Die freie Kulturszene im Kreis Olpe ist bunt und vielgestaltig. Trotz ihrer Kreativität und gesellschaftlichen Relevanz steht sie dennoch oft im Schatten der großen Bühnen und bleibt häufig unzureichend gewürdigt.
Der „Kulturstammtisch“ möchte genau diese lebendige Kulturszene sichtbar machen, ins Bewusstsein rücken und den Austausch fördern. Die Initiative dazu kommt aus dem Verein „MuT-Sauerland“. Über die W-Fragen hat die HEIMATLIEBE mit Ulrike Wesely gesprochen. Die 56-Jährige ist freischaffende Musikerin und Theaterpädagogin, Geschäftsführerin des Kulturguts Schrabben Hof und gleichzeitig die Künstlerische Leitung von MuT-Sauerland. Sie erzählt, warum die Vielfalt der Kleinkunst so wertvoll ist, welche Barrieren es zu überwinden gilt und wie Synergien genutzt werden können, um die Szene lebendiger und sichtbarer zu machen.

Was bedeutet freie Kulturszene für Sie persönlich?
Für mich bedeutet sie Freiheit, Dinge anders zu machen – abseits von festen Institutionen oder tradierten und klassischen Strukturen. Es geht um Selbstorganisation, um gesellschaftliche Relevanz und darum, Räume zu schaffen, wo sie fehlen.
Was verbirgt sich hinter dem Kulturstammtisch?
Den Kulturstammtisch gibt es seit 2023. Es ist eine informelle Zusammenkunft von Kulturschaffenden, Interessierten und Akteuren aus der Region und sozusagen aus der Not heraus entstanden. Not, weil klar ist, dass die freie Kunstszene wenig gesehen wird. Ein Grund ist, dass sie keinen Verbund hat.
Wir möchten die Bedürfnisse von Künstlern, Veranstaltern und Orten eruieren, vernetzen und Synergien schaffen. Unser Ziel ist, die lokale Kultur zu stärken und Menschen zusammenzubringen. Eingeladen sind alle, die sich für Kunst in ihrer ganzen Vielfalt – Theateraufführungen, Kabarett, Musik, Performance bis hin zu experimentellen und innovativen Ausdrucksformen – interessieren. Installiert haben wir inzwischen die Homepage www.kultur-oe.de, wo sich alle Kulturtreibenden der Region eintragen können.
Was sind die Hindernisse, die Sichtbarkeit erschweren?
Einerseits die Ressourcen. Viele haben keine Zeit oder finanzielle Mittel für professionelle Kommunikation. Andererseits fehlt der Zugang zu etablierten Kanälen. Und dann kommt vielleicht auch Bescheidenheit dazu. Viele in der freien Szene arbeiten weniger für den Applaus als vielmehr aus Überzeugung. Sichtbarkeit aber ist politisch und gesellschaftlich wichtig.
Welche Themen stehen noch im Fokus?
Zum einen geht es um Fördermöglichkeiten. Darum, Einblick in die bestehenden Förderstrukturen und Entscheidungsprozesse zu geben. Das Land NRW setzt ganz klar positive Signale und unterstützt dabei, dass die Region ihr eigenes kulturelles Profil entwickelt und sichtbar macht. Auch vom Kreis Olpe kommt Unterstützung. Ein ganz wichtiges Thema ist auch, dass und wie wir junge Menschen erreichen können. Zum einen möchten wir ihnen Mut machen, ihre eigenen Formate zu verwirklichen. Zum anderen möchten wir sie dazu animieren, sich für Kultur zu begeistern. Denn tatsächlich ist es so, dass das Bedürfnis, Kultur zu konsumieren, schlichtweg droht, verloren zu gehen. Wenn aber der Wunsch, Kultur zu erleben, nicht mehr da ist, hat das erhebliche Auswirkungen auf unsere Gesellschaft, weil sie wichtiger Bestandteil unserer Identität, unseres Zusammenlebens und unserer Werte ist.
Wie wollen Sie die jungen Menschen erreichen?
Wir gehen über die Schulen. Interessant sind dabei die Methoden. Unter anderem mit sogenannten Kultursnacks in der Pause, ein Hipp-Hopp zum Beispiel. Heißt also, mit Spots Appetit machen.
Ein weiterer Plan ist, Komplizen zu installieren, das heißt Künstler von außen holen, die uns zuarbeiten, um die Szene zu erweitern. Es gibt so eine Vielfalt – wenn die zu uns kommen, ist das
nur bereichernd.
Was sind die großen Herausforderungen?
Neben der fehlenden Sichtbarkeit ganz klar die Erreichbarkeit. Allein schon aufgrund der Mobilitäts-infrastruktur, die hier im ländlichen Raum zu wünschen übrig lässt. MuT beziehungsweise der Schrabben Hof hat dabei keine Probleme, wir sind mehr als gut frequentiert. Gleichwohl gibt es ein dickes Brett zu bohren, um die freie Kulturszene nachhaltig in der Fläche aufzubauen und sichtbar zu machen. Das braucht viel Zeit. Dabei darf man auch nicht vergessen und vernachlässigen, dass sich die Medienlandschaft massiv verändert hat und sich immer noch verändert.
Welche Rolle spielt die Öffentlichkeit bei Ihren Projekten?
Die Öffentlichkeit ist essenziell, um die Kultur lebendig zu halten. Sie kann sich durch Teilnahme an Veranstaltungen, Mitgestaltung oder ehrenamtliches Engagement einbringen. Offene Veranstaltungen laden alle ein, die lokale Kultur aktiv zu erleben.
Was ist Ihre Vision für die Zukunft?
In fünf Jahren hätten wir gerne eine junge lebendige Kulturszene. Und da spielen vom Kulturstammtisch alle mit. So wie der Club 574 oder die OTs oder das „Kinder-, Jugend- & Kulturhaus“ in Finnentrop und noch viele andere Akteure. Wenn wir die Kraft der Gemeinschaft nutzen und Synergien gezielt einsetzen, können wir die Kleinkunst als wichtigen Bestandteil unserer Kultur etablieren und fördern. Die freie Szene ist nicht die Alternative, sie ist zentral. Sie ist innovativ, kritisch, offen, mutig. Und wenn man Kultur als gesellschaftlichen Spiegel ernst nimmt, dann muss man die freie Szene stärken.
Text und Foto: Birgit Engel, Illustration: adobestock, mutter