Heimat lebt davon,dass man sie teilt

Heinz Stachelscheid ist seit Oktober 2024 Ortsheimatpfleger in Drolshagen. Seine große Leidenschaft für Geschichte, Sprache und Erinnerungskultur reicht bis in seine Kindheit zurück. Im Gespräch mit unserem Magazin erzählt er, was seine Liebe zur Heimat geprägt hat, warum Plattdeutsch für ihn Herzenssache ist – und weshalb Heimatarbeit Gemeinschaft braucht.

HERR STACHELSCHEID, ERINNERN SIE SICH NOCH DARAN, WANN IHRE BEGEISTERUNG FÜR HEIMATGESCHICHTE BEGONNEN HAT?
Es waren zwei Dinge, die mich geprägt haben: meine Familie und ganz besonders mein Großvater. Bei uns zu Hause wurde viel über Vergangenes gesprochen – auch in Plattdeutsch. Dass meine Mutter aus Wenden stammte, hat außerdem dazu geführt, dass bei uns neben dem Dräulzer auch das Wendsche Platt gesprochen wurde. Wenn die Geschwister meines Drolshagener Opas zu Besuch kamen, dann habe ich mich als kleiner Junge immer unter dem Tisch verkrochen und meine Lauscher ausgefahren, weil mich die Sprache so interessiert hat – aber natürlich auch die Geschichten, die erzählt wurden. Mein Großvater berichtete etwa, wie sein eigener Vater als Junge den Bau des Drolshagener Kirchturmhelms im Jahr 1874 erlebt hat. Da wurde eine riesige Rampe vom Klosterhof zum Turm gebaut, und Zimmerleute trugen schwere Balken über eine ziemlich wackelige Konstruktion nach oben. Diese Bilder haben meine Fantasie total beflügelt – das war für mich leben-
dige Geschichte.

GAB ES MENSCHEN, DIE SIE IN IHREM GESCHICHTSINTERESSE BESONDERS BEGLEITET ODER BESTÄRKT HABEN?
Ab meinem 14. Lebensjahr spielte Felix Stahlhacke eine ganz entscheidende Rolle. Ich habe ihn im Kirchenchor kennengelernt – er war damals Ortsheimatpfleger in Drolshagen und wurde so etwas wie mein Mentor. Daraus ist eine tiefe Freundschaft entstanden, die bis zu seinem Tod vor wenigen Jahren gehalten hat. Felix war unglaublich gut vernetzt und hat mich in viele Themen eingeführt. Als ich gerade 18 Jahre alt war, gab es in Drolshagen eine große Feier anlässlich des 500-jährigen Jubiläums der Stadtrechte. Gleichzeitig erschienen mehrere Publikationen zur Stadtgeschichte – zum Beispiel eine Neuauflage des Buchs „Min Draulzen – Mundartliches aus Südsauerland“ von Joseph Börsch, das 1917 im Original herausgegeben worden war. Ich habe sprichwörtlich alles verschlungen! Felix Stahlhacke und ich haben damals gemeinsam eine Jugendgruppe gegründet und mit dieser am „Tag der Heimat“ im Rahmen der 500-Jahrfeier auf der Bühne im Festzelt plattdeutsche Gedichte und Lieder vorgetragen.

SIE WAREN SCHON FRÜH AUCH ÜBER DROLSHAGEN HINAUS AKTIV. WIE KAM ES DAZU?
Während meines Studiums in Gießen habe ich den Arbeitskreis Heimatforschung kennengelernt, den Klaus Droste, seinerzeit Direktor der Volkshochschule des Kreises Olpe, und Günther Becker aus Altenhundem, damals Kreisheimatpfleger, gegründet hatten. Wir trafen uns alle zwei bis drei Monate – und ich bin dafür eigens aus Gießen angereist. Wir haben damals etwa Schloss Lenhausen in der Gemeinde Finnentrop mit seiner mittelalterlichen Küche besucht, aber auch alte Fachwerkhäuser in Kirchveischede besichtigt oder das Naturschutzgebiet Dollenbruch bei Silberg. Es entstand ein starkes Zugehörigkeitsgefühl. Plötzlich gehörten auch diese weiter entfernten Orte zu meiner Heimat.

SIE SIND IN VIELEN VEREINEN AKTIV. WARUM IST IHNEN DIESES ENGAGEMENT WICHTIG?
Weil Heimatarbeit Gemeinschaft braucht. Ich war Gründungsmitglied des Kreisheimatbundes Olpe im Jahr 1980 auf der Hohen Bracht und auch am Gründungstag des Drolshagener Heimatvereins im Jahr 1989 dabei. Diese Netzwerke sind enorm wichtig – sie tragen Wissen zusammen, verbinden Generationen und sorgen dafür, dass Heimatforschung keine Einzelarbeit bleibt. Ein weiteres Herzensprojekt ist die Plattdeutsche Runde in Drolshagen, in der ich als Beirat der Vorsitzenden Gertrud Schneider tätig bin. Gemeinsam bereiten wir die Treffen vor, bei denen sich Freunde der plattdeutschen Sprache regelmäßig im Drolshagener Heimathaus einfinden.

WIE WÜRDEN SIE JEMANDEM ERKLÄREN, DER DEN BEGRIFF NICHT KENNT, WAS EIN ORTSHEIMATPFLEGER EIGENTLICH MACHT?
Ein Ortsheimatpfleger bemüht sich darum, das geschichtlich Wertvolle seiner Heimat zu bewahren und weiter zu entwickeln. Ein konkretes Beispiel ist das Baumkataster von 1987, das wir in der Geschichtswerkstatt des Drolshagener Heimatvereins digitalisiert haben. Darin sind Bäume erfasst, die das Ortsbild prägen. Dieses Kataster soll jetzt aktualisiert werden.
Ein weiteres wichtiges Projekt ist das Mundartarchiv Sauerland im Stertschultenhof Cobbenrode, das viele Jahre von meinem Freund, dem Sprachwissenschaftler Dr. Werner Beckmann, geleitet wurde. Nach der Auflösung des Archivs sind alle Schriften, die den Kreis Olpe betreffen, ins Archiv des Drolshagener Heimathauses übergegangen.

STOßEN SIE BEI IHRER ARBEIT AUCH AN GRENZEN?
Definitiv. Es gibt Themen, bei deren Aufarbeitung viel diplomatisches Fingerspitzengefühl gefragt ist. Dies gilt insbesondere für die Zeit des Nationalsozialismus. Mir geht es darum, den Mantel des Schweigens zu lüften. Die Deportation von Verwandten mit geistiger Behinderung in die Tötungsanstalten zum Beispiel, war für viele Familien auch Jahrzehnte nach Kriegsende noch ein Tabuthema, über das kaum geredet wurde.
Es hat aber nicht nur Opfer gegeben, sondern auch Täter. Das sind sensible Themen, die man behutsam, aber klar ansprechen muss; das ist ein schmaler Grat. Ich engagierte mich vor diesem Hintergrund auch in der „Erinnerungsinitiative Opfer des Nationalsozialismus in Drolshagen“, die an 77 Frauen erinnert, die am 9. April 1943 von Drolshagen in das Landeskrankenhaus in Marsberg deportiert wurden.

WIE GEHEN SIE DENN MIT WIDERSPRÜCHLICHEN HISTORISCHEN QUELLEN UM?
Widersprüche gehören zur Forschung dazu. Ein Beispiel ist die Geschichte der Drolshagener Kirche. Lange Zeit hieß es, sie sei ursprünglich einschiffig gewesen und später dreischiffig geworden. Das erschien mir immer unlogisch. Inzwischen konnte der Heimatforscher Michael Bieker aus Lüdespert tatsächlich klären, dass die Kirche seit ihrer Gründung immer dreischiffig war. Drolshagen war früh ein bedeutender Wallfahrtsort – und diese Erkenntnis fügt sich nun stimmig ins Gesamtbild ein.

WORAN ARBEITEN SIE AKTUELL?
Im Moment forsche ich zusammen mit Viviane Gutheil aus Olpe zum tragischen Tod der damals neunjährigen Regina Gräve aus Frenkhauserhöh, die am 19. November 1926, also vor fast 100 Jahren, im Alsmicketal ermordet aufgefunden wurde. Dieses schreckliche Verbrechen hat seinerzeit das gesamte Drolshagener Kirchspiel erschüttert. Zur Erinnerung an diesen „Cold Case“, der nie aufgeklärt wurde, hat man damals am Tatort ein Kreuz errichtet, das bis heute von den Mitgliedern des Frenkhauser Schützenvereins gepflegt wird. Wir wollen noch in diesem Jahr gemeinsam mit der Bevölkerung in und um Frenkhausen an dieses Ereignis erinnern.

Ein weiteres Projekt ist die Erforschung einer Drolshagener Tracht, wie sie die Menschen Mitte des 19. Jahrhunderts noch getragen haben sollen. Alles begann mit einem Zufallsfund: einer kleinen Notiz, die einen Hinweis darauf enthielt. Meine Nachforschungen haben ergeben, dass Trachten hier relativ früh aufgegeben wurden, vermutlich wegen der Industrialisierung. Besonders spannend sind die Hauben: Sie hatten eine einheitliche Grundform, wurden aber von den Frauen und Mädchen, die sie trugen, individuell gestaltet. Ich möchte mir dazu die Trachten-Sammlung im LWL-Freilichtmuseum in Detmold ansehen. Die Idee ist, die Drolshagener Tracht zu rekonstruieren und sie zur 550-Jahr-Feier Drolshagens öffentlich zu zeigen.

ZUM ABSCHLUSS: WAS IST FÜR SIE DER KERN VON HEIMATARBEIT?
Heimatarbeit soll die Menschen zusammenführen. Sie muss inklusiv sein – so inklusiv, wie wir nur sein können. Auch Menschen, die von außerhalb kommen, sind bei uns herzlich willkommen. Heimat ist nichts Abgeschlossenes. Heimat lebt davon, dass man sie teilt.

Text: Silke Clemens, Fotos: privat, KI,
Trachten / Abb, Copyright: Jostes, Franz:
Westfälisches Trachtenbuch, Heckmann, 1961