LEGENDEN UNSERER REGION: ANTON DEIMEL AUS OLPE
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ZWISCHEN TON UND ZEICHEN – DIE WELT DER KEILSCHRIFT
Von Birgit Engel
Olpe und Mesopotamien – zwei Welten, die kaum weiter voneinander entfernt sein könnten. Und doch führt eine Linie von einer Gastwirtschaft im Sauerland bis zu den ältesten Schriftzeugnissen der Menschheit. Sie trägt den Namen Anton Deimel.
IM ZWEISTROMLAND
Man schreibt das Jahr 1865. Im Gasthaus „Kölner Hof“ in Olpe erblickt am 5. Dezember Anton Deimel als Sohn von Gastwirt Gustav Deimel und seiner Frau Henriette Emma Deimel, geborene Liedhegener aus Balve, das Licht der Welt. Später einmal wird er zu einem der bedeutendsten Assyriologen seiner Zeit zählen.
Im Zweistromland, im Gebiet des heutigen Irak, wo Euphrat und Tigris zwischen Wüste und fruchtbaren Ebenen das Land durchziehen, beginnt eine der ältesten Geschichten der Menschheit. In den staubigen Ruinen Mesopotamiens finden Archäologen Tontafeln – gebrannte Zeugnisse einer Welt, die mehr als fünftausend Jahre zurückreicht. Auf diesen Tafeln begegnet man einer der frühesten großen Erzählungen der Menschheit: der Erinnerung an eine gewaltige Flut. Im Gilgamesch-Epos und anderen mesopotamischen Texten ist von einer Naturkatastrophe die Rede, die die Welt bedroht, von einem Schiff, das gebaut wird, und von wenigen, die überleben. Jahrtausende später finden sich in der Bibel ähnliche Motive in der Geschichte von Noah – doch die Forschung sieht darin keine direkte Überlieferung, sondern Teil eines viel älteren gemeinsamen mythologischen Erzählraums des alten Vorderen Orients. Noch älter als diese Mythen ist die Kultur, die sie hervorgebracht hat: die Sumerer. Sie gelten als eine der ersten Hochkulturen der Menschheit. In ihren Städten entstanden nicht nur Verwaltung, Religion und gesellschaftliche Ordnung – sondern eine der folgenreichsten kulturellen Innovationen der frühen Geschichte: die Schrift.



Diese Schrift entwickelte sich aus einfachen Zeichen für Waren und Mengen zur Keilschrift, dem ältesten bekannten Schriftsystem. Zum ersten Mal konnte menschliches Wissen nicht nur erzählt, sondern dauerhaft festgehalten werden. Gedanken wurden zu Zeichen, Zeichen zu Geschichte – und Geschichte zu etwas, das über Jahrtausende hinweg lesbar blieb.
Ihre Ursprünge liegen in frühen Formen der Buchhaltung, die mit Symbolen für Mengen und Güter arbeiteten. Mit dem Wachstum von Städten und Handelsnetzwerken wurden diese Systeme zunehmend komplexer. Aus anfänglich bildhaften Zeichen entwickelte sich eine Schrift, die mit einem dreikantigen Griffel in weichen Ton gedrückt wurde. Die charakteristische Keilform der Eindrücke gab der Schrift ihren Namen. Über Jahrtausende hinweg blieb sie die dominierende Schriftkultur Mesopotamiens und wurde auch von anderen Kulturen übernommen.
DIE WISSENSCHAFT UND DER OLPER
Mit den großen Ausgrabungen im 19. Jahrhundert gelangten Tausende von Tontafeln nach Europa und wurden zum Gegenstand wissenschaftlicher Forschung. Zunächst war niemand in der Lage, sie zu lesen. Die Schrift war älter als jede bekannte alphabetische Tradition und über Jahrtausende hinweg vollständig vergessen.
Einen entscheidenden Fortschritt markierte dann 1872, als im Britischen Museum der in Keilschrift verfasste babylonische Sintflutbericht erstmals erschlossen wurde. Dabei wurde deutlich, dass die Keilschrift nicht nur ein isoliertes R.tsel darstellt, sondern Träger einer hochentwickelten Literatur- und Verwaltungskultur ist – ein entscheidender Impuls für die Entwicklung der modernen Assyriologie.
In diesem Zusammenhang wirkte Anton Deimel. Er gehört zu den frühen Forschern, die sich intensiv mit dem sumerischen Textmaterial beschäftigten und versuchten, Ordnung in die enorme Vielfalt der überlieferten Keilschrifttexte zu bringen. Seine Bedeutung liegt dabei vor allem in der frühen Phase der Sumerologie. Aus heutiger Sicht sind viele seiner Deutungen durch die moderne Forschung überholt, da sich die Assyriologie und Sumerologie durch neue Funde, umfangreichere Textkorpora und präzisere linguistische Methoden erheblich weiterentwickelt haben. Dennoch bilden seine Arbeiten eine wichtige Grundlage in der wissenschaftlichen Erschließung dieser frühen Schriftkultur.
Anton Deimel besucht die Volksschule in Olpe, die Gymnasien in Attendorn und in Paderborn, studiert Philosophie und Theologie und tritt 1888 nach seinem Studium in den Jesuitenorden ein. Nach seiner Priesterweihe im Jahr 1900 wird Deimels Interesse im Rahmen seiner Erforschung der Urtexte der Bibel auf die Keilschriftwissenschaft gelenkt: Unter Johann N. Strassmaier, dem derzeit führenden Altorientalisten, der im Britischen Museum fast alle bis dahin ausgegrabenen Keilschrifttafeln kopierte hatte, kommt er mit dem frühesten Schriftsystem in Berührung, das ihn fortan nicht mehr loslassen sollte. 1907 wird er nach Rom als Professor für Sprachen und Kulturen des Orients an das neu gegründete Päpstliche Bibelinstitut berufen. In der Ewigen Stadt und in dieser Stellung bleibt er 47 Jahre lang – bis zu seinem Tod.
DAS ERBE
Anton Deimel war eine international anerkannte Autorität auf seinem Fachgebiet. Zu seinem 70. Geburtstag widmeten ihm namhafte Assyriologen aus zehn Nationen die Denkschrift „Miscellanea Orientala“, in der sie ihre neusten Forschungen vorstellen. .bergeben wird ihm die 350-seitige Festschrift w.hrend des 18. Orientalistenkongresses in Rom.
Zeit seines Lebens studierte Deimel akribisch unzählige gebrannte Tafeln und leistete mit seiner Arbeit einen großen Beitrag für die Wissenschaft. Er spielte eine tragende Rolle im „Babel-Bibel-Streit“ Anfang des 20. Jahrhunderts, veröffentlichte 1904 das „Pantheon Babylonicum“ über babylonische Götternamen, gründete 1920 die Schriftenreihe „Orientala“ mit insgesamt 55 Ausgaben und bearbeitete die berühmten Texte von Fara (sumerisch: Suruppak). Sein zentrales Werk aber ist das Sumerische Lexikon, das er ab 1925 in mehreren Bänden vorlegte. Über 40 Bücher veröffentlichte Deimel über die Sumerer und ihre Sprache. Die Texte schrieb er von Hand.
Bei aller Faszination für den Alten Orient blieb Anton Deimel seiner Geburtsstadt im Sauerland immer tief verbunden. Auch aus der Ferne verfolgte er das Leben in Olpe, beschäftigte sich mit der plattdeutschen Sprache und veröffentlichte Beiträge in den „Heimatblättern“ und den „Heimatstimmen“. Kurz vor seinem Tod erschien der Beitrag „Spässe drahlen Olper“. In einem seiner letzten Briefe schrieb er: „Die Olper Heimat, obwohl 66 Jahre von ihr fern, habe ich nie vergessen.“ Im Alter von 89 Jahren stirbt er am 7. August 1954 in Rom und wird dort begraben.