NEUE BÄUME BRAUCHT DER WALD
WIE KLIMAWANDEL UND BORKENKÄFER DEN WALD VERÄNDERN. UND WARUM VIELFALT DER SCHLÜSSEL FÜR SEINE ZUKUNFT IST.
Von Denise Weber
Der Ochsenkopf war vor wenigen Jahren noch ein beliebter Ort, um durch dichte, dunkle Fichtenwälder zu wandern. Dann machte sich, bedingt durch sich ändernde Klimabedingungen, ein kleiner, eigentlich unauffälliger Käfer breit, der innerhalb kürzester Zeit ganze Wälder vernichtete und weite, kahle Flächen zurückließ.
„Der Wald ist der Spiegel der Vergangenheit:“ Thomas Wälter



Inzwischen ist das Gebiet am Ochsenkopf nicht mehr so kahl, aber richtig nach Wald sieht es auch noch nicht aus, schließlich wachsen Bäume nicht über Nacht. Auch wenn die Natur ein enormes Regenerationspotenzial zeigt, muss hier der Mensch regulierend eingreifen, weil noch zu viele Altlasten einem gesunden Waldwachstum entgegenstehen. Die Mitarbeitenden des Zentrums für Wald und Holzwirtschaft mit Sitz in Arnsberg erarbeiten die Konzepte und Leitfäden zur Behandlung dieser Waldflächen. „Der Wald ist der Spiegel der Vergangenheit“, philosophiert Thomas Wälter, Leiter des Zentrums für Wald und Holzwirtschaft, dem Forschungszentrum von Wald und Holz NRW, und erklärt, wie man aus dieser seine Lehren zieht, um die Zukunft besser zu gestalten. „Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es ähnlich viele Kahlflächen wie heute und aus der damaligen Sicht war es kein Fehler, vor allem Fichten anzupflanzen. Diese kommen in ihrer Jugend mit Kahlflächen gut klar, wachsen schnell und sind ein sehr guter Baustoff.“ Doch Monokulturen schwächen langfristig, gesehen den Wald und boten, bedingt durch die Klimaveränderungen, in den letzten Jahren dem Borkenkäfer einen guten Angriffspunkt. „Die Samen der Fichten sind aber immer noch im Boden. Da, wo wir also nicht eingreifen, breiten sich erneut Fichten als Monokultur aus und wir hätten nichts aus der Vergangenheit gelernt“, so Wälter. Und Catharina Schmidt, Mitarbeiterin im Team Waldbau, ergänzt: „Heute legt die Gesellschaft mehr Wert auf eine Multifunktionalität der Wälder als in der Zeit kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Damit diese Multifunktionalität auch zukünftig gelingen kann, ist es unser Ziel, einen widerstandsfähigen Mischwald entstehen zu lassen, der zur nachhaltigen Rohstoffgewinnung genutzt werden kann, gleichzeitig als vielfältiger Lebensraum für Tiere und Pflanzen sowie als Erholungsraum für Menschen dient.“
„Heute legen wir Wert auf eine Multifunktionalität der Wälder.“ Catharina Schmidt
LERNEN AUS DER VERGANGENHEIT
Um das zu erreichen, werden zwischen die neu wachsenden Fichten und an weiteren Kahlstellen verschiedene Bäume gepflanzt, teils heimische, aber auch solche, die bereits an ein Klima angepasst sind, auf das wir in unseren Breitengraden zusteuern. Das Team um Wälter und Schmidt wertet daher sehr genau aus, welche Baumarten für die Zukunft sinnvoll sind, und berät auch private Waldbesitzende. Im Sauerland sind nämlich über 60 Prozent der Wälder in Privatbesitz und die Verluste der letzten Jahre haben teils schwere Krisen ausgelöst. „Die Menschen haben aber verstanden, dass inzwischen anders gedacht werden muss, und lassen sich gern von uns beraten“, erklärt Catharina Schmidt. Da geht es um Vegetationszeiten, Wasserverfügbarkeit und Nährstoffe, aber auch die spezifischen Standorte und die mögliche Waldentwicklung. Erst ganz zum Schluss werden betriebliche Schwerpunkte mit eingebunden, so entstand das „Vier-Baumarten-Prinzip“. Es werden also immer vier verschiedene Baumarten in unterschiedlichen Zusammensetzungen empfohlen, gerne heimische Arten wie Buche, Eiche oder Kiefer, aber auch „Experimentierbaumarten“, wie der Riesenlebensbaum aus Nordamerika. „Hier empfehlen wir eine maximale Beimischung von 10 Prozent, da es für diese Arten bei uns noch keine gesicherten Daten gibt“, so Schmidt. Aktuell werden heimische Baumarten aus alternativen Herkünften angepflanzt, in der Hoffnung, dass diese mit einem veränderten Klima in Deutschland besser zurechtkommen, wenn das heutige Klima dort eher unserem zukünftigen Klima entspricht. „Auf jedem Quadratmeter Wald liegt eine große Verantwortung für die Zukunft“, sagt der gebürtige Arnsberger Thomas Wälter und hofft, dass der Wald als Daseinsvorsorge besser anerkannt und honoriert wird. „Wir sollten unser Interesse am Wald bewahren, aufmerksam bleiben und mitverfolgen, was Politik und Wirtschaft mit dem Wald vorhaben“, sagt er. Wer Interesse an den Forschungen der verschiedenen Teams des Zentrums für Wald und Holzwirtschaft hat, wie des Teams Waldbau mit seiner waldbaulichen und forstgenetischen oder des Teams Holzwirtschaft, der wird auf der Internetseite des Landesbetriebs Wald und Holz fündig, wo Recherchen, Ergebnisse und Erklärungen regelmäßig veröffentlicht werden.
Fotos u.a.: Denise Weber