Tanja Brandts Leben ist gespalten: Erst schnell, dynamisch, energiegeladen – jetzt ruhiger, entspannter, im Moment lebend. Die 57-Jährige erleidet vor ein paar Jahren einen Schicksalsschlag, der verändert alles. Heute ist Tanja Brandt eine der bekanntesten Tierfotografinnen Deutschlands. In Brilon-Hoppecke hat sie ihr neues zu Hause gefunden. Hier lebt sie inmitten von Eulenkrallen und Hundepfoten.
Die Tierfreundin und Eulenmutter aus Hoppecke
Die erste Begegnung ist stürmisch und herzlich. Tanja Brandt empfängt mich in ihrem “wilden“ Haus in Hoppecke, wie sie es liebevoll nennt. Gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten renoviert sie es derzeit. Alles ist etwas wuselig. Während Tanja Brandt an der Kaffeemaschine rumhantiert, sprudelt es nur so aus ihr raus. Wenn es um Tiere geht, leuchten ihre Augen. Sie sind ihre Liebe und ihr Leben.



Während sie erzählt, schaue ich mich um. Man erkennt, sagen wir mal, eine Vorliebe. In ihrem Atelier gibt es Eulen in jeglicher Form, geknüpft, als Figur, auf Bildern.
Tanja Brandt zeigt mir weitere unglaubliche Fotos, die sie gemacht hat. Jedes unterstreicht ihre Worte. So beeindruckend, dass mir der Mund offen steht. Ich erwische mich dabei, wie in meinem Kopf eine Frage aufkommt: Die sind doch nicht echt, oder? Doch, sie sind es.
Je länger man ihre Bilder anschaut, desto mehr Details nimmt das Auge wahr. Es ist, als wäre man dabei gewesen. In dem Moment, als das Foto entstand.
“Der Moment kann aber ewig dauern“, sagt Tanja Brandt. Sie ist stundenlang in den Sauerländer Wäldern unterwegs. Für viele ihrer Bilder ist sie auch schon um die halbe Welt gereist. Mittlerweile gilt sie als Expertin für Wildlife-Fotografie, für ihre Bilder hat sie schon etliche Preise bekommen.

An ihr altes Leben erinnert sich Tanja Brandt noch gut. “Es war stressig, ich war gehetzt. Ich habe nur gearbeitet.“ Dann die Wendung. Es beginnt mit einem Schlaganfall vor über zehn Jahren. Wichtige Dinge des Lebens musste Tanja Brandt neu lernen. Auch, dass das Leben anders sein kann.
Kein Stress mehr, nur glücklich sein
Nach dem Schlaganfall lebt sie bei einer Freundin, die hat eine eigene Falknerei. Dort entdeckt sie die Leidenschaft für Wildvögel wieder neu, vor allem aber für Eulen. Ihr Ex-Mann schenkte ihr damals ihre erste Kamera. Tanja Brandt macht den Falkner- und Jagdschein. Sie will selber Eulen halten und das Besondere der faszinierenden Tiere in Bildern festhalten.
Schon als kleines Mädchen schleppte sie verletzte Vögel, Frösche und Mäuse zu ihren Eltern nach Hause. Ein traumatisches Erlebnis mit einem gefunden Mäusebussard, der vor ihren Augen eingeschläfert wurde, blieb ihr im Gedächtnis. Heute hat sie sich ihren großen Traum erfüllt.


Uschi, die Schneeeulen-Diva, Gandalf, Rüdiger und Co.
Tanja Brandt lebt mit Widlvögeln. Hinter ihrem Haus in Hoppecke stehen riesige Volieren. Darin Eulen, Kauze oder Bussarde. Immer wieder werden der Falknerin verletzte Vögel gebracht, die sie liebevoll pflegt und aufpäppelt. Einige bleiben, andere gehen wieder.
Tanja Brandt ist Autistin und leidet an ADHS. Die Krankheiten bringen es mit sich, dass sie oft sehr unruhig und unkonzentriert ist. So könne man Wildvögeln allerdings nicht begegnen. Das räche sich.“Eulen reagieren sofort. Du kannst dich nur ruhig und langsam nähern, sonst wirst du gekratzt.“
“Diese Tiere täglich zu versorgen, ist wie eine Therapie“
So hat die Falknerin schon frühmorgens ihre erste, selbstverordnete Therapiestunde. Die Fütterung der Wildvögel steht an. Mit toten Mäuschen und Küken nährt sie sich den Volieren. Ist alles entspannt, dann kann Tanja Brandt mir ihren Eulen und Käutzchen auf Tuchfühlung gehen, sogar schmusen und kuscheln. Auch hier ist sie im Moment verhaftet. Das genießt Tanja Brandt.
Ähnlich wie das Warten auf den perfekten Augenblick für ein Bild. Dann drückt sie ab. Auch wenn das stundenlange Verharren im Schlamm oder auf dem kalten Waldboden schon anstrengend sein kann. Das hilft aber, um mit ihren Krankheiten besser umgehen zu können. Tanja Brandt konzentriert sich, auch wenn es mit den guten Bildern nicht immer klappt.

Die Tierfotografin erinnert sich noch gut an einen Moment: “Es war im Morgengrauen, mitten im Wald, der Regen nieselte leicht auf uns. Ich war mit Ingo unterwegs, meinem belgischen Schäferhund, mein treuer Begleiter. Auf einer Lichtung entdecken wir einen Sprung Rehe. Ich lege mich auf den Boden, beobachtet die Tiere durch die Kamera. Plötzlich schrecken die auf und rasen auf uns zu. Kurz vor dem Zusammenstoß springen sie links und rechts an uns vorbei. Das waren nur Zentimeter. Ein unglaubliches Erlebnis. Ich war total geflasht. Mega Bilder, dachte ich. Dann schau ich auf die Kamera: Speicherkarte voll.“
Tanja Brandt lacht laut. Sowas passiert immer mal wieder. Alles halb so wild. Obwohl die Tierfotografin für ihre Bilder bereits preisgekrönt ist, nimmt sie sich selber nicht so wichtig.
Ich bin ein Teil des wilden Hauses
Neben Tanja Brandt, ihrem Lebensgefährten, Schäferhund Ingo, einige und einigen Wildvögeln, leben auch noch ein Wolfshund namens Dio und seit neustem auch Kater Brutus im wilden Haus in Hoppecke.
“Eine friedliche Co-Existenz“, sagt Tanja Brandt lächelnd. So werden auch viele Shootings mit den eigenen Tieren möglich. Hund Ingo liebt die Eulen und Käuzchen. “Ich nehme oft alle mit in den Wald, lasse sie frei, setze mich auf eine Bank und warte. Bis die Tiere mir ein besonderes Erlebnis schenken.“

Auf diese Weise entstehen also die tollen Bilder. Tanja Brandt bietet aber auch Shootings für Halter und Haustier in ihrem Atelier an. Sie unterstützt Hobby-Fotografen und hilft mit Workshops bei der Nachbearbeitung von Fotos. Wenn dann noch Zeit bleibt, hält die Falknerin Vorträge über Wildvögel.
Mit den Jahren sind ihre Fotos ausgezeichnet geworden. Das hat sich auch in der Szene rumgesprochen. Die Firma “Nikon“ fragte Tanja Brandt schon früh für Projekte an. Zweimal lehnte sie ab, beim dritten Mal sagte sie zu. Mittlerweile ist Tanja Brandt eine sehr gefragte Tierfotografin. Sie arbeitet weiterhin mit Nikon. Sie teilt ihre Erlebnisse und ihre Bilder aber auch in Sozialen Netzwerken. Auf Instagram hat Tanja Brandt mittlerweile über eine halben Million Follower.
Ihre Bilder wurden auch schon von den amerikanischen Schauspielern Orlando Bloom oder Vanessa Hudgens geteilt. Tanja Brandt schmunzelt. “Das ist natürlich toll, aber der Erfolg ist nicht das Wichtigste.“ Sie bevorzugt ehr ein ruhiges Leben, das sie den Tieren widmen möchte: Als Eulenmutter, Tieffreundin und professionelle Fotografin. Jeden Tag sucht sie neue Motive, legt sich auf die Lauer, bis die Wildtiere des Sauerlandes vor ihrer Kamera auftauchen, sich aufplustern und in Pose bringen.
Mit ihren Fotos möchte Tanja Brandt Geschichten erzählen. Geschichten von Freundschaft und Liebe. Durch ihre Kamera zeigt sie vergängliche aber einzigartige Augenblicke. Dabei folgt sie weiterhin ihrem Motto: Verlasse dich auf dein Herz, es schlug schon bevor du geboren wurdest“.







