HORST-JOACHIM KUPKA HAT SEINEN WEG ZUM JOURNALISMUS NIE GERADE GEMACHT – UND GENAU DAS HAT IHN, DER MIT LEIB UN SEELE NEUASTENBERGER IST, WEIT GEBRACHT.
Von Ralf Hermann
Horst-Joachim Kupka ist gebürtiger Iserlohner. Im Lägertal, zwischen Sportplatz und Wald, hat er früh gelernt, dass man sich seinen Platz erkämpfen muss. Das Wort „ aufgeben“ kommt in seinem Wortschatz nicht vor. Als Jugendlicher spielte er Fußball in der Bezirksliga, die Iserlohn Roosters — damals noch ECD Iserlohn — verfolgte er auf der Tribüne als glühender Fan. Dass er eines Tages selbst am Mikrofon stehen und über diesen Verein berichten würde, hat er damals nicht geahnt.
Der Weg zum Journalismus war alles andere als gerade. Nach dem Abitur folgten Zivildienst, Reisen durch Marokko, Israel und die Türkei, ein Studium der Geschichte, Publizistik und Politik in Münster — und dann, 1983, ein Jahr in Houston, Texas. Der Vater hatte die Kontakte, ein Iserlohner Geschäftsmann dort die Stelle. Kaufmann wollte Kupka nicht werden, doch die amerikanische Mentalität hat ihn dauerhaft verändert. „The sky is the limit“ — kein Klischee für ihn, sondern eine Haltung, die er seither lebt und die ihm half, Rückschläge wegzustecken, ohne sich davon aufhalten zu lassen.
DAS TSCHÜSSKEN, DAS ALLES VERÄNDERTE
Zurück in Iserlohn fing er 1984 bei der Westfälischen Rundschau als freier Mitarbeiter an, schrieb parallel weiter für sein Studium und sah seine Chance beim ECD. Heinz Weifenbach, der legendäre Vereinschef, brauchte einen neuen Stadionsprecher. Das Bewerbungsgespräch war kurz: „Heinz, ich habe gehört, du suchst einen Hallensprecher.“ — „Ja, mach doch. Tschüssken.“ Kupka verantwortete fortan die Stadionzeitung, sprach in der Halle und baute sich ein Netzwerk auf, das ihm später Türen öffnen sollte.
ANGEKOMMEN, OHNE ES ZU MERKEN
1991 wurde er Regionalkorrespondent für die WDR-Studios Arnsberg und Siegen. Winterberg kannte er da schon — als Ort, der nur im Winter lebte, ohne Schneekanonen, ohne Ganzjahrestourismus. Er wollte anfangs weiterziehen. Dann blieb er. Fußball- und Schwimmverein, Reitstall, Ski-Club — die Familie war angekommen, und irgendwann er auch.
„Aufgeben ist keine Option“
Über einen Eishockey-Diktator als Sponsor, drei Jahrzehnte Mikrofon im Hochsauerland und die Frage, warum man aufhören sollte.
Er hat Gaddafi getroffen, ist im WDRBob gefahren und hat mit einem Schulfreund einmal ungefragt die ARD-Rocknacht moderiert. Horst-Joachim Kupka war über 30 Jahre Regionalkorrespondent des WDR im Hochsauerland — ein Journalistenleben, das selten langweilig war. Wir haben ihn in Neuastenberg besucht, wo er mit seiner Frau und seinem Hund lebt und, wie er selbst sagt, bis nach Hessen gucken kann.
LIBYEN LÄSST GRÜSSEN
HERR KUPKA, 1987 LIEF DER ECD ISERLOHN MIT DEM KONTERFEI VON MUAMMAR GADDAFI AUF DEM TRIKOT AUF. SIE WAREN DABEI — ALS STADIONSPRECHER UND GLEICHZEITIG ALS JOURNALIST. WIE WAR DIESER ABEND?
Surreal ist das richtige Wort. Wir wussten alle, dass der Verein am Ende war. Weifenbach hatte massive Schulden beim Finanzamt, die Spieler wurden ohnehin in bar bezahlt — und jetzt sollte ausgerechnet ein libyscher Diktator den Sauerländer Eishockey retten. Als die Jungs aufs Eis kamen, mit Gaddafis Gesicht auf der Brust, war das eine Mischung aus bitterem Galgenhumor und echtem Entsetzen. Und gleichzeitig war es eine Geschichte, die man sich so wirklich nicht ausdenken kann.
KURZ DARAUF SIND SIE SOGAR MIT NACH TRIPOLIS GEFLOGEN.
Weifenbach rief mich im WDR-Studio Arnsberg an. Das Gespräch war — typisch Heinz — sehr kurz. „Ich fliege morgen zu Gaddafi. Willste mit?“ — „Ja klar.“ — „Dann morgen früh Frankfurter Flughafen, Sheraton Hotel, zehn Uhr. Tschüssken.“ Am nächsten Abend landeten wir in Tripolis. 27 handverlesene Journalisten — ZDF, ARD, Spiegel, Bild, Washington Times, der WDR. Ohne Visum wurden wir direkt zu Gaddafi durchgeschleust. Es folgten Pressekonferenzen mit dem Diktator, Besichtigungen seiner weiblichen Leibgarde, Bauchtanzabende, Whiskey mit Gaddafis Schwager. Und zwischendrin immer wieder Live-Reportagen für den WDR. Das erste Sportswashing der internationalen Sportgeschichte — mit direkter Sauerländer Beteiligung.
UND HEINZ WEIFENBACH SELBST — WIE SEHEN SIE IHN HEUTE?
Ich habe ihn insgeheim immer bewundert. Für seine Dickköpfigkeit, seinen Mut, seine bedingungslose Begeisterung für Eishockey und den ECD. Er wurde wegen Steuerhinterziehung zu vier Jahren Gefängnis verurteilt — das war die eine, unbestreitbare Wahrheit. Aber er hat wirklich alles gegeben für diesen Verein, bis zum allerletzten Moment. Das kann man nicht einfach vergessen.
DER LANGE WEG ZUM WDR WIE SIND SIE DAMALS EIGENTLICH ZUM WDR GEKOMMEN?
Gar nicht so einfach. Ich hatte mich für ein Praktikum in der WDR-Sportredaktion beworben, eine Zusage bekommen — und dann, wenige Wochen später, die Absage. Kein Platz mehr frei. Ich habe mich auch um ein Volontariat beworben, bin bis in die letzte Runde gekommen und war dann doch nicht dabei. Der Ausbildungsleiter sagte mir später, ich hätte zu leidenschaftlich diskutiert. Am Ende war es ein Schulfreund, Werner Hamer, der beim WDR volontiert hatte und der mir den entscheidenden Tipp gab: Ein neuer Studioleiter wechselte nach Arnsberg und suchte Reporter für eine neue Sendung. Den Rest hat beharrliche, geduldige Arbeit erledigt — und gelegentlich auch etwas Glück.
SIE SIND SEIT ÜBER 30 JAHREN IN WINTERBERG GEBLIEBEN. WAS HAT SIE GEHALTEN?
Anfangs war es der Job. Die Dreharbeiten waren oft mit Übernachtungen verbunden — es gab keine Autobahnanbindung nach Arnsberg, erst recht keine nach Köln. Und dann war es die Familie. Fußball- und Schwimmverein, Reitstall, Ski-Club. Irgendwann merkt man: Winterberg ist eine andere Welt. Ich habe Ed Moses an der Bobbahn interviewt, Albert von Monaco ebenfalls. War in den Rocky Mountains, in Cortina d’Ampezzo, in Lillehammer. Und abends saß man in der Schinkenalm von Lorenz Leber und gehörte in der Neuastenberger Metzgerei schon fast zum Inventar. Das Sauerland packt einen, wenn man es lässt.
WAS BLEIBT GIBT ES EINEN MOMENT, DER SIE BIS HEUTE NICHT LOSLÄSST?
Der Unfall von Dirk Braun. Ich musste den Unfallort filmen, den Helikopter im Landeanflug. Alle wussten schon, was passiert war. Ich konnte meine Tränen nicht zurückhalten und habe den Dreh abgebrochen. Dirk Braun war ein bekannter Sportholzfäller, ich hatte mehrere Filme über ihn gemacht, kannte ihn wirklich gut. Er fehlt mir, und er fehlt Winterberg.
OFFIZIELL SIND SIE IM RUHESTAND. UND MACHEN TROTZDEM WEITER, UNTER ANDEREM FÜR RADIO SAUERLAND.
Aufgeben ist keine Option — das habe ich in Amerika gelernt, und das gilt heute noch. Ich arbeite für Radio Sauerland, treffe Menschen, erzähle ihre Geschichten. Das Sauerland hat so viel zu erzählen — und das hört ja nicht auf. Ich übrigens auch nicht. Solange das noch geht: warum aufhören?
ZUR PERSON
Stationen eines Lebens für den Journalismus
1977 Abitur in Iserlohn. Zivildienst, anschließend Reisen durch Marokko, Südeuropa, Israel und die Türkei. Studium der Geschichte, Publizistik und Politik an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster (Abschluss: Magister Artium). 1983 einjähriger Arbeitsaufenthalt in Houston, Texas. Ab 1984 freier Mitarbeiter der Westfälischen Rundschau Iserlohn, parallel Stadionsprecher und Pressesprecher beim Eishockey-Bundesligisten ECD Iserlohn. Moderator beim Deutschlandfunk. Eurosport- Berichterstatter für den Bobsport im Ausland. Ab 1991 Regionalkorrespondent für die WDR-Regionalstudios Arnsberg und Siegen — über drei Jahrzehnte Berichterstattung aus dem Hochsauerland für Hörfunk und Fernsehen. Zusätzlich als Interviewer für Eurosport bei Bob-Weltcuprennen tätig. Lebt mit seiner Frau und seinem Hund in Neuastenberg. Heute tätig für Radio Sauerland.