Kunsttour Heid: Wo Kunst den Himmel streift

Wunderschönes Fachwerk, alter Baumbestand, zahllose Buchenhecken und wilde Gärten – scheinbar zufällig und doch liebevoll arrangiert: Das ist der 500-Seelen-Ort Heid im Wendsche Land am Rande zum Oberbergischen. Heid ist ein „Golddorf“ mit einer ganz besonderen Ausstrahlung und allein von daher bekannt. Alle zwei Jahre aber zieht es im August Tausende von Menschen mit der „Kunsttour“ an.

Ein Sommertag im Freiluftatelier
Der ehemalige Wendener Bürgermeister Peter Brüser verglich Heid mit Worpswede, das berühmte niedersächsische Künstlerdorf in der Nähe von Bremen. Auch an den „Place du Tetre“, das Zentrum für Künstler im Pariser Viertel Montmartre, könnte man denken. Oder an Hiddensee, das in den 1920er und 1930er Jahren als Künstlerinsel galt. Denn die Kunsttour in Heid am ersten Augustsonntag bedeutet malerische und bildnerische Kunst mit zahlreichen Künstlern von nah und fern, die den Ort in eine weitläufige Galerie verwandeln. Dazu gibt es lauschige Plätzchen zum Verweilen. Hier ein Gärtchen ganz französisch gestaltet mit Lillet und Chansons. Dort ein Plätzchen mit süffigem Wein und literarischen Erzählungen, Leckerem aus der Mittelmeerküche und spritzigen Cocktails. Dazu Straßenmusik und ein Bühnenprogramm sowie einfach viel Gemütlichkeit und ein unwiderstehlicher Charme. Vor 20 Jahren riefen die Heiderinnen Ilona Weber, Anne Solbach, Andrea Schollemann sowie Barbara Quast aus dem benachbartem Dörnscheid ihren Kunst-Club „Oberes Biggetal“ und damit die Kunsttour ins Leben, für die sie 2008 den Kulturpreis der Gemeinde Wenden erhielten.

Zwischen Farben, Klängen und Blütenduft
Die Idee des Freiluftateliers hat ihren Ursprung im 19. Jahrhundert und ist eng mit der sogenannten Pleinair-Malerei verbunden. Künstler wie Monet oder Pissarro begannen, ihre Staffeleien ins Freie zu tragen, um Licht, Farben und Atmosphäre im direkten Kontakt zur Natur einzufangen. In der Folge kehrten Künstler aus ganz Europa den akademischen Zwängen den Rücken. Überall entstanden Künstlerkolonien. Zu dieser Entwicklung bei trugen sicherlich auch Erfindungen wie Leinwände auf Keilrahmen oder Tubenfarben. Heute wird das Konzept in vielen Kontexten weitergeführt. Und genauso wird in Heid die Natur zur Bühne der Kunst. Wenn Ilona Weber und Anne Solbach an die Kunsttour denken, dann können sie von vielen schönen Erlebnissen und Begegnungen erzählen. „Eine Besucherin sagte einmal: ‚Ich fühle mich wie im Märchen.‘ Das ist ein ganz wunderbarer Gedanke“, sagen sie.

Was sie damit meinen: Für die Menschen, Ausstellende wie Besucher, ist die Kunsttour ebenso Inspiration wie Entschleunigung. Weit weg vom Alltag und sich – ganz nach Picasso – den Staub von der Seele waschend. Zwischen leuchtenden Pigmenten, Klängen und Blütenduft tauscht man sich aus, beobachtet, erzählt, kommt ins Gespräch – über die Kunst und das Leben.

Im Freiluftatelier Heid wird das Besondere spürbar. Denn Kunst ist nicht Funktion, nicht Zweck. Sie ist Freiheit. Und auch ein Moment, in dem man innehält. Oder lächelt und genießt.

Spaziergang durch ein lebendiges Bilderbuch
Bei der vergangenen Kunsttour waren mehr als 90 Künstler und Künstlerinnen vor Ort. Aus der hiesigen Region, aus ganz Deutschland und über die Grenzen hinaus. Eine Erfolgsgeschichte, an die man damals, als man mit zehn heimischen Ausstellenden begann, nicht einmal gewagt hat, zu denken. Willkommen ist jedermann: Alt und Jung, Groß und Klein, Anfänger oder erfahrene Kunstschaffende. Außer, und das möchten Ilona Weber und Anne Solbach betonen, „Werke mit sexistischen, genderfeindlichen, diskriminierenden und rassistischen Inhalten.“

Selbstredend, dass die Vorbereitungen inzwischen auf Hochtouren laufen. Und das ganze Dorf packt mit an. „Dafür sind wir sehr dankbar, ohne ginge es nicht“, so die Organisatorinnen. Und: „Was jeder Besucher mitbringen sollte, ist Zeit zum Genießen. Wir sind kein Markt, es geht nicht um Verkauf, sondern um Gefühle, Gedanken, Geschichten, um geschmackvolle Unterhaltung“, sagen sie und freuen sich auf den Sonntag im August, an dem Heid einen ganzen Tag im Zeichen der Kreativität steht – offen und bunt, ohne Eintrittskarte, ohne Schwellenangst. Nur Kunst und Musik und das Gefühl, angekommen zu sein.

Text: Birgit Engel, Fotos: Birgit Engel, Kunstclub Oberes Biggetal e.V.