ERSTE HILFE FÜR DIE SEELE
HANS JOACHIM BEXKENS IST EHRENAMTLICHER NOTFALLSEELSORGER
Sie gehen in Situationen, die man nie erleben möchte: Die Ehrenamtlichen von der Notfallseelsorge sind da, wenn Menschen mit einem traumatischen Ereignis konfrontiert sind – z.B. mit dem plötzlichen Tod von Angehörigen, als Zeuge eines schweren Unfalls oder von dramatischen Rettungseinsätzen.
In solchen Fällen werden Notfallseelsorger von der Leitstelle mit alarmiert. Sie sind da, wenn die Rettungskräfte sich auf ihre Arbeit im Einsatz konzentrieren müssen. Und sie bleiben, bis andere Unterstützung aus der Familie oder dem sozialen Umfeld vor Ort ist. Auch die Rettungs-, Polizei- und Feuerwehrkräfte selbst erleben oft traumatische Bilder, Situationen und Begegnungen, die sich nicht so einfach mit der Uniform abstreifen lassen. Für sie gibt es die PSU – die psychosoziale Unterstützung, um solche Momente mit geschulten Spezialisten zu verarbeiten.
Einer von ihnen ist Hans Joachim Bexkens aus Elkeringhausen. Der 72-Jährige ist ein Stückweit der „Papa der Notfallseelsorge“, denn er hat sie vor gut 20 Jahren hier in der Region mit aufgebaut und dafür gesorgt, dass Menschen und auch Einsatzkräfte in Ausnahmesituationen an die Hand genommen werden und Erste Hilfe für die Seele geleistet wird.
ZUR RICHTIGEN ZEIT BERUFEN
Hans Joachim Bexkens ist für beide Organisationen aktiv: die Notfallseelsorge, die ökumenisch durch die HSK-Dekanate und den Kirchenkreis Soest-Arnsberg getragen wird, und die PSU der Feuerwehren im Hochsauerlandkreis. Selber war er jahrzehntelang als Hauptbrandmeister bei der Winterberger Feuerwehr aktiv. Wenn er von seinen Erfahrungen und den Wendungen in seinem Leben erzählt, klingt manchmal noch ein bisschen rheinischer Dialekt durch. Denn Hans Joachim Bexkens stammt gebürtig aus Hilden in der Nähe von Düsseldorf. Dort absolvierte er nach der Schule eine Ausbildung als Elektriker. Durch seinen Vater sowie seinen Lehrmeister, die beide in der Kolpingfamilie Hilden aktiv und öfters in Elkeringhausen waren, wenn es im dortigen kolping-eigenen Familienferienheim etwas zu bauen oder zu reparieren gab, kam Bexkens ins Hochsauerland – und blieb, nachdem er dort vor nunmehr 54 Jahren seine Frau Mechthild kennengelernt hatte. Zunächst war er weiter als Elektriker und dann viele Jahre als Leiter des Familienferienheims tätig. Mitte der 1990er Jahre setzte er als gläubiger Christ sein inneres Bedürfnis, aus Dankbarkeit etwas zurückzugeben, in Form eines Fernstudiums an der Domhochschule Würzburg samt praktischer Ausbildung in Paderborn um und wurde im September 2001 feierlich zum „ständigen Diakon“ geweiht. Als ständiger Diakon darf man eine Familie haben, Wortgottesdienste ohne Eucharistie feiern und in diesem Rahmen Menschen taufen, trauen oder beerdigen sowie seelsorgerische Aufgaben in seiner Gemeinde übernehmen.



Vom Lebenslauf her gesehen also ein „Spätberufener“? Hans Joachim Bexkens, der sich selbst augenzwinkernd als „der kleine Landdiakon“ bezeichnet, lacht. Für diesen Begriff hatte sein Professor aus dem Studium eine viel treffendere Umschreibung: „zur richtigen Zeit berufen.“ – „Zur richtigen Zeit“ erfolgte dann auch eine weitere Begegnung. Bei seiner Diakon-Weihefeier war Monsignore Wolfgang Bender, der heutige Polizeidekan vom Erzbistum Paderborn, dabei, der die Gründung eines Notfallseelsorge-Teams im Hochsauerlandkreis anregte. Die Terroranschläge auf das World Trade Center in New York waren da gerade erst ein paar Tage her. Die Welt hatte live zugesehen, was die Feuerwehr und Polizeikräfte bei den Rettungsarbeiten durchmachen mussten. Einige Jahre vorher hatten schon u.a. die Flugzeug-Abstürze in Ramstein oder das ICE-Unglück in Enschede dafür sensibilisiert, Rettungskräfte nach solchen Ereignissen und den damit verbundenen Bildern aufzufangen. Hans Joachim Bexkens absolvierte daraufhin eine weitere Ausbildung zum Polizei- und Feuerwehrkräfte-Seelsorger und baute ein entsprechendes Notfallseelsorge-Team im HSK mit auf, das kreisweit tätig ist und aktuell 50 geschulte Personen umfasst, die innerhalb von 15 Minuten an einem Einsatzort sein können.



„An der Notfallseelsorge ist nicht alles traurig, sie macht auch glücklich, wenn man die Dankbarkeit von Menschen spürt, denen man helfen konnte.“ Hans Joachim Bexkens
GEMEINSAM SCHWEIGEN
Wie tritt man Menschen entgegen, die gerade mit einer persönlichen Katastrophe konfrontiert sind? Da sein. Zuh.ren. Aushalten und mitfühlen. „Ich leihe Dir mein Ohr“, nennt Hans Joachim Bexkens das. Sehr oft wird dann gar nicht gesprochen, sondern geschwiegen. Aber gemeinsam. Manchmal mit einer Hand auf der Schulter. Manchmal auch mit einem Segen oder einem Gebet, sofern das gewünscht ist. Es sind nicht nur die ganz großen Einsätze wie z.B. nach der Love Parade oder der Ahrtalflut, die besonders in Erinnerung bleiben. Es kann auch der Moment sein, wenn man einer älteren Frau die Hand hält, deren Mann nach über 60 Ehejahren gerade gestorben ist. Oder Fälle, in denen Kinder und Jugendliche betroffen sind. Und wie hält man solche Erlebnisse und Gespräche aus?„An der Notfallseelsorge ist nicht alles traurig, sie macht auch glücklich, wenn man die Dankbarkeit von Menschen spürt, denen man helfen konnte.“ Im Sommer 2024 hat Hans Joachim Bexkens für seinen unermüdlichen Einsatz das Bundesverdienstkreuz bekommen – als große Überraschung für ihn, denn sowohl der oder diejenige, die ihn vorgeschlagen hat, als auch alle, die zu seinem Wirken befragt wurden, haben ihm gegenüber bis heute absolut dichtgehalten. „Ich trage das Bundesverdienstkreuz mit Würde für alle Notfallseelsorgerinnen und -seelsorger“, sagt er. „Jeder von ihnen hätte es verdient.“ Bei seinem so wichtigen Ehrenamt hat er stets seinen Weihesatz aus dem ersten Petrusbrief im Kopf: „Wer dient, der diene aus der Kraft, die Gott verleiht“. Ruhe und Kraft sammelt er nach energieraubenden Einsätzen oft in der St. Maria-Magdalena-Kirche in Elkeringhausen im „Vatikanviertel“. Was hat es mit der Bezeichnung auf sich? „Den Spa. haben sich Einheimische erlaubt, weil hier Kirche, Küsterin und Diakon direkt nebeneinander liegen“. Die von au.en eher unscheinbar wirkende Kirche ist ein echter Geheimtipp mit ihrem hellen und farbigen Innenraum. Die Bonner Künstlerin Anna Quaschinski hat vor gut 25 Jahren die sechs Fenster neu gestaltet. Beim genauen Hinsehen erkennt man im blauen Glas die Hl. Maria Magdalena an verschiedenen Stationen ihres Lebens. Höhen und Tiefen, am Ende voller Hoffnung. Manchmal nimmt Hans Joachim Bexkens Menschen, die er begleitet hat, mit in diese kleine Kirche. Beim Verlassen fällt stets der letzte Blick in ein leuchtend-rotes Fenster mit einem Engel. Ein Schutzengel? „Er trägt den Namen desjenigen, der ihn ansieht.“ Ein schöner Gedanke, ob man nun gläubig ist oder nicht. Erste Hilfe für die Seele.
Text: Rita Maurer
Fotos: Rita Maurer, Max Maurer