KUNSTSCHMIEDE WILLECKE
TRADITION IN DER SCHMIEDEKUNST SEIT 1893.
Von Sandra Ritter
Als ich das große Tor der Schmiede von Rüdiger Willecke öffne, um ihn für unser Interview zu besuchen, ist er mitten bei der Arbeit. In der Esse liegen glühende Stahlstangen, aus denen ein Geländer entstehen soll. Mit festem Blick beobachtet Rüdiger das rotglühende Metall, bevor er gekonnt Schlag für Schlag mit dem Hammer daraufsetzt. Das Handwerk, das hier seit Generationen ausgeführt wird, hat sich im Wesentlichen kaum verändert. Noch heute wird in der Kunstschmiede Willecke gearbeitet wie zu jener Zeit, als die Familie das Haus übernahm.
Mitten in Siedlinghausen steht das traditionsreiche Fachwerkhaus, eines der ältesten Gebäude des Ortes. Bereits 1773 wurde es als Vikarie erbaut. Gut hundert Jahre später, 1874, ging das Haus an Heinrich Steinrücke, bevor es 1891 an die Familie Blaufuhs verkauft wurde, die hier eine Schmiede einrichtete und betrieb.
Auch das Innere der Schmiede hat sich bis heute nur wenig verändert. Die große Feuerstelle und der schwere Amboss auf einem mächtigen Baumstumpf stehen hier seit Generationen. Selbst der Anbau nach dem Zweiten Weltkrieg lässt sich noch am Boden erkennen: Während der alte Teil auf Steinboden ruht, wurde der neue Bereich in Beton gegossen.
Rüdiger Willecke darf sich noch Schmied nennen. Seine Ausbildung absolvierte er vor der Umbenennung des Berufs in Metallbauer der Fachrichtung Metallgestaltung. Dass er selbst Schmied werden und die Familientradition fortführen würde, stand für ihn nie infrage. Seine Familie ist seit Jahrhunderten mit dem Schmiedehandwerk verbunden. Bei Ahnenforschungen stellte seine Schwester Christiane sogar fest, dass es bereits um 1270 Schmiede in ihrer Familie gab.
Oft stellt man sich vor, Schmiede hätten damals Schwerter und Rüstungen gefertigt. Doch wie Rüdiger erklärt, gingen sie meist ganz alltäglichen Arbeiten nach. Sie fertigten Nägel, Messer, landwirtschaftliche Geräte und Hufeisen. Sein Vater August Willecke arbeitete noch als Huf- und Wagenschmied. Mit dem Aufkommen landwirtschaftlicher Maschinen wurden Pferde jedoch zunehmend ersetzt. August begann daher früh mit Kunstschmiede Arbeiten und fertigte unter anderem individuell gestaltete Geländer an. Heute umfasst das Repertoire der Kunstschmiede zahlreiche Arbeiten aus Bronze, Kupfer und Stahl. Rüdiger Willecke fertigt Geländer, Zäune, Gitter, Tore, Türen, Überdachungen und Lampen ebenso wie Grabkreuze, kunsthandwerkliche Figuren und Schilder. Die Leidenschaft für das Material und das Wissen um das alte Handwerk prägen dabei jede Arbeit.
Als staatlich geprüfter Restaurator im Schmiedehandwerk übernimmt Willecke zudem fachgerechte Restaurierungen unter denkmalpflegerischen Gesichtspunkten. Mit seiner Arbeit trägt er zum Erhalt historischer Schmiede- und Schlosserarbeiten sowie denkmalgeschützter Gebäude bei. Besonders fasziniert ihn, mit welch einfachen Mitteln früher beeindruckende Arbeiten entstanden, die bis heute Zeugnisse ihrer Zeit und handwerklicher Meisterschaft sind. Auch der bewusste Umgang mit dem Material begeistert ihn. Eisen war früher wertvoll und wurde immer wieder verwendet. So gehörte auch die Herstellung des sogenannten Schweißeisens einst selbstverständlich zum Beruf des Schmieds.



Restaurierungsprojekte führten ihn bereits nach Brilon, Brunskappel, Assinghausen und Warstein, aber auch weit über das Sauerland hinaus nach Düsseldorf, Lippstadt oder Lünen. Dabei legt Willecke besonderen Wert darauf, Restaurierungen möglichst originalgetreu und der jeweiligen Zeit entsprechend auszuführen.
Ein besonderes Projekt war die Restaurierung der denkmalgeschützten barocken Toranlage (1793) des Schlosses Schwarzenau (1788). Ziel der Arbeiten war es, die historische Toranlage langfristig in ihrer Funktion zu erhalten. Fehlende Teile rekonstruierte der Schmied und verwendete dafür Schweißeisen, das heute nur noch aus England bezogen werden kann. Dort hat sich eine Firma darauf spezialisiert, altes Schweißeisen aus Ankerketten aufzubereiten.
Für die Restaurierung wurde die Anlage feingestrahlt, Korrosionsschäden beseitigt und fehlende Elemente rekonstruiert. Anschließend konservierte Willecke sämtliche Stahlteile neu und versah sie mit einem Deckanstrich sowie einer neuen Ölvergoldung der Details – ganz entsprechend des historischen Originals.
Derzeit arbeitet Rüdiger Willecke an einem Kirchenkreuz aus dem Jahr 1863 aus Sünninghausen. Im Zuge von Dacharbeiten wurde das Kreuz abgenommen und sollte ursprünglich durch ein neues ersetzt werden, da die Schäden als irreparabel galten. Doch der Schmied konnte vom Gegenteil überzeugen und das historische Stück erhalten.
Seine Begeisterung für das alte Handwerk zeigt sich direkt am Objekt. Die geschmiedeten Schrauben lassen sich auch nach über 160 Jahren noch problemlos drehen. Stark beschädigte Elemente wurden von ihm fachgerecht ersetzt, ebenso bearbeitet er die stark mitgenommene Kugel mit ihren Einschusslöchern und vergoldet sie anschließend neu. Das Kreuz erhält seinen ursprünglichen Anstrich mit Teerfarbe zurück, während auch der Hahn wieder sein goldenes Kleid bekommt. Pünktlich zur 750-Jahrfeier soll das restaurierte Kreuz fertiggestellt und in der Kirche präsentiert werden. Ein berufliches Highlight erlebte Rüdiger Willecke erst vor kurzer Zeit: Für ein neugebautes orthodoxes Kloster in Buchhagen durfte er ein vollkommen neues Kreuz anfertigen – eine Aufgabe, die in der heutigen Zeit wohl nur einmal im Leben eines Schmieds vorkommt.



Besonders freut ihn auch der Nachwuchs im Handwerk. Mit Anke Hensel absolvierte im vergangenen Jahr erstmals eine Frau ihre Ausbildung in der Kunstschmiede Willecke. Anfangs war Rüdiger noch unsicher, ob Frauen die körperliche Kraft für den Beruf mitbringen würden. Doch Anke bewies ihm eindrucksvoll, was Frauenpower bedeutet – und schloss ihre Ausbildung sogar als Landesbeste ab. Bei der „Deutschen Meisterschaft im Handwerk – German Craft Skills“ ging sie als Siegerin in der Fachrichtung Metallgestaltung hervor. Damit wurde sie zur besten Auszubildenden Nordrhein-Westfalens im Schmiedehandwerk des Jahres 2025 gekürt. Bereits zuvor hatte sie den Wettbewerb auf Kammerebene gewonnen und war auch bei der Handwerkskammer Südwestfalen als erste Siegerin hervorgegangen.
Und die nächste Generation steht bereits in den Startlöchern: Im Spätsommer beginnt Lotta aus Bremen ihre Ausbildung in der traditionsreichen Kunstschmiede Willecke.
Kontakt: Kunstschmiede Willecke, Weberstraße 2, 59955 Winterberg, Tel.: 02983 478