Mühlen prägten die Region: Geschichtswerkstatt Drolshagen

Natürlich – wir können ohne bewusstes Wissen über Geschichte leben. Dann aber würde uns das Verständnis dafür fehlen, wer wir sind, woher wir kommen, warum es Grenzen, Sprachen, Traditionen und auch Konflikte gibt. Geschichte stärkt unser Urteilsvermögen, unser kritisches Denken und sie inspiriert. Sie zeigt, was Menschen über Jahrhunderte geschaffen, verändert und erreicht haben und macht uns auch Mut: Nichts ist selbstverständlich, aber vieles ist möglich!

Dr. Peter Vitt aus Drolshagen ist Heimatforscher. Der Betriebswirt war Mitte 50, als er ein Geschichts-studium begann und anschließend promovierte. Er forscht und schreibt unter anderem für den örtlichen Heimatverein und die in der dort verorteten Geschichtswerkstatt, die vor 15 Jahren gegründet wurde.

Vor der eigenen Haustür wird es richtig interessant
Bisher sind mit der Geschichtswerkstatt in insgesamt elf Jahresheften mehr als 1500 Seiten Drolshagener Historie vor dem Vergessen bewahrt worden. Sie beleuchten örtliche Ereignisse, Bräuche, Dialekte und Lebensweisen, soziale Strukturen und Familienbiografien und erzählen, wie Geschichte vor der eigenen Haustür stattgefunden hat.

Ein gutes Beispiel für die Bedeutung der lokalen Geschichtsforschung sind Mühlen. Über Jahrhunderte hinweg waren sie im Sauerland Motor der regionalen und lokalen Entwicklung und auch Innovationszentren, spielten politisch, wirtschaftlich und kulturell eine zentrale Rolle: Oftmals wurden sie vom Adel oder von Klöstern kontrolliert, symbolisierten also Machtverhältnisse.

Gelegen an Wasserläufen prägten sie die Landschaft, zogen andere Siedlungen und Handwerke an und nahmen so Einfluss auf die Erschließung. Sie trugen zur Selbstversorgung bei, waren soziale Treffpunkte und förderten den Austausch zwischen den Menschen und nicht zuletzt spiegeln sie den technologischen Fortschritt wider.

Man denke nur an die Leineweberei in Attendorn, die einst erheblich zum Wohlstand der Stadt beitrug. Leineweber arbeiteten zwar im Heimgewerbe, Mühlen waren aber wichtige Stationen einer arbeitsteiligen Wirtschaft. Die Fasern wurden für Textilien genutzt, die Samen zu Öl gepresst. In Olpe erinnert im Weiherhohl ein Wasserrad an die „Oberste Mühle“. Hier lag das Viertel der in der Stadt bedeutenden Gerber, denen gemahlene Eichenrinde (Lohe) als Gerbstoff diente. Bäcker, Weber, Schmiede, Landwirte, Fuhrleute – das Leben hing in vielerlei Weise von den Mühlen ab. Aus manchen Mühlenstandorten entwickelten sich Betriebe und Fabriken wie Drahtziehereien, Säge- oder Hammerwerke.

Lebendige Vergangenheit: Die Mühlen im Drolshagener Land
Tatsächlich ist vieles über die in der Region existierenden Mühlen, die oftmals gleich mehrere Funktionen erfüllten, in Vergessenheit geraten. Dokumentationen sind rar. Hier und da erinnern Ortsmarken an sie – so wie „Papiermühle“ im Attendorner Raum. Einige wenige sind als technische Denkmale erhalten, so wie die Eichener Mühle in Drolshagen.

Im vergangenen Jahr hat Dr. Peter Vitt mit dem elften Jahresheft der Geschichtswerkstatt eine Reise durch die ehemalige Mühlenlandschaft der Stadt unternommen, die bis in das Hochmittelalter reicht, und dabei eine erstaunliche Vielfalt der Mühlennutzung – alle wurden ausschließlich mit Wasser betrieben – entdeckt: Fruchtmühlen, Lohmühlen, Ölmühlen, Walkmühlen, Knochenstampfmühlen, Sägemühlen. Die älteste unter ihnen war die Drolshagener Getreidemühle, urkundlich belegt seit 1235. Viele interessante Details hat Dr. Vitt zu erzählen und macht uns bekannt mit unseren Vorfah-ren, mit den Menschen, die unsere Heimat gestaltet haben, lässt uns teilhaben an ihrem Alltag, ihren Werten, Überzeugungen und Herausforderungen.

Ein Beispiel: die Geschichte der Heimicker Getreidemühle, die zeigt, wie Mühlen zu Brennpunkten von Auseinandersetzungen zwischen traditionellen Machtstrukturen, die ihre Privilegien und Einkünfte bedroht sahen – Kläger waren die Stadt Olpe und das Kloster Drolshagen –, und dem Streben nach lokaler Autonomie wurden.

„Bei der Mühle“, ein Holzschnitt von K. Ortel nach einer Zeichnung von Ludwig Richter. Das Motiv zeigt eine Szene rund um eine Mühle und die ländliche und bäuerliche Lebensweise in früheren Zeiten.

Text: Birgit Engel, Fotos: aus „Die Mühlen im Drolshagener Land“, Beiträge aus der Geschichtswerkstatt, Ausgabe 11/2024