Fabian Arens – Zwischen Himmel und Abgrund

Über Disziplin, Angst, mentale Stärke
und den schmalen Grat zwischen Leidenschaft und Risiko

Extremsport ist mentale Präzision in Reinform. Für Fabian Arens bedeutet Bergsteigen, unter Druck klar zu denken, in Grenzsituationen strategisch zu handeln und emotionale Balance zu bewahren. Seine Stärke liegt nicht nur in Muskeln, sondern in der Fähigkeit, Gedanken und Energie zu lenken.

EIN WEG, DER NACH OBEN FÜHRT – UND NACH INNEN
Es begann unspektakulär – mit Klettertouren im Sauerland. Im Unteren Elberskamp bei Heggen, einem der traditionsreichsten Klettergebiete der Region. Über 50 Routen bieten hier alles vom Genussklettern bis zum Extrem – darunter die legendäre Katharsis (10+), eine der schwierigsten Linien in Nordrhein-Westfalen. Damals ahnte Fabian Arens aus Röllecken noch nicht, dass diese ersten Griffe an grauem Felsen der Anfang einer lebensprägenden Leidenschaft waren.

Der Mont Blanc de Cheilon (3870 m) vereint alles, was eine beeindruckende Hochtour ausmacht: elegante Firn- und Felsgrate, genussvolle Kletterpassagen sowie anspruchsvolle, steilere Abschnitte über Firn und Gletscher. Damit man ihn nicht mit seinem großen Bruder oberhalb von Chamonix verwechselt, hat man die lokale Bezeichnung Cheilon (= steiniges Gebiet) beigestellt.

Heute lebt der 31-Jährige in der Schweiz, arbeitet als Seilbahnmechatroniker und Teamleiter bei der Zermattbergbahn – der höchstgelegenen Bergbahn Europas. Umgeben von Viertausendern wie Matterhorn und Monte Rosa hat Arens seinen Platz gefunden. Seine Freizeit gehört den Bergen. Vom Fußball über Trailrunning und Alpenüberquerungen führte ihn sein Weg zu Expeditionen in die höchsten Regionen der Erde – dorthin, wo die Luft dünn ist, das Licht grell und jeder Schritt zur Prüfung wird. „Man muss erkennen, wann es reicht. Berge laufen nicht weg“, sagt er. Eine Erkenntnis, die über Leben und Tod entscheiden kann.

IN DER TODESZONE
Ab 8000 Metern beginnt die sogenannte Todeszone. Kaum Sauerstoff, minus 40 Grad, ein Körper am Limit. „Da oben funktioniert nichts mehr wie gewohnt“, sagt Arens. „Der Kopf wird träge, jede Bewegung schmerzt. Aber gerade dort fühle ich mich frei.“ Auf dem Manaslu – 8163 Meter hoch – wagte er den Aufstieg ohne Sauerstoff. „Ich wollte wissen, wie weit mein Körper gehen kann.“

TRAINING, DISZIPLIN UND DER MENTALE MUSKEL
Arens trainiert fast täglich: sechs Laufeinheiten pro Woche, rund 170 Kilometer mit täglich bis zu 1500 Höhenmetern. Krafttraining ersetzt er durch Klettern – ein ganzheitliches Training für jeden Muskel. Sein Motto: „Wenn du denkst, du kannst nicht mehr, hast du noch 40 Prozent. Ich will die 60“, sagt Arens. Mentale Stärke sei das wichtigste Werkzeug – geformt durch Disziplin, akribische Vorbereitung und die Fähigkeit, Stille auszuhalten. „Wenn ich solo unterwegs bin, studiere ich jede Passage im Detail. Das Restrisiko bleibt, aber ich kann es verkleinern.“ Der Körper folgt dem Willen – doch es ist der Kopf, der entscheidet, wann man umkehrt. Auch Ernährung ist Teil seines Systems. Kein Gluten, kein Alkohol, kein Schwein. Dafür Aminosäuren, Omega-3, Magnesium, hochwertiges Fleisch, grünes Gemüse und Möhren. 3500 bis 4000 Kalorien pro Tag – genau berechnet, dokumentiert, optimiert. Zucker streicht er konsequent. Selbstoptimierung als Überlebensstrategie, nicht aus Eitelkeit.

ZWISCHEN ADRENALIN UND RISIKO
Was treibt Menschen wie Fabian Arens an? Die Suche nach dem Kick, nach Adrenalin, nach diesem kurzen, alles überstrahlenden Moment, in dem Angst in Euphorie kippt. „Es ist Therapie“, sagt Arens. „Wenn ich am Berg bin, bin ich frei. Dann denke ich an gar nichts.“ Doch dieser Rausch birgt Gefahr. Arens begegnet dem mit Selbstkontrolle. Er trägt eine Notfalluhr, die im Ernstfall seine GPS-Daten versendet. „Das ist meine Versicherung – und mein Anker zur Vernunft.“

TEAMGEIST UND EINSAMKEIT
Am Berg ist Vertrauen überlebenswichtig. „Du musst wissen, dass dein Partner dich hält, bei dir ist.“ Gleichwohl zieht es Arens immer wieder ins Alleinsein. Solo-Touren sind für ihn ‚reine Fokussierung‘. Kein Gespräch, kein Geräusch – nur Atem, Schnee und Fels. Diese Einsamkeit ist ambivalent. Ein Fehltritt bleibt unbemerkt. „Ich war einmal fünf Meter tief in einer Spalte. Mit zwei Eispickeln habe ich mich selbst befreit. Danach bin ich umgekehrt – der Gipfel war nur 50 Meter entfernt.“ Ein Moment, der Demut lehrt.

DIE VERANTWORTUNG GEGENÜBER DER NATUR
Bergsteigen ist längst auch ein ökologisches Thema. Der Klimawandel verändert die Berge sichtbar.
Der Permafrost schmilzt, Steinschlag nimmt zu. Arens kennt den Widerspruch seines Tuns. „Meinen CO₂-Fußabdruck möchte ich lieber gar nicht wissen. Aber ich versuche, bewusst zu handeln. Ich trage meinen Müll wieder runter. Jeder Beutel zählt.“ Er glaubt an ‚sanftes Bergsteigen‘, an Eigenverantwortung
statt Massentourismus.

GRENZEN – UND WAS DAHINTER LIEGT
Fabian Arens hat viele Ziele: alle 14 Achttausender, die großen technischen Berge wie Annapurna, Nanga Parbat, K2. Doch der wahre Antrieb liegt tiefer. „Es geht nicht um den Gipfel“, sagt er, „es geht um das, was man auf dem Weg dorthin über sich selbst lernt.“ Er weiß, dass jeder Aufstieg ein Spiel mit dem Risiko ist. Und dass Bergsteigen ein Luxus ist. Doch für ihn ist es mehr als ein Hobby. Es ist sein Lebensentwurf. „Man muss ruhig bleiben, nichts überstürzen, jedes Projekt mit Klarheit angehen“, sagt er. „Ich habe eigentlich nichts zu verlieren. Nur mich selbst zu beweisen.“

Extremsport – das ist ein Spiel auf der Grenze zwischen Leben und Tod, zwischen Vernunft und Rausch. Menschen wie Fabian Arens zeigen, dass Stärke nicht bedeutet, keine Angst zu haben, sondern sie zu beherrschen. Bergsteigen ist Meditation in Bewegung. Eine Schule der Geduld, der inneren Stärke, der Disziplin. Und vielleicht ist das größte Ziel nicht der Gipfel, sondern die Erkenntnis, dass der wahre Sieg im Bewahren der eigenen Menschlichkeit liegt.

Text: Birgit Engel, Fotos: Fabian Arens