VERGÄNGLICHE KUNSTWERKE AUS EIS
JOACHIM KNORRA AUS HESBORN SCHNITZT SEIT FAST 40 JAHREN EIS-SKULPTUREN.
Angefangen hat alles mit Rudi Carrell: In einer Fernseh-Show mit dem holländischen Entertainer sah Joachim Knorra als Kind ganz fasziniert einen Künstler, der Figuren aus Eis schnitzen konnte. Der Gedanke daran ließ ihn nicht mehr los. Einige Jahre später machte der Hesborner seinen Traum wahr und gehört seit fast vier Jahrzehnten zu einer Handvoll an Eiskünstlern in ganz Deutschland. Im Mai steht nun ein weiterer Meilenstein an: Dann wird das Eisschnitzen zum Hauptberuf!
Doch damals als Kind war an eine solche Karriere nicht zu denken. Erstmal absolvierte Joachim Knorra, der gebürtig aus Bromskirchen stammt, eine Ausbildung als Bäcker beim Café Krämer in Winterberg und verpflichtete sich dann als Koch bei der Bundeswehr. Weil auf Offiziersbällen öfters die Büffets mit Eisskulpturen dekoriert wurden, durfte er ab Ende der 80er Jahre an entsprechenden Lehrgängen teilnehmen – und traf dort als Ausbilder tatsächlich den damaligen Eisschnitzer aus dem Fernsehen wieder.
Damit war das Eisfieber endgültig ausgebrochen, 1993 wurde ein Nebengewerbe angemeldet. Weil er gleichzeitig die Zeichen der Zeit erkannte und in den Anfängen des Internets schon eine eigene Homepage erstellte, kamen schnell von nah und fern Aufträge. Heute ist Joachim Knorra ein bekannter Eisschnitzer, der mit Motorsäge und Meißel entweder in seinem eigenen Atelier in Hesborn oder auf öffentlichen Veranstaltungen erstaunlich filigrane Figuren aus zentnerschweren Eisblöcken fertigt und dabei fast jeden Wunsch umsetzen kann.
EIGENE TECHNIK ZUM EINFRIEREN
Bei unserem Besuch in seiner Werkstatt ist gerade ein großer Pinguin in der Mache, der für eine Firma in Essen bestimmt ist. Die Figuren werden aus Eisblöcken geschnitzt, die der 63-Jährige selber herstellt. Dafür hat er Formen aus Edelstahl konzipiert, die 50 Liter Wasser fassen. Alleine in einem durchschnittlichen Dezember, der durch seine Weihnachtsmärkte meistens die Hochphase der Schnitzerei darstellt, werden bis zu drei Tonnen Eis benötigt. Hochsaison sind natürlich die Wintermonate, aber Nachfrage herrscht das ganze Jahr. Selbst heiße Sommertage sind kein Hindernis, notfalls gibt es eben „Speed-Carving“, dann muss eine Figur in einer halben Stunde fertig sein. Geschätzt 85 Prozent aller Figuren werden live vor Ort geschnitzt. Auch die rutschfesten Transport-Kisten sind Marke Eigenbau und haben eine Styropor-Polsterung, in denen sich die Blöcke oder Figuren acht bis neun Stunden halten. So waren auch schon Fahrten bis nach Wien möglich.



Das Besondere an den Skulpturen ist, dass sie aus glasklarem Eis bestehen. Wer schon mal selber Eiswürfel eingefroren hat, weiß, dass diese eigentlich trüb-weiß aus dem Eisfach kommen. Das Prozedere, das Eis klar zu kriegen, hat Joachim Knorra über lange Zeit selber erforscht. Denn als er mit dem Eisschnitzen anfing, gab es kein Google und – wie auch heute noch – nur ganz wenige weitere Eiskünstler in Deutschland, die ihre Geheimnisse der Eisproduktion aber tunlichst nicht verrieten. Versuche mit Zusätzen wie u.a. Salz oder Zucker scheiterten. Aufgefallen ist ihm die Lösung letztlich in der Natur beim Beobachten von zugefrorenen Pfützen, die weiß waren, im Gegensatz zu klaren Eiszapfen: die Bewegung des Wassers machte also den Unterschied! Also tüftelte er eine Konstruktion mit Pumpen aus der Aquariumstechnik aus, durch die mit dünnen Röhrchen Luft beim Einfrieren in die Edelstahlformen geleitet wird.
DER WEG IST DAS ZIEL
Wenn die Eisblöcke aus der Gefriertruhe kommen, sind sie rund minus 20 Grad kalt und hart wie Eisen. Die beste Temperatur zum Schnitzen ist ca. minus 10 bis 12 Grad, dann hat das Eis in etwa eine Konsistenz wie Holz. Die groben Umrisse werden mit einer Säge aus den Blöcken herausgearbeitet, die Feinarbeiten folgen dann mit speziellen Meißeln und Handsägen. Für neue oder beauftragte Figuren macht Joachim Knorra erstmal Zeichnungen auf einem Blatt Papier und setzt diese dann in 3D um. Viele seiner Standard-Motive hat er längst auswendig im Kopf. Je nach gewünschter Größe werden die Eisblöcke kleiner geschnitten oder mit Bügeleisen zu größeren Gebilden geformt, die bis zu 2,50 Meter hoch werden können.



80 bis 100 Skulpturen entstehen auf diese Weise pro Jahr, meistens für Feste, Firmen oder auch Hochzeiten. Je nach Außentemperatur dauert das Wegschmelzen wenige Stunden bis zu ein oder zwei Tagen. Hand aufs Herz: Tut es einem nicht in der Seele weh, wenn so viele Stunden Arbeit für immer weg sind? „Nein, der Weg ist für mich das Ziel“, antwortet Joachim Knorra. Und setzt lakonisch hinzu: „Außerdem bleibt so ja die Nachfrage erhalten.“
Die Nachfrage ist definitiv da und teilweise sehr prominent: Über eine Geige auf dem Geburtstagsbüffet von André Rieu über Fernsehauftritte beim WDR, RTL oder Sat1 bis hin zur Beraterfunktion und einem eigens aufgebauten Filmset für eine ZDF-Produktion war schon alles dabei.
PROMINENTE AUFTRAGGEBER
Neben zahlreichen Eisschnitz-Seminaren, zu denen Privatleute, aber auch Küchenmeister aus ganz Deutschland kommen, besteht jeden ersten und dritten Samstag im Monat von 15 bis 17 Uhr (weitere Termine auf Anfrage) die Gelegenheit, am Eishäuschen in Hallenberg beim Anfertigen einer Skulptur dabei zu sein oder nach Voranmeldung auch selber Hand anzulegen. Im Eishäuschen sind zudem in Spezial-Vitrinen wechselnde Ausstellungen zu sehen – aktuell tropische Vögel. Davor gab es Themen wie u.a. Wildtiere, Eisblumen, „Im Meer“ oder Hallenberg mit seinen markanten Gebäuden oder einer Bierflasche aus Eis.
Mit der Änderung der Bestattungsformen ist in den vergangenen Jahren ein spezielles Angebot hinzugekommen: Skulpturen für Beerdigungen. Der Gedanke dazu entstand, weil Trauernde den Wunsch hatten, auf einem Rasengrab oder im Ruhewald, wo keine Kränze oder Blumen gestattet sind, einen letzten Gruß für ihre Verstorbenen zu hinterlassen. Denn die Eis-Kunst ist vergänglich wie das Leben – nach einiger Zeit bleiben von ihr nur noch Erinnerungen zurück, nachdem das Schmelzwasser zuvor ins Grab gezogen ist.
Ab Mai steht nun ein neuer Lebensabschnitt an: die Rente. Man ahnt es schon, mit Ruhestand wird es aber wohl eher nichts. Denn ab diesem Zeitpunkt will Joachim Knorra seine Kunst hauptgewerblich betreiben. Das bedeutet, dass er sich für einige Projekte auch einfach mehr Zeit nehmen kann, denn bisher mussten so manche Aufträge nach Feierabend in Angriff genommen und ausgeliefert werden, was nicht selten mit mehreren Stunden Hin- und Rückfahrt und entsprechend kurzen Nächten verbunden war.
Text: Rita Maurer
Fotos: Rita Maurer, Privat