MOLLSEIFEN – WO HEIMAT NOCH SPÜRBAR IST
EIN STREIFZUG DURCH EIN DORF, DAS DURCH GEMEINSCHAFT, NATUR UND GESCHICHTE VERZAUBERT – UND GERADE IN SEINER EINFACHHEIT BERÜHRT.
Wenn man in den Ort hereinfährt, ist man auch schon wieder durch. In der Tat: Mollseifen ist ein Dorf, das sicherlich nicht durch seine Größe besticht, stattdessen aber durch seinen ganz besonderen Charme. Zusammen mit der Orts- und Heimatpflegerin Roswitha Hoffmann geht es für die HEIMATLIEBE auf Streifzug durch das über 300 Jahre alte Walddorf, das seit der kommunalen Neuordnung zu Winterberg und nicht mehr zu Wittgenstein gehört. Mollseifen zählt heute noch genau 54 Einwohner.
Es ist ein windiger Tag, und was direkt auffällt, ist das Rauschen der Bäume. Es ist im Ort allgegenwärtig, und zu verdanken ist es dem alten Baumbestand, der dem Dorf optisch einen großen Gefallen tut. Eingebettet in ein Tal und umgeben von Wäldern und Wiesen könnte Mollseifen der Ort sein, in dem sich Schriftsteller niederlassen und ganz in Ruhe ein Buch schreiben könnten. Diese Idylle ist schon fast unwirklich, aber es trifft es ganz gut, wenn gesagt wird, dass viele Bewohnerinnen und Bewohner genau deswegen dort leben.


DIE SCHULEICHE LÄSST IN DIE GESCHICHTE BLICKEN
Roswitha Hoffmann war nur „ein paar Jahre“ weg aus dem Dorf und wollte unbedingt wiederkommen. Das hat sie auch gemacht, und beim Blick aus dem Fenster denkt sie oft, wie schön es in dem Ort ist, in dem sie aufgewachsen ist. Es gibt kein Geschäft, keinen Arzt, keinen Kindergarten und auch keine Schule. Es gab mal eine, die heute aber ein Wohnhaus ist. Diese kleine Dorfschule hat auch die Heimatpflegerin besucht. Im Vorgarten dominiert eine alte Eiche, die vor über 100 Jahren von den Dorfkindern gepflanzt wurde. Das Schild mit der Aufschrift „Schuleiche“ ist ein bleibendes Zeugnis für die frühere Nutzung des Gebäudes. Die fünf Kinder, die heute im Dorf leben, besuchen die Schule in Winterberg. Die alte Schulglocke ist mittlerweile durch eine neue ersetzt worden, aber auch hier haben die Mollseifer entschieden, dass die historische Glocke nicht einfach entsorgt wird. Sie kann nun von jedermann auf dem Friedhof bewundert werden, direkt neben der Kapelle, in dessen Turm die neue Glocke nun schlägt – allerdings nicht mehr für die Schule.



MOLLSEIFENS HALBE HÄHNCHEN SIND BERÜHMT
Was Mollseifen aber hat, ist der „Mollseifer Hof“, und eine Besonderheit trägt den Namen des Dorfes in die Region. Jeden Freitag und Samstag – von Mai bis Ende September – gibt es seit fast 40 Jahren Hähnchen vom Buchenholzgrill, und die sind heiß begehrt und müssen sogar vorbestellt werden. Der „Mollseifer Hof“ ist ein beliebter Treffpunkt für Bewohner des Dorfes, aber auch für andere Winterberger. Zudem haben die Dorfbewohner noch einen weiteren Ort, wo sie zusammenkommen, den sie schmunzelnd „Kurpark“ nennen. Dabei handelt es wahrlich nicht um einen Park, aber um einen liebevoll gestalteten Platz mit Bänken und einem Tisch.
WASSERRÄDER ZIEHEN DIE BLICKE AUF SICH
Richtig stolz ist man in Mollseifen aber auf das Tretbecken, das viele Gäste anlockt. Ein Schild am Waldrand weist den Weg, und nach ein paar Minuten ist man auch schon dort. Auch hier wurde viel Wert auf ein attraktives Umfeld gelegt, auch wenn der Wald drumherum eigentlich schon schön genug ist. So ziehen unter anderem zwei selbstgebaute Wasserräder die Blicke auf sich.
„Das wird wirklich gut angenommen“, freut sich Roswitha Hoffmann. In Mollseifen kommen viele Wandergruppen vorbei, denn unter anderem kann man den Mollseifenweg von Neuastenberg startend mit einer Länge von 9,4 Kilometern wandern. Am Wanderparkplatz sind viele verschiedene Touren angezeigt, wo man streckenweise fast allein unterwegs durch Flora und Fauna läuft und richtig durchatmen kann.

ERINNERUNG AN FLORENTINE GOSWIN-BENFER
Ebenfalls am Wanderparkplatz befindet sich ein großer Gedenkstein, der an Florentine Goswin-Benfer, die wohl bekannteste Persönlichkeit Mollseifens, erinnert. Festgehalten ist die erste Strophe des Ur-Wittgensteiner Heimatliedes „Wittgestee mei Hemetlandche“, das Florentine Goswin-Benfer einst komponierte. Sie wurde 1883 in Mollseifen geboren. Der Heimat- und Verkehrsverein errichtete im Jahr 2001 den Gedenkstein, der große Beachtung findet. Es gibt zudem einige weitere interessante Zeugnisse aus der Vergangenheit wie zum Beispiel die „Alte Mollseifer Brücke“, die um 1830 in Bogenbauweise errichtet wurde. Unweit von der Dorfmitte befinden sich die „Opfersteine“, zu denen in den Kriegswirren im Jahre 1811 die Bürger aus Nachbarorten flüchteten, um den Truppen Napoleons zu entgehen und um dort die heilige Messe zu feiern.
DIE NATUR ZUM GREIFEN NAH
Was genau macht es denn nun aus, in Mollseifen zu leben – in dem Dorf, das versteckt zwischen grünen Hügeln, dichten Wäldern und weiten Wiesen liegt? Im Grunde ist es einer jener Orte, die man leicht übersehen könnte – und dabei so viel verpassen würde. Denn Mollseifen ist mehr als ein idyllisches Fleckchen auf der Landkarte: Es ist ein Ort, an dem das Leben entschleunigt, die Natur zum Greifen nah ist und die Gemeinschaft zählt. So sieht es auch Roswitha Hoffmann, die von einer guten Dorfgemeinschaft berichtet.
BLÜHENDE GÄRTEN UND GREIFBARE GELASSENHEIT
In Mollseifen gibt es im Gegensatz zur Kernstadt Winterbergs eben keine großen Hotels, sondern stattdessen zwei Pensionen und einige Ferienwohnungen.
Es gibt keine Einkaufszentren und keinen nervenden Verkehrslärm. Laut ist es vielleicht mal, wenn der Trecker durchs Dorf tuckert. Stattdessen: Fachwerkhäuser, blühende Gärten und eine beinahe greifbare Gelassenheit.
Mollseifen liegt inmitten des Naturparks Rothaargebirge. Die Natur ist hier nicht nur Kulisse, sondern Teil des Alltags. In einer Welt, in der Anonymität oft den Alltag bestimmt, kennt hier jeder jeden. Man grüßt sich, bleibt zum Klönen auf der Straße stehen, hilft sich und feiert gemeinsam die Feste, wie sie eben fallen.
EIN WENIG VORRAT IM KELLER SCHADET NICHT
Trotz der Abgeschiedenheit ist Mollseifen gut angebunden: Das Wintersportzentrum Winterberg ist nur wenige Minuten entfernt, und dort gibt es eben auch Schulen, Ärzte und Einkaufsmöglichkeiten.
Viele Bewohner schätzen gerade diese Kombination: die Ruhe des Dorfes und die Nähe zur Infrastruktur der Stadt. Beim Einkauf sollte man allerdings drauf achten, dass man nichts vergisst. „Meine Enkelin sagt immer, ‚wenn etwas fehlt, gehe ich in Omas Supermarkt im Keller“, lacht die Heimatpflegerin. Eine gute Bevorratung muss also sein.
Für manche ist Mollseifen ein Ferienziel, für andere ein Rückzugsort. Für die, die dort leben, ist es schlicht Heimat.
Text und Fotos: Carmen Ahlers