Mit Drohne und Herz

Rehkitzrettung

Von Emma Göbel

Wenn im Frühling die ersten Sonnenstrahlen die Wiesen erwärmen, beginnt für viele Rehkitze ein gefährlicher Lebensabschnitt. Versteckt im hohen Gras warten sie regungslos auf die Rückkehr ihrer Mutter. Ihr natürlicher Instinkt sagt ihnen: Nicht bewegen, nicht fliehen. Genau dieser Schutzmechanismus wird ihnen während der Mahd oft zum Verhängnis.

Doch immer häufiger erhebt sich in diesen frühen Morgenstunden ein leises Summen über den Feldern – Drohnen steigen auf, getragen von Menschen, die Leben retten wollen. Mit Wärmebildkameras suchen freiwillige Helfer die Wiesen ab, bevor die Mähmaschinen kommen. Jeder helle Punkt auf dem Bildschirm könnte ein kleines Rehkitz sein, das ohne Hilfe kaum eine Chance hätte.

Gründung des Vereins
Im Jahr 2023 schlossen sich mehrere Jagdgenossen aus Ottlar zusammen zur Rehkitzrettung Ottlar e.V., um Jungwild (meist Rehkitze) vor der Mahd in den Grünflächen ausfindig zu machen und so vor dem Mähtod zu retten.
In früheren Zeiten mussten Fahnen und Vergrämer (Kitzretter mit dauernd wechselndem Piepton und Lichtspiel) den Abend vor dem Mähen aufgestellt werden. Dadurch sollte die Ricke das Kitz aus dem Feld führen. Dieser Prozess führte leider oftmals nicht zum gewünschten Erfolgt.
Heute sollen Drohnen die Kitzrettung effektiver gestalten. Durch eine Bundesförderung des Landwirtschaftsministeriums konnte sich in Ottlar der passende Verein für diese Rettung gründen, wobei Jagdgenossen, Jagdpächter und Landwirte gemeinsam arbeiten, um dieses Projekt zu fördern.
Landwirte sind rechtlich dazu verpflichtet gewisse Maßnahmen zu ergreifen, um Wirbeltiere auf ihren Feldern zu retten, und keines tödlich zu verletzen. Auch die Jäger der unterschiedlichen Reviere sind in einer gewissen Hegepflicht.

Drohnenrettung
Das System der Rehkitzrettung funktioniert per Drohne. Zwei bis drei Tage vorab wird mit dem jeweiligen Landwirt abgesprochen, wo und wann, welche Flächen gemäht werden. So wird der Vorlauf der Rettung passend koordiniert. Ab den ersten Sonnenstrahlen im Morgengrauen beginnt die Rettung. Mittels Wärmebildkamera an der Drohne werden die Wiesen abgeflogen. Dabei lässt sich sofort erkennen, wo sich die Kitze in den Tiefen des hohen Gras befinden. Die Retter gehen zu den entsprechenden Stellen und heben die Kitze vorsichtig mit Handschuhe, einem Bündel Gras aus der Wiese und legen diese dann in eine vorbereitete, sichere Kiste.
Da die Kitze keinerlei Eigengeruch besitzen, ist bei der Rettung äußerste Vorsicht geboten. Ansonsten würden sie bei einem fremden Geruch nicht mehr von der Ricke angenommen werden. Die Kiste wird verschlossen und für die Dauer des Mähens meist für drei bis vier Stunden an den Feldrand gebracht. Im Anschluss werden die Kitze wieder in deckungsreichen Stellen frei gelassen beziehungsweise abgelegt. Die Ricke sucht nach ihren Kitzen und sie finden durch sogenannte Lautäuserungen wieder zueinander. Dies konnte der Verein schon oft beobachten.

Orte der Kitzrettung
Die Rehkitzrettung erstreckt sich rund um Ottlar in einem Luftumkreis von 8 bis 10 Kilometer mit Außengrenzen Schweinsbühl und Neerdar.
Zur Zeit werden dadurch 55 verschiedene Bewirtschafter mit abgedeckt und somit 1200 ha Land abgeflogen. Diese müssen teilweise mehrmals in der Saison abgeflogen werden. Je nach Wetterlage und Mähverhaltens des Landwirts.

Rettung der Jungtiere
Hauptsächlich werden mit dem Drohensystem Rehkitze gerettet. Es kommt aber auch vor, dass andere Jungtiere wie Hasen oder Füchse sich ins hohe Gras verschlagen. Da diese meist einen Instinkt zum Weglaufen haben, müssen sie weniger per Hand gerettet werden.
Bei Rehkitzen besteht besonders in den ersten zwei Lebenswochen der sogenannte Duckreflex. Das bedeutet das Kitz bleibt solange geduckt im hohen Gras an ein und derselben Stelle liegen bis die Ricke zum Säugen vorbeikommt. Erst später entwickeln auch junge Rehe einen Instinkt zum Weglaufen.

Zukunftspläne
In Zukunft möchte der Verein seine Technik weiter ausbauen. Mittels einer neuen Drohne könnten bestimmte Prozesse bei der Rettung noch weiter optimiert werden. Bei dieser neuartigen Drohne wird mittels einer KI-Schnittstelle die Tiererkennung besser sichtbar.
Jedes gerettete Rehkitz ist ein stiller Erfolg. Ein Moment, der zeigt, dass Mensch und Natur nicht gegeneinander arbeiten müssen, sondern gemeinsam füreinander da sein können.

Bilanz der letzten Jahre: Statistiken der letzten Jahre zeigen einen sehr positiven Anlauf des Vereins Rehkitzrettung Ottlar e.V.
Im Jahr 2023 wurden bei einer abgesuchten Fläche von 400 ha 73 Rehkitze gerettet.
2024 waren es bei 1300 ha bereits 121 Kitze. Im letzten Jahr 2025 wurden insgesamt 1750 ha Land abgeflogen und dabei 93 Rehkitze gerettet. Dabei wurden 2025 80 Stunden Einsatzrettung am Feld aufgezeichnet. Der Verein hofft auf eine gute Saison 2026!

Spenden: Der Verein Rehkitzrettung Ottlar e.V. freut sich immer über zahlreiche Spenden, damit auch in Zukunft die Rehkitzrettung sicher und erfolgreich optimiert und weitergeführt werden kann.
Spendenkonto: Rehkitzrettung Ottlar e.V.
IBAN: DE75 5236 0059 0003 9600 30

Weitere Informationen dazu auf der Instagram Seite @rehkitzrettungottlar

Fotos: Rehkitzrettung Ottlar e.V.