Verklebt, vergessen, geliebt: Die Litfaßsäule in Olpe

Fast vor genau 170 Jahren erschien die Litfaßsäule in den Straßen Berlins. Sie wurde zum Massenmedium für Nachrichten, Amtsblätter, Werbung und Propaganda. Heute ist dieses analoge Format der Außenwerbung aus vielen Städten verschwunden. Und in unserer Heimat ist Olpe die einzige Stadt, in der es sie noch gibt.

Es war der 1. Juli 1855, als Ernst Litfaß seine ersten Werbesäulen in Berlin der Öffentlichkeit präsentierte. Begleitet mit viel Tamtam und mit schon bald weltweit großem Erfolg. Um 1950 gab es allein in West-Berlin rund 20.000 Litfaßsäulen. In den 2010ern Jahre waren es gerade noch etwa 2500 Stück dieser ‚runden Idee‘. Deutschlandweit schätzt man die Zahl heute auf 50.000 – mit rückläufiger Tendenz. Als in der Bundeshauptstadt 2019 ein Großteil der alten Litfaßsäulen abgebaut werden sollte, war die Empörung groß. Zwei Dutzend wurden in ihrer ursprünglichen Form erhalten, sind heute Denkmal und Kult.

Die HEIMATLIEBE hat sich im Kreis Olpe umgehört, Archive und Kommunen angeschrieben. Aus den Rathäusern kam immer die gleiche Antwort: Es gibt kaum Unterlagen, kaum Informationen und auch keine Litfaßsäulen mehr. Nur in der Kreisstadt sieht es anders aus. Vor dem alten Bahnhof, der nun in seinem 150. Jahr abgerissen wird, steht eine Litfaßsäule. Und eine weitere stadtauswärts in der Nähe eines griechischen Restaurants, etwas versteckt hinter Bäumen, Büschen und einer Ampel. Sie haben die Zeiten als stille Chronisten in den Straßen der Kreisstadt überdauert. Ob das wohl noch lange so ist? Höchste Zeit also, an die Leistungen der Litfaßsäule zu erinnern.

1855 – Als die Werbung rund wurde
Er war Geschäftsmann, Drucker, Medienprofi – und auch ein Visionär: Ernst Theodor Amandus Litfaß, geboren am 11. Februar 1816 in Berlin, und der Mann, der der Werbung eine Säule schenkte. Mit scharfem Blick erkannte er das Chaos in seiner Stadt: An jeder Straßenecke, an jeder Hauswand,
an Laternen, Mauern und Bäumen klebten Plakate und Zettel, wild, ungeordnet, kreuz und quer, illegal. Totenzettel, Theaterankündigungen, Zirkusplakate, Warenangebote, politische Aufrufe und Pamphlete.

Mit seiner Säule hatte Litfaß die Lösung, um den öffentlichen Raum zu ordnen. Die Idee schlug ein. Behörden, Händler, Veranstalter, Künstler, alle wollten ihre Botschaften sichtbar platzieren. Schon bald standen in Berlin Hunderte, dann Tausende in ganz Deutschland und alsbald eroberte die Litfaßsäule auch andere europäische Städte. Sie wurde zur neuen Bühne der Stadtkommunikation. Mit ihr gab es erstmals einen klar definierten Ort, einen festen Anlaufpunkt im Alltag, wo die Menschen gezielt nach Informationen und Neuigkeiten suchen konnten. Auch wenn Litfaß gemeinhin als Erfinder der Säule anerkannt ist, so ganz stimmt das nicht. Die mit eigenem Patent in Berlin eingeführte und nach ihm benannte „Annoncier-Säule“ war inspiriert von Vorläufern in London und Paris.

Litfaß starb 1874 während einer Kur in Wiesbaden. Begraben wurde er auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin. Abbildung: Ernst Litfaß, um 1850. Kreidezeichnung von Leopold Ahrendts. Sammlung Stiftung Stadtmuseum Berlin.

Viel mehr als ein Ort für Plakate
Gedacht war die Litfaßsäule schlicht als Mittel zur Ordnung gedruckter Kommunikation. Ihr Potential war indes um ein Vielfaches größer: Sie wurde Zeitdokument urbanen Lebens, zum Spiegel gesellschaftlicher, sozialer und kultureller Strömungen. Sie prägte wie kaum ein anderes Medium unser öffentliches Gedächtnis. Sie erzählte von Premieren und flüchtigen Sensationen, von Propaganda und Protest. Werbung, Kunst, Politik, private Mitteilungen – die Litfaßsäule zeigte zu jeder Zeit und unmittelbar, was die Menschen bewegte – ohne Likes, ohne Targeting. Ihre runde Form und die übereinander geklebten Zettel schufen eine lebendige und ständig wechselnde Oberfläche gleich einem immer aktuellen Tagebuch der Gesellschaft, das man nicht nur anschauen konnte, sondern auch anfassen, abreißen und mitnehmen. Die Kombination aus regulierter Nutzung und freier Meinungsäußerung machte die Litfaßsäule einzigartig. Sie war sozusagen das erste Soziale Netzwerk überhaupt.

Stadtmöbel im Wandel – Die Zukunft der Litfaßsäule in Olpe
Die goldenen Zeiten der analogen Litfaßsäule scheinen gezählt. Ihre digitalisierte Schwester hat nur wenig mit ihr gemein. Sauber, glatt und seelenlos hat sie keinen ungefilterten Raum für spontane Öffentlichkeit, für taktile Kommunikation, für niedrigschwellige Sichtbarkeit.

Früher waren Litfaßsäulen auch bei uns fast nahezu in jedem Dorf, in jeder Stadt zu finden.
In Attendorn beispielsweise am Feuerteich, am Bahnhof oder am Wassertor an der Ecke zum Südwall. Letztere ist beim Bombenangriff im März 1945 umgekippt und lag lange am Straßenrand. In Olpe gab es eine auf der Bleichewiese, auf dem Marktplatz und eben heute noch am Bahnhof.

In Zeiten immer funktionalerer und austauschbarer werdender Städte steht die Litfaßsäule vor ihrer wohl größten Herausforderung: Bedeutungsverlust, Abriss oder Renaissance? Wo sie noch steht, wirkt sie ein bisschen wie eine Zeitkapsel. Rund, charmant, trotzig – auch wenn ihr das Flimmern der Stadt auf Papier inzwischen fehlt. Und so darf man sich fragen, was mit der Litfaßsäule am bald ehemaligen alten Olper Bahnhof passiert. Wird sie, weil allenfalls noch für Nostalgiker von Interesse, ebenso verschwinden. Oder bekommt sie die Chance als ein Stück urbaner Erinnerungs-
kultur weiterzuleben …?

Text: Birgit Engel, Fotos: Nachweise am Bild