensfreude spüre man überall, sagt die frischgebackene Abiturientin. „Hier wird ständig gefeiert. In meiner Nachbarschaft läuft die Musik manchmal bis drei Uhr morgens. Ich wurde schon gewarnt, dass es Weihnachten noch lauter wird“, erzählt sie schmunzelnd.
Am meisten beeindruckt hat sie die Wärme der Menschen: „Zur Begrüßung gibt es einen Kuss auf die Wange und eine feste Umarmung – man fühlt sich sofort willkommen. Und beim Abschied heißt es fast immer ‚Dios te bendiga‘ – ‚Gott segne dich‘. Das finde ich wunderschön.“
INTENSIVE VORBERITUNG MIT SPONSORENSUCHE
Bevor sie nach Kolumbien aufbrach, stand für Christina eine intensive Vorbereitung an – Seminare beim CVJM, Sprachkurs in Barcelona, unzählige organisatorische Aufgaben. „Ich musste mich um Visa, Versicherungen und Impfungen kümmern – Danke an Dr. Böttcher, der mich durchgeimpft hat“, sagt sie mit einem Augenzwinkern. Dazu kam die Spendensuche, um den Freiwilligendienst zu finanzieren. „Das war für mich die unangenehmste Aufgabe. Ich habe Flyer gestaltet, einen Instagram-Account gemacht und Firmen im Sauerland angesprochen. Aber es hat sich gelohnt, ich bin unendlich dankbar für die Unterstützung.“ Zur kulturellen Einstimmung hörte sie in ihrer Freizeit in Winterberg kolumbianische Musik, und auf YouTube lernte sie die ersten Salsa-Schritte.
OMAS NUDELAUFLAUF FEHLT IN DER FERNE
Natürlich läuft nicht jeder Tag perfekt. Einmal sei sie an ihre Grenzen gekommen, so die 18-Jährige. „Wir mussten an einem Tag sechs Workshops hintereinander geben – mit Grundschulkindern. Danach war ich einfach fertig. Als wir erfuhren, dass wir am nächsten Morgen um sieben Uhr wieder losmüssen, war mein Limit erreicht.“ Trotzdem überwiegt die Freude über das, was sie erlebt. Hat Christina Hennecke Heimweh? „Nicht richtig. Aber klar, manchmal fehlt mir meine Familie. Oder einfach der dm-Markt. Und natürlich Omas Nudelauflauf und mein kleiner Bruder“, sagt sie.
FREUNDSCHAFT, GLAUBE UND GEMEINSCHAFT
In ihrer knappen Freizeit besucht Christina einen Spanischkurs, geht ins Fitnessstudio und tanzt Salsa. Sonntags trifft sie ihre Freunde in der Kirche – „ein Ort, der hier voller Leben ist“, erzählt sie. Vor kurzem war sie beim großen Freiwilligentreffen aller YMCA-Standorte in Kolumbien. „Da habe ich viele tolle Leute kennengelernt. Einige haben mich nach Cali eingeladen – ich werde sie bald besuchen“, freut sie sich. Im Dezember möchte sie das Land weiter erkunden. „Ich habe drei Wochen Urlaub und über Weihnachten frei. Außerdem findet unser Zwischenseminar in Peru statt – ich bin gespannt, was mich dort erwartet.“ Doch Reisen ist für sie kein Selbstzweck. „Es geht mir nicht darum, Sehenswürdigkeiten abzuhaken. Ich will Menschen begegnen und verstehen, wie sie leben.“



WINTERBERG BLEIBT HEIMAT, KOLUMBIEN ABER IM HERZEN
Wenn Christina über Kolumbien spricht, leuchten ihre Augen. Zwischen Palmen, Lachen und Straßenmusik findet sie nicht nur neue Freunde, sondern auch ein Stück von sich selbst. „Ich lerne, geduldig zu sein, loszulassen und Vertrauen zu haben. Hier ist nichts perfekt, aber alles echt“, meint die junge Frau, und fügt hinzu: „Ich glaube, das ist das Schönste an diesem Jahr – zu merken, dass man überall auf der Welt etwas bewegen kann, auch wenn es nur kleine Schritte sind.“ Ob sie nach dem Jahr zurück ins Sauerland kommt, weiß sie schon: „Natürlich. Winterberg bleibt meine Heimat. Aber ein Teil meines Herzens wird immer in Kolumbien bleiben.“
Von Herzen dankt die Winterbergerin allen Sponsoren und Unterstützern, die bisher geholfen haben, dass sie ihren Traum vom Freiwilligen Sozialen Jahr verwirklichen kann. Rund 14.000 Euro kostet ihr Einsatz vor Ort in Kolumbien, den größten Teil der Kosten trägt das entwicklungspolitische Programm „weltwärts“. 5000 Euro muss Christina selbst finanzieren.
Text: Carmen Ahlers
Fotos: Privat