EIN LEBEN FÜR DEN WEIN
Von Laura Kappen
ES GIBT MENSCHEN, DEREN LEBENSWEG SICH WIE EIN ROTER FADEN LESEN LÄSST – UND DANN GIBT ES JENE, BEI DENEN SICH ERST IM RÜCKBLICK ZEIGT, WIE STIMMIG SICH ALLES ZUSAMMENFÜGT. BEI MEINEM GESPRÄCH MIT DEM ARNSBERGER WEINHÄNDLER MIGUEL DA SILVA WIRD SCHNELL KLAR: HIER HAT JEMAND NICHT NUR SEINEN BERUF GEFUNDEN, SONDERN EINE ECHTE BERUFUNG.
Geboren in Lissabon, aufgewachsen zwischen portugiesischer Lebensfreude und später deutscher Bodenständigkeit, begann seine Geschichte alles andere als geradlinig. Mit 13 Jahren zog er nach Deutschland – ein Schritt, der vieles veränderte. Neue Sprache, neue Kultur, neue Herausforderungen. „Das war prägend“, sagt er heute. „Ich musste früh lernen, mich zurechtzufinden.“ Vielleicht ist genau das der Grund, warum er heute so offen auf Menschen zugeht – und warum Genuss für ihn immer auch etwas Verbindendes hat. Seit rund 25 Jahren lebt er in Arnsberg, seit zwei Jahrzehnten in Alt-Arnsberg, wo er längst seine Heimat gefunden hat. Und doch ist da immer auch die Verbindung zu Portugal geblieben. „Home is where the wine is“, sagt er mit einem Lächeln – ein Satz, der viel mehr ist als nur ein Motto. Er steht für zwei Welten, die sich in einem Glas Wein begegnen. Seine berufliche Laufbahn begann bodenständig – als Tellerwäscher in einer Eisdiele. Schritt für Schritt arbeitete er sich nach oben, entdeckte die Gastronomie für sich, wechselte in Bars und schließlich in die gehobene Gastronomie. Eine Ausbildung zum Hotelfachmann legte den Grundstein, es folgte die Zeit im Restaurant & Hotel Menge, wo er als Chef de Rang vor allem eines fand und kontinuierlich ausbaute: seine Leidenschaft für Wein. Dort wurde aus Interesse echte Begeisterung. Weinberatung, Einkauf, Verkauf – und vor allem das Erzählen von Geschichten rund um das, was im Glas steckt. Parallel bildete er sich stetig weiter, vertiefte sein Wissen über Sensorik, Food-Pairing und internationale Weinkultur. Heute gibt er dieses Wissen nicht nur an Gäste weiter, sondern auch an den Nachwuchs: Als Prüfer und Vorsitzender im Prüfungsausschuss der IHK für Gastronomieberufe im Hochsauerlandkreis engagiert er sich aktiv für die Zukunft der Branche. Doch wer ihm zuhört, merkt schnell: Theorie allein reicht ihm nicht. Er will Wein erleben – und erlebbar machen. Besuche bei Winzerinnen und Winzern, Arbeit im Weinberg, Einblicke in die Kellerwirtschaft – all das gehört für ihn genauso dazu wie das Gespräch mit dem Gast. Der nächste logische Schritt ließ nicht lange auf sich warten: die Gründung seines eigenen Weinhandels. Heute verbindet er darin all seine Erfahrungen – und schafft etwas, das weit über klassischen Verkauf hinausgeht. Sein Konzept ist persönlich, nahbar und vielseitig. Ob private Tastings, Firmenevents oder individuell abgestimmte Weinabende – im Mittelpunkt steht immer das Erlebnis. „Wein soll nicht trocken erklärt werden, sondern lebendig sein“, sagt Miguel. Und genau das spürt man



INSZENIERTER GENUSS
Ein besonderes Highlight ist seine Eventreihe „The Wine Lovers Experience“ im historischen, königlichen Zollhaus des Alten Backhauses. Hier wird Wein nicht einfach verkostet – er wird inszeniert. Licht, Atmosphäre, Aromen: Alles greift ineinander und zeigt, wie sehr unsere Sinne miteinander spielen. Es sind Abende, die im Gedächtnis bleiben. Auch die regionale Gastronomie profitiert von seiner Arbeit. Mehrere Betriebe in und um Arnsberg setzen bereits auf seine sorgfältig ausgewählten Weine. Dabei legt er großen Wert auf Qualität – und auf die Menschen hinter dem Produkt. Er kennt seine Winzer persönlich, besucht die Weingüter vor Ort und wählt sein Sortiment mit großer Sorgfalt aus. Rund 60 Weine umfasst sein aktuelles Portfolio – von klassischen deutschen Rebsorten bis hin zu internationalen Spezialitäten. Eine besondere Herzensangelegenheit sind dabei die Weine aus dem Familienweingut seiner Cousine an der Algarve. Hier schließt sich der Kreis zu seinen Wurzeln. Und die Reise geht weiter: Eigene Geschäftsräume in Alt-Arnsberg sind bereits in Vorbereitung. Ein Ort, an dem Wein nicht nur verkauft, sondern gelebt wird – mit Verkostungen, Schulungen und kleinen kulinarischen Begleitern. Was ihn am Wein fasziniert? Die Antwort kommt ohne Zögern: „Wein sind Erlebnisse im Glas.“ Jede Flasche erzähle eine Geschichte – von Herkunft, Handwerk und den Menschen dahinter. Und genau diese Geschichten möchte er weitergeben. Einen Lieblingswein hat er übrigens nicht. Dafür ist ihm die Welt des Weins zu vielfältig. Doch eines gibt er zu: Sein Herz schlägt besonders für Riesling. Kaum eine Rebsorte zeige so eindrucksvoll, wie unterschiedlich Wein sein kann – von filigran bis kraftvoll, von frisch bis komplex. Am Ende unseres Gesprächs bleibt der Eindruck eines Menschen, der seinen Weg mit Leidenschaft geht – und dabei nie vergisst, woher er kommt. Zwischen Portugal und Arnsberg, zwischen Handwerk und Emotion, zwischen Tradition und neuen Ideen. Oder, um es mit seinen eigenen Worten zu sagen: Home is where the wine is.
Fotos: Laura Kappen