NOCH IM EINSATZ – SPUREN IM PULVERSCHNEE
Der Name Kässbohrer hatte einst eine große Bedeutung in der Nutzfahrzeugwelt. Der ursprünglich in Ulm ansässige Fahrzeugbauer war mal eines der größten einschlägigen Unternehmen in Deutschland. Neben Sattelaufliegern aller Art und Bussen waren auch sogenannte Pistenpflegeraupen ein Geschäftszweig. Auch nach der Zerschlagung des Konzerns lebte der Name weiter – sowie auch die Produktgruppe der Fahrzeuge zur Präparation von Skipisten. So gibt es unter anderem noch heute die Kässbohrer Geländefahrzeug AG, die im Jahr 1994 aus der Firmengruppe herausgelöst wurde. In diesem Ableger konzentriert sich der Hersteller auf diese besondere Gattung an Nutzfahrzeugen. Mit den Schneeraupen werden nicht nur die Abfahrten und Langlaufloipen präpariert. Darüber hinaus kommen sie abseits befestigter Wege zum Einsatz, um Schnee zu räumen. Bereits 1969 entstand bei den damaligen Kässbohrer Fahrzeugwerken der erste „Pisten Bully“. Bei diesen kettengetriebenen Geländefahrzeugen heißt der Marktführer auch heute noch Kässbohrer. Nach eigenen Angaben hält das Unternehmen aus dem schwäbischen Laubheim in Deutschland einen Anteil zwischen 65 und 70 %, international immerhin noch über 50 %. Die Marken – bezeichnung „Pisten Bully“ kann für sich in Anspruch nehmen, als Synonym für die ganze Produktgruppe zu gelten – ähnlich Tempotaschentücher oder Tupperdosen. Das ist für ein Nischennutzfahrzeug wie einem Pistenpflegefahrzeug eine gute Referenz. Weltweit werden pro Jahr keine 1000 Stück markenübergreifend verkauft



Im kleinen Ortsteil Lenneplätze im Südwesten von Winterberg im Hochsauerland ist noch heute regelmäßig im Winter – wenn genügend Schnee liegt – ein Kässbohrer Pisten Bully aus dem Baujahr 1984 im Einsatz. Der ans.ssige Tourismusverein spurt damit Loipen für die Langläufer und räumt Wanderwege. Die Raupe vom Typ 130D wird von einem Mercedes Benz Reihenaggregat vom Typ OM617A angetrieben. Der 5-Zylinder mit knapp 3 Litern Hubraum kam in der Grundvariante bereits 1974 auf den Markt und wurde auch im Pkw Mercedes 240D3.0 verbaut. Später fand er auch im Geländewagen von Mercedes Verwendung. Als Vorkammerdiesel leistet der Motor in der 1982 auf den Markt gebrachten Turbo-Version in der Raupe knapp 130 PS und steht so für die Typenbezeichnung des Kässbohrer Pisten Bully 130D. Dabei fungiert die Maschine als Kraftquelle für den hydrostatischen Antrieb, der das Kettenfahrwerk über die hinten angebrachten Sternräder bewegt. Dieses dieselhydraulische Antriebskonzept findet sich in den meisten raupengestützten Nutzfahrzeugen. Beim Kässbohrer 130D mit seinem Grundgewicht von etwas über 2,5 Tonnen reicht das locker für eine Geschwindigkeit bis knapp 20 km/h. Eher als die Kraft des Dieselmotors begrenzen aber die hydrostatischen Antriebsmotoren sowie die Konstellation mit den breiten Ketten das Fahrverhalten und damit auch die potentielle Spitzengeschwindigkeit. Im praktischen Einsatz leidet das Fahrzeug etwas unter einer „Grundkrankheit“ des Motors. Die frühen Turbodiesel warten noch mit einem typischen Merkmal auf, dem Turboloch. Diese Zeitverzögerung bis zur vollen Leistungsentfaltung wirkt sich bei der Pistenraupe besonders unangenehm aus, weil sie ständiger Begleiter ist. Häufig macht der Einsatz im tiefen Schnee niedrige Drehzahlen und wiederholtes Neuanfahren nötig. Die großen Leistungsreserven machen den Motor dafür sehr robust, was neben den geringen Stundenleistungen pro Jahr dafür verantwortlich sind, dass der Pisten Bully von Lenneplätze auch heute noch wacker im Einsatz ist. Die Bedienung erfordert etwas Übung: Gelenkt wird die Raupe über einen Steuerblock mit zwei Hebeln vor dem Fahrersitz. Mit ihnen lässt sich die jeweilige Raupenkette beschleunigen oder abbremsen – das Lenkprinzip ist typisch für damalige raupengestützte Fahrzeuge und Maschinen aller Art. Bei heutigen derartigen Fahrzeugen steht meistens ein Lenkrad zur Verfügung über das die Lenkbewegungen dann elektronisch in entsprechende Aktionen wie Beschleunigen und Abbremsen der Raupenketten umgewandelt werden. Auch wenn die Baumaße des Kässbohrer Pisten Bully 130D für eine Pistenraupe recht kompakt sind – es handelte sich schon Mitte der 1980-Jahre eher um einen kleinen Vertreter seiner Art – steht doch eine Fahrzeugbreite mit Ketten von fast 2,5 Meter an. Die Länge mit Schild und Fräse beträgt fast 6,5 Meter. Primär wird das Fahrzeug heute immer noch zur Präparierung der lokalen Langlaufloipen genutzt. Am Heck ist eine hydraulisch absenkbare Arbeitskombination aus Schneefräse, Glättbrett und Loipenspurer angebracht. Damit lassen sich in einem Arbeitsgang auch auf tiefem Neuschnee professionelle Langlaufloipen anlegen. Vorne befindet sich ein hydraulisches Räumschild mit dem sowohl Bereiche vom Schnee befreit werden können als auch bei geringerer Schneedecke diesen heran geschoben werden können. Seit 2015 läuft der Pisten Bully 130D in Lenneplätze im Hochsauerland und wird hier regelmäßig von Jürgen Lins bewegt und gewartet. Er ist sich sicher: „Für unsere Zwecke taugt dieser zuverlässige Oldtimer auf jeden Fall und wenn wir ihn weiter gut behandeln, werden wir uns auch noch ein paar Jahre auf die Pistenraupe verlassen können.“
Text und Fotos: Bodo Wistinghausen