EIN SAUERLÄNDER DURCH UND DURCH
DAS HEIMATLIEBE INTERVIEW MIT DEM LANDRAT THOMAS GROSCHE
Thomas Grosche ist (Hoch-)Sauerländer durch und durch. Aufgewachsen in Küstelberg im Handwerksbetrieb seiner Eltern lebt der 53-Jährige dort bis heute mit seiner Familie, die aus seiner Frau, vier erwachsenen Kindern samt Anhang, bald dem ersten Enkelkind und Hund Monti besteht. Nach 16 Jahren als Bürgermeister der Hansestadt Medebach hat er am 1. November 2025 das höchste Amt im Hochsauerlandkreis angetreten – als neuer Landrat im Kreishaus in Meschede. Was ihn antreibt, herausfordert, besorgt, freut und auch wehmütig werden lässt, hat Thomas Grosche uns im HEIMATLIEBE-Interview beschrieben (aufgrund der jahrelangen journalistischen Zusammenarbeit sind wir dabei beim „Du“ geblieben)
WAS IST FÜR DICH HEIMATLIEBE?
Heimatliebe ist für mich ein Gefühl, das ich mit ganz vielen tollen Menschen, schönen Orten und besonderen Momenten verbinde.
WOMIT BESCHÄFTIGST DU DICH AM LIEBSTEN, WENN FREIE ZEIT DAFÜR BLEIBT?
Ich mag Menschen. Es wird hoffentlich nicht als Eigenlob rüberkommen, aber ich glaube schon, dass ich mich ganz gut in Menschen reinversetzen und auf verschiedene Charaktere einstellen kann. Dabei versuche ich unvoreingenommen in Gespräche reinzugehen und zuzuhören. Das hilft mir zu verstehen, was mein Gegenüber bedrückt. Und so wünsche ich mir, dass Menschen auch mit mir umgehen. Weitere Hobbys sind Ski- und Radfahren, Fußball – mittlerweile als bekennender Fan vom Borussia Mönchengladbach nur noch passiv; früher auch aktiv in defensivem Mittelfeld und Abwehr beim RW Küstelberg und beim FC Schlossberg.
WO SIND DEINE LIEBLINGSPLÄTZE IN DER REGION?
Es gibt so viele schöne Ecken im Sauerland. Wenn ich mir etwas aussuchen darf, dann ist das der Weg von Küstelberg zum Hillekopf. Von dort oben hat man einen herrlichen Blick auf meinen Heimatort und gleichzeitig weit in die Medebacher Bucht. Wenn ich sonntagmorgens Zeit habe, fahre ich gerne mit dem Montainbike zur Niedersfelder Hochheide. Wenn sie dann so früh noch menschenleer ist und der Nebel in der Heidelandschaft hängt, denke ich jedes Mal „Was haben wir es schön!“
WAS BEGEISTERT DICH AM HOCHSAUERLAND?
Die Menschen, die Verbundenheit zur Region und ihr Engagement, ohne sich dabei laufend selbst ins Schaufenster zu stellen. Es gibt ein nicht ganz so nettes Sprichwort, das es auf den Punkt bringt: „Was der Rheinländer verspricht, macht der Sauerländer.“ Die Sauerländer zeigen ihre Leistungsstärke in Familienunternehmen, im Handwerk oder Dienstleistungssektor und leben Ehrenamt in Vereinen, ihren Orten oder in der Natur. Ich genieße es, große Städte oder andere Länder und Nationalitäten kennenzulernen, aber auch, danach wieder nach Hause zu kommen. Ich habe nie das Gefühl gehabt, ich müsste hier mal raus.
WAS HAST DU AUS DER INTENSIVEN WAHLKAMPFZEIT MITGENOMMEN BZW. WAS HAT DICH BEEINDRUCKT?
Von Januar bis Mitte September habe ich neben meiner normalen Arbeit als Bürgermeister 160 zusätzliche Wahlkampftermine absolviert, viele neue Menschen, Orte und Herausforderungen noch besser kennen gelernt und dabei erfahren, wie sch.n es auch in allen anderen HSK-Kommunen ist. Das hat mich sehr ermutigt in meiner Entscheidung, als Kandidat für das Landratsamt anzutreten. Natürlich ist in einer eher kleinen 8.000-Einwohner-Stadt wie Medebach einiges anders als z.B. in Arnsberg oder Meschede. Aber es gibt auch viele Ähnlichkeiten und vor allem überall einen ganz besonderen Menschenschlag im Sauerland. Diese Erfahrung wird mir hoffentlich dabei helfen, meine Arbeit als Landrat für alle Bürgerinnen und Bürger im HSK gut zu machen.
WAS LÄUFT AUS DEINER SICHT IM HSK GUT, UND WO SIEHST DU HANDLUNGS – POTENTIAL?
Gut läuft es wirklich mit dem ehrenamtlichen Engagement der Bürgerinnen und Bürger. Durch die vielen standorttreuen Familienunternehmen, die in Generationen und nicht in Quartalszahlen denken, sind wir wirtschaftlich gut aufgestellt. Das zeigt sich an der geringen Arbeitslosenquote und dem hohen Freizeitwert. Schwierig für die Menschen und die Unternehmen hier sind momentan die gesamtwirtschaftlichen Rahmenbedingungen mit Rezession, hohen Energiekosten und Klimawandel, die die Region zu spüren bekommt Wichtig ist die Frage: Wie gehen wir mit demografischem Wandel um, denn trotz Zuwanderung haben wir einen Rückgang bei den Bevölkerungszahlen. Prognosen zeigen, dass sich diese Entwicklung fortsetzt. Die Alterspyramide wird sich hin zu einer älteren Bevölkerung verschieben, die aber zum Glück immer länger fit bleibt. Trotzdem müssen wir uns aktiv um Rahmenbedingungen vor Ort kümmern wie z.B. Pflege, ärztliche Versorgung oder Barrierefreiheit, denn die Familienstrukturen sind nicht mehr wie früher. Die Anzahl jüngerer Menschen sinkt prozentual. Wir müssen unsere Region deshalb so modern und attraktiv gestalten, dass die jungen Leute hierbleiben oder nach ihrer Ausbildung wiederkommen. Dafür brauchen wir gute Perspektiven für Beruf, Familie, Freizeit, Bildung, Betreuungsplätze, Digitalisierung, Mobilität und gleichzeitig als Unterbau funktionierende Vereine und Gemeinschaften. Mein Wunsch ist, dass junge Menschen sich im Hochsauerland so wohl fühlen, wie ich das tue, und mit Mitte 50 genauso davon schwärmen.


WELCHE SCHWERPUNKTE/IMPULSE WILLST DU ALS LANDRAT SETZEN?
Als Top 3 nenne ich da die Wirtschaftsförderung, die Digitalisierung und Modernisierung der Verwaltung und den großen Bereich Jugend, Bildung und Familie. Es gibt natürlich noch viele weitere Themen, die nicht weniger wichtig sind.
WAS SIEHST DU ALS GRÖSSTE HERAUSFORDERUNG?
Da ist zum einen der schon genannte demografische Wandel und der Fachkräftemangel. Wir müssen es schaffen, junge Menschen hier zu halten und ihnen eine vernünftige Basis dafür bieten. Weiter beschäftigen mich die Kommunalfinanzen. Aufgrund der nun mehrjährigen Rezession haben wir ein strukturelles Problem, was uns das aktive Handeln und Investieren deutlich erschwert. Eine hochgradig spannende Frage ist auch, was sich künftig für uns alle durch KI ändern wird. Ich bin sehr offen für diese Thematik, sage aber auch, dass wir mit und für Menschen arbeiten und dabei die emotionale Intelligenz nicht vergessen dürfen.
WELCHE BESONDEREN DINGE ODER EREIGNISSE BLEIBEN DIR AUS DEINER 16-JÄHRIGEN AMTSZEIT ALS MEDEBACHER BÜRGERMEISTER IN ERINNERUNG?
Ein Projekt ist da auf jeden Fall der Aventura Spielberg. Medebach hat dadurch eine gewisse Leuchtturmwirkung bekommen. Man hört oft auch weiter entfernt „Medebach? Ihr habt doch diesen tollen Spielberg.“ Wenn man dort die Kinder mit leuchtenden Augen spielen und die Eltern mitmachen oder entspannen sieht, ist das der schönste Lohn. Ein besonderes Erlebnis bleibt sicherlich auch die 875-Jahrfeier im August 2019. Alle Ortsteile haben sich dabei mit tollen Ideen eingebracht. Es war so richtig, richtig schön und im Nachhinein mit dem Bundesschützenfest vier Wochen später die letzten beiden großen Veranstaltungen vor der Corona-Pandemie, bei denen wir alle zusammen gefeiert haben. In der Pandemie mussten wir ein Krisenmanagement bilden und tagtäglich den Spagat schaffen, ordnungsbehördlich korrekt zu agieren und trotzdem die Bürger optimistisch zu begleiten – auch eine eindrucksvolle Erfahrung. In positiver Erinnerung behalte ich zudem, dass wir Infrastrukturen wie Hallenbad, Schulen, Turnhallen, Feuerwehrhäuser erhalten und zukunftsf.hig gemacht haben, ohne nachfolgende Generationen mit Schulden zu überhäufen. In den Ortsteilen konnten wir zahlreiche Dorferneuerungsprojekte realisieren. Es war mir immer ein Anliegen, die Belange von Ortsteilen und Kernstadt gleichberechtigt zu sehen. Es ist sicherlich nicht perfekt, man konnte es nicht jedem recht machen, und es hat auch nicht alles geklappt, aber ich gehe keinesfalls unzufrieden, sondern mit der Gewissheit, dass ich keinen Scherbenhaufen hinterlasse, sondern die Hansestadt Medebach langfristig gut, zukunftssicher und mit einer soliden Finanz- und Ausgleichsrücklage aufgestellt ist.



WAS WIRST DU DEINEM NACHFOLGER FRANK LINNEKUGEL MITGEBEN?
Ich brauche ihm nichts mitgeben, er hat alles an Rüstzeug, um ein richtig guter Bürgermeister zu sein. Er soll seinen eigenen Weg finden und nicht Thomas Grosche 2.0 werden. Ich bin froh, solch einen guten Nachfolger für Medebach zu haben.
WAS WIRST DU VERMISSEN?
Definitiv die Kolleginnen und Kollegen im Rathaus und im Rat. Außerdem bestimmte Ereignisse im Jahresablauf wie z.B. den Neujahrsempfang, Karneval, das Gelobtes Fest oder die Schützenfeste in allen Ortsteilen. Die Feste bleiben ja, aber sie werden für mich anders sein. Außerdem wird mir die familiäre Vertrautheit in unserem Städtchen fehlen, denn mit vielen Menschen ist mehr aus der anfangs rein beruflichen Verbindung gewachsen.
WORAUF FREUST DU DICH IN DEINEM NEUEN AMT BESONDERS?
(*lacht) Auf das Essen in der Kantine. In Medebach mussten wir nämlich selber kochen… Aber nun im Ernst: Ich freue mich insgesamt auf die neue Aufgabe. Vor den spannenden Herausforderungen habe ich aber auch gehörigen Respekt. Hoffentlich funktioniert alles, damit ich meinem Anspruch und dem großen Vertrauensvorschuss des tollen Wahlergebnisses gerecht werde.
Text: Rita Maurer