GANZ GROßES KINO!
DAS FILMTHEATER WINTERBERG VERBINDET SEIT ÜBER 80 JAHREN LIEBENSWERTEN CHARME MIT MODERNSTER TECHNIK
Winterberg. Es duftet nach Popcorn. Man macht es sich mit seiner noch warmen Tüte und einem Getränk bequem, unterhält sich, winkt anderen Besuchern, die man zufällig trifft. Es wird dunkler im Saal, die Gespräche verstummen. Die Werbung geht los, man entdeckt Orte und Gesichter. Und dann startet der Film. Man lacht zusammen, man gruselt sich zusammen, man duckt sich förmlich weg, weil das Geschehen auf der Leinwand so fesselnd ist. Und manchmal verdrückt man auch zusammen ein Tränchen und bleibt beim Abspann eine Weile sitzen, weil man mit dem Kopf noch völlig im Film ist und noch nicht wieder bereit für den Alltag.



Ganz klar, es geht um einen Besuch im Kino. Kino weckt mit seiner ganz besonderen Atmosphäre einfach Emotionen und ist – das Wörtchen „man“ zeigt es – fast immer ein Gemeinschaftserlebnis; viel mehr, als es ein Film am Fernsehen oder am Handy schafft.
Und genau diese Emotionen sind seit drei Generationen der Antrieb für Joachim und Annette Wahle: für das Filmtheater Winterberg, das seit 83 Jahren als Familienunternehmen geführt und mit ganzem Herzen auch gelebt wird.
Denn ein Besuch im Winterberger Kino ist Emotion, der schon beim Eintreten mit der sympathischen Begrüßung losgeht. Und er ist ein Bogen zwischen verschiedenen Zeitepochen: Der über 80 Jahre alte Name „Filmtheater“ erzählt vom Geist der Zeit, als es noch keinen Fernseher, keine Videothek und kein Dauer-Online-Entertainment gab, sondern das Kino für die Menschen der Schlüssel zur großen weiten Welt war oder ihnen ein paar Stunden Abstand davon gewährte. In Winterberg erinnern noch das alte Kassenhäuschen mit Preistafel oder die in Harz gegossenen Filmrollen als Stehtisch daran. Die beiden hochmodernen Kinosäle im Filmtheater hingegen punkten mit der aktuellsten Technik, die es am cineastischen Markt gibt. Die Filme werden mit Laser-Phosphor-Projektoren auf die Leinwände projiziert, der Ton kommt über die neueste Lautsprecher-Generation. Komplett wird das Rundum-Paket mit bequemen Sesseln sowie „D-Box“-Sitzen“ oder Zweisitzer-Sofas und vollklimatisierten Sälen.
ERSTE FILMVORFÜHRUNG 1943 IN DER SCHÜTZENHALLE
Die Geschichte des Filmtheaters Winterberg beginnt genau am anderen Ende der Ruhr, nämlich in Duisburg. Dort war der Großvater von Joachim Wahle, Walter Berenbruch, ab Mitte der 30er Jahre Leiter des legendären Mercator-Palastes, dem seinerzeit modernsten Kino – oder „Lichtspielhaus“, wie es damals noch hieß – in Deutschland mit 1.200 Plätzen. Im April 1943 wurde es durch Bomben völlig zerstört. Nur zwei flammneue Filmprojektoren konnten aus den Trümmern gerettet werden, weil sie noch eingepackt im Keller standen und erst am nächsten Tag aufgebaut worden wären. Mit diesen Projektoren wagte Walter Berenbruch einen Neustart – in Winterberg, weil er dort eine Kino-Genehmigung bekam. Am 19. November 1943 zeigte er in der damaligen Schützenhalle seinen ersten Film: „Lache Bajazzo“ mit Paul Hörbiger in der Hauptrolle. Der Eintritt kostete 1,10 Reichsmark. Nach Kriegsende ging Berenbruch nicht mehr zurück ins Ruhrgebiet, sondern blieb in Winterberg. Wie wichtig ihm sein Filmtheater war, zeigte sich u.a. nach der Währungsreform 1948, als alle Deutschen 40 neue Deutsche Mark erhielten. Von den 120 DM für seine dreiköpfige Familie investierte er 80 DM in Kohlen, um für sein Publikum heizen zu können!
Anfang der 1950er Jahre baute Walter Berenbruch in der Nuhnestraße ein eigenes Kino mit einem Saal und einem Wohnhaus für die Familie. Nach seinem Tod 1958 führte seine Tochter Doris mit ihrem Mann Herbert Wahle den Betrieb im Nebenerwerb weiter; immer kräftig unterstützt von Oma Leni. Es gab jeden Abend eine Vorstellung, sonntagnachmittags zusätzlich einen Kinderfilm.



„AUS EINS MACH ZWEI“
Als Joachim Wahle als Sohn von Doris und Herbert mit seiner Frau Annette das Filmtheater 1999 in dritter Generation übernahm, wagten die beiden nach reiflicher Überlegung einen entscheidenden Schritt: Aus eins mach zwei – der große Kinosaal, in den 1983 sogar eine Theke eingebaut worden war, wurde mit riesigem handwerklichen und finanziellen Aufwand in zwei separate Säle unterteilt, alles modernisiert und aus dem Filmtheater einen Vollerwerbsbetrieb gemacht.
2009 wagten Joachim und Annette Wahle eine weitere große Investition und stellten als eines der ersten kleineren Kinos in Deutschland auf digitale Technik inklusive 3D um. Bis dahin waren die Filme noch immer auf den Projektoren aus Duisburg abgespielt worden, die dank der Wartung von Benedikt Schmitt als gutem Geist des Kinos über 60 Jahre treue Dienste geleistet haben. 2015 folgte dann die Umstellung der Tontechnik auf „Dolby Atmos“, wodurch die Besucher einen sehr authentischen, mehrdimensionalen Klang erleben. Und wer noch tiefer und authentischer in das Geschehen auf der Leinwand eintauchen will, kann im Filmtheater Winterberg als einzigem Kino im Sauerland Platz auf einem der sechs „D-Box-Sitze“ nehmen.
2019 wurde Saal 2 komplett renoviert und neu bestuhlt, ein Jahr später – schon während des Corona-Lockdowns – erhielt das Foyer ein neues Gesicht. À propos Corona: Weil alle Kinobetriebe monatelang geschlossen waren, organisierte die Familie Wahle mit riesigem Aufwand zusammen mit Fort Fun und Eventtechnik Südwestfalen ein Autokino. Im März 2021 nahm sie an der bundesweiten Aktion „Kino leuchtet“ teil, um auf die schwierige Situation und den völligen Stillstand der Kinos aufmerksam zu machen.
FILMKUNST, KINDER-KINO UND KONZERTE
Ist Kino heute überhaupt noch zeitgemäß, wo man bei Streaming-Diensten oder Mediatheken rund um die Uhr Filme sehen kann? Die Rahmenbedingungen werden nicht einfacher, gerade die Corona-Pandemie war eine grenzwertige Situation. Und trotzdem: Große und aktuelle Filmauswahl, modernste Technik, das Gemeinschaftserlebnis beim Gucken … alles Dinge, mit dem das heimische Sofa einfach nicht mitkommt – und als i-Tüpfelchen gibt es im Filmtheater Winterberg das herzliche Flair und oftmals kleine, typische Aufmerksamkeiten zum Film dazu!



Denn Kino von der Stange war noch nie das Ding der Familie Wahle. Schon seit vielen Jahren veranstalten sie Sonderaktionen – bewährte Formate, aber auch ganz neue wie u.a. „Kino & Vino“ mit dem Winterberger Weinlädchen, Mädels- oder Strickabende, Ü50 Kaffeenachmittage, Sneak-Previews, Aktionen am Mutter- und Valentinstag oder eine festliche Übertragung vom Silvesterkonzert in Berlin. Immer wieder sind auch Filmemacher persönlich vor Ort, die ihre Werke vorstellen und mit dem Kino-Publikum diskutieren.
In der Sitzecke des Foyers fallen zahlreiche Fotos mit Filmstars und Auszeichnungen ins Auge: Das Filmtheater ist schon mehrfach – zuletzt im Dezember 2025 – für seine herausragende Programmvielfalt geehrt worden, die nicht nur die aktuellen Kino-Charts umfasst, sondern auch ein ausgewogenes Angebot von Filmkunst, das Kinder-Kino zu besonders familienfreundlichen Preisen sowie Übertragungen (teilweise sogar live) von Konzerten, Opern und Ballettaufführungen – von Rammstein und Müller-Westernhagen über die Wagner-Festspiele in Bayreuth, André Rieu bis zum Royal Opera House in London oder das russische Staatsballett.



83 Jahre reiche Vergangenheit also, eine Gegenwart auf dem technisch aktuellsten Stand und zudem klimaneutral – aber ob es für das Filmtheater Winterberg eine Zukunft mit kinotauglichem Happy End gibt? Nach mehr als einem Vierteljahrhundert Leben mit und für die Filmwelt denken Annette und Joachim Wahle nun darüber nach, kürzer zu treten. Wie es dann mit dem Kino weitergeht, ist im Moment offen. Die beiden Söhne haben sich beruflich anders orientiert. Ob sich jemand findet, der das Filmtheater im besten Fall weiterführen möchte oder eine ganz andere Idee für das weitläufige Gebäude hat? Es bleibt spannend…. ganz großes Kino eben!
Text: Rita Maurer