VOM TOURISMUS BIS ZUR WIRTSCHAFT: WINFRIED BORGMANN HAT DIE ENTWICKLUNG DER STADT ENTSCHEIDEND GEPRÄGT – EIN INTERVIEW MIT EINEM MACHER.
Winfried Borgmann kennt Winterberg wie kaum ein anderer. Seit 20 Jahren begleitet er die wirtschaftliche und touristische Entwicklung der Stadt – mit Herz, Haltung und einem klaren Blick für das Machbare. Im Gespräch mit der HEIMATLIEBE hat er über zwei Jahrzehnte voller Veränderungen und Herausforderungen, aber auch über Zukunftsvisionen gesprochen.
20 JAHRE SND EINE LANGE ZEIT – ERINNERST DU DICH NOCH AN DEINEN ERSTEN TAG ALS GESCHÄFTSFÜHRER DER WTW?
Die Geschäftsführung habe ich vor fünf Jahren übernommen. Eine meiner ersten Amtshandlungen war tatsächlich die strikte Abweisung von Gästen, die sich in der Corona-Hochzeit auf den Weg nach Winterberg gemacht haben. Da es ein behördliches Betriebsverbot für Lifte, Gastronomie und Beherbergung gab, mussten wir die Gäste wieder nach Hause schicken. Wir standen mächtig unter Druck, und sogar die berittene Polizei und eine Hundertschaft war vor Ort, um den Massen Herr zu werden. An meinen ersten Tag als Wirtschaftsförderer erinnere ich mich gut. Bis 13 Uhr war ich im September 2005 noch im Wahlbüro in Sachen Bundestagswahl tätig, danach trat ich meinen Dienst an neuer Stelle an.
WAS HAT DICH DAMALS MOTIVIERT, DIESE AUFGABE IN WINTERBERG ZU ÜBERNEHMEN
Ich kam vor 20 Jahren in die Tourist-Information und übe seither die Funktion des Wirtschaftsförderers aus. Zuvor hatte ich schon in meiner vierjährigen Tätigkeit im Sozialamt sehr viel Kontakt zu Menschen und das hat sich durch meinen neuen Aufgabenbereich noch intensiviert. Die mir übertragenen Aufgaben erachte ich immer noch als sinnstiftend und herausfordernd. Vor allem die gemeinsamen mit vielen Beteiligten geschaffenen Ideen und Projekte motivieren immer wieder neu.
WIE HAT SICH WINTERBERG IN DIESEN ZWEI JAHRZEHNTEN FÜR DICH PERSÖNLICH VERÄNDERT?
Ich finde es spannend, wie sich Stadt und Dörfer insgesamt entwickelt haben. Bauwerke oder Einrichtungen, die es früher mal gab, sind die heute verschwunden und anhand von Fotos schwelge ich dann schon ab und zu in Erinnerungen. Dazu gehören vor allem viele kleine Läden. Ich freue ich mich nach wie vor auf verlässliche und vertraute Dinge und Orte, vor allem Menschen. Manchmal trauere ich der einen oder anderen Sache nach. Allerdings hadere ich auch mit der sich stark veränderten Einstellung vieler Menschen zu Themen, wie Tradition, Glauben und Gemeinsinn. Die Veränderungen in unserer Kirchenlandschaft fallen mir besonders stark in den Blick. Hier reichen meine gremienbedingten Erfahrungen weit über 20 Jahre hinaus und hier erkenne ich persönlich viele Veränderungen, die sich auch außerhalb des Kirchenlebens widerspiegeln.
AUF WELCHE PROJEKTE ODER ERFOLGE BIST DU IN DEINER AMTSZEIT BESONDERS STOLZ?
Ich bin stolz darauf, gemeinsam mit dem Team Winterberg viele gute Veranstaltungen auf die Beine gestellt zu haben. Beispielhaft nenne ich das Winterberger Stadterlebnis, vormals die GEWI (Gewerbeschau). Wenngleich die Coronazeit schrecklich und vor allem wirtschaftlich schmerzhaft war, so bin ich dennoch stolz darauf, dass wir unseren Unternehmen in dieser Zeit eng zur Seite gestanden sind und diese mit wichtigen Infos und Anregungen versorgt haben. Stolz machen mich Unternehmen, die ich in ihren ersten Schritten mitbegleiten durfte und auch jene, mit denen ich manche Initiativen in den letzten zwei Jahrzehnten erfolgreich durchführen konnte. Insgesamt erfüllt es mich mit viel Zufriedenheit, seit 20 Jahren ein Rädchen im Gesamtgetriebe Winterbergs sein zu dürfen.
WIE HAT SICH DER TOURISMUS IN WINTERBERG, IN DEN LETZTEN 20 JAHREN ENTWICKELT, UND WELCHE ROLLE SPIELT DIE WTW DABEI?
Die WTW ist als eine zentrale Schalt- und Servicestelle ganz eng mit der touristischen und wirtschaftlichen Entwicklung Winterbergs verbunden. Unser Team ist nicht nur in die Aufgaben der Tourismusentwicklung und Wirtschaftsförderung eingebunden, sondern ist darüber hinaus in vielen Bereichen der gesamtstädtischen Entwicklung eingebunden. In den letzten 20 Jahren ist viel Gutes entstanden, denken wir an die Panorama- Brücke, den Bike-Park, den Trailpark, die Erlebniswelt Hillebachsee oder die Skigebiete. Top Produkte, wie der Ruhrtalradweg, die Hochheidehütte und die Hoheleyer Hütte sind vor genau 20 Jahren entstanden, und der Rothaarsteig feiert schon 25-jähriges Bestehen. Ich könnte seitenweise über die Errungenschaften und erfolgreichen privaten und öffentlichen Investitionen berichten. Allerdings gehören zur positiven Gesamtentwicklung auch Herausforderungen, die seit einigen Jahren unsere tägliche Arbeit mitbestimmen. Tourismus muss auf Akzeptanz treffen, und hierzu bedarf es Regeln und Maßnahmen. Viele davon laufen über die Tische der WTW.
WELCHE HERAUSFORDERUNGEN SIEHST DU AKTUELL FÜR WINTERBERG – ZUM BEISPIEL IN DEN BEREICHEN NACHHALTIGKEIT, DIGITALISIERUNG ODER FACHKRÄFTEMANGEL?
Vor allem im Rahmen von Dialog und Zusammenarbeit. Ich glaube, eine wesentliche Zutat für ein gelungenes Gesamtkonzept ist das gemeinsame Anpacken, die Bündelung von Kräften und Finanzen auch über die Pflichtbeiträge (Steuern etc.) hinaus. Der Stadtmarketingverein ist da ein Paradebeispiel, denn schon vor 25 Jahren wurden hier kommunale/hauptamtliche, ehrenamtliche/ bürgerliche und unternehmerische Kräfte gebündelt. Mit dieser Power konnte sehr viel erreicht werden und wird es heute noch.
WENN DU DIE ZUKUNFT DES TOURISMUS IN WINTERBERG BESCHREIBEN WÜRDEST: WELCHE VISIONEN HAST DU FÜR DIE NÄCHSTEN ZEHN JAHRE?
In zehn Jahren werden wir in und mit Winterberg ein begehrter und menschenfreundlicher Ort für Freizeit, Leben und Arbeiten sein, der noch das bieten kann, was woanders Mangelware wird. Das ist vor allem ein wertschätzendes Miteinander, eine für alle passende Infrastruktur und damit ein lebens- und liebenswertes Lebensumfeld. Viele Grundlagen sind in den letzten Jahren geschaffen worden und viele Menschen sind dazu bereit, diese entsprechend weiterzuentwickeln.
WAS BEDEUTET HEIMAT FÜR DICH- UND WELCHEN STELLENWERT HAT WINTERBERG DABEI?
Heimat ist für mich – heute umso mehr – die Gewissheit, geborgen und zufrieden leben zu können. Dazu gehören Menschen, denen ich vertrauen kann, die sich um das Allgemeinwohl kümmern, sich einbringen und gemeinsam an einem guten Miteinander und Lebensumfeld mitarbeiten. Dazu gehört vor allem Dörflichkeit, Naturraum und die für alle Altersgruppen notwendigen oder wünschenswerten Angebote. Damit habe ich Winterberg ziemlich zutreffend beschrieben.
GIBT ES EINEN LIEBLINGSORT IN WINTERBERG, AN DEM DU NEUE IDDEN ENTWICKELST ODER EINFACH MAL ABSCHALTEST – UND WARUM GERADE DIESER ORT?
Es gibt mehrere Orte. Einer davon ist unsere Dorfkirche, denn hier kann man mal vom weltlichen abschweifen. Weitere Orte sind die, an denen man seine Gedanken mal zusammenwerfen und daraus verrückte und gleichsam sinnvolle Ideen entwickeln kann. Das sind vor allem Fest-Orte wie Dorfhalle oder Grillplatz. Ein Lieblingsort, der die Gedanken mal zur Ruhe bringt, ist die Niedersfelder Hochheide. Abschalten allerdings fällt mir schwer, denn nahezu jeder Ort birgt Inspiration und Anregung in sich, die im beruflichen Kontext stehen.
Text: Carmen Ahlers