EIN HAUCH SÜDAMERIKA IM SAUERLAND
ZWEI SCHWESTERN UND IHRE CRIOLLOS AUS DÜDINGHAUSEN.
von Rita Maurer
Ein Hof mit über 200-jähriger Geschichte in Düdinghausen. Eine Pferderasse aus Südamerika, die selbst Experten kaum kennen. Buckelrinder aus Asien. Zwei Schwestern, die alles zusammenbringen, mit neuen Ideen alte Kulturen bewahren und ihren Hof nun für die neunte Generation zukunftsfähig machen. Klingt nach ganz schön viel für eine HEIMATLIEBE-Titelstory, oder? Aber versprochen: Die Geschichte von Inés, Kerstin, ihrem Familienhof und ihren Sauerland-Criollos ist ein kleines….nein, eigentlich sogar ein ganz großes Stück Heimatliebe.



Pferde. Sie sind schon von kleinauf die große Leidenschaft der Schwestern Inés und Kerstin Ricke. Auf ihrem Bauernhof hoch über Düdinghausen sind sie mit Pferden groß geworden. Früher gab es schwere Warmblüter und Kaltblüter auf dem Hof, die zur Arbeit im Wald eingesetzt wurden. Als Kinder hatten sie ein Buch über verschiedene Pferderassen. Klein-Kerstin malte daraus immer wieder ein ganz bestimmtes Pferd ab, das es ihr angetan hatte. Es trug einen seltsamen Namen: Criollo. Schwer zu merken. Dass diese Pferderasse Jahrzehnte später eine wichtige Rolle im Leben der beiden Schwestern spielen sollte, ahnte keiner.
Die Geschichte der Familie Ricke beginnt in Düdinghausen um 1800. In einer alten Chronik ist zu lesen, dass zu dieser Zeit von den „Oberen Pönlüden“ ein Haus gebaut wurde – die oberen Pön-Leute also, was ja perfekt zur hochgelegenen Wohnlage am Kahlen Pön passt. Vor rund 225 Jahren waren einige alteingesessene Düdinghäuser Familien durch Steuer- und Pachtforderungen so knapp bei Kasse, dass sie Grundstücke an Auswärtige verkaufen mussten, die daraufhin in Düdinghausen sesshaft wurden – darunter zahlreiche Namen wie u.a. Imöhl, Winterberg, Eickhoff, Lichte, Gerbracht, Schüttler, Kaufhold, Wrede oder Kemper, die noch heute im Dorf geläufig sind.
So kam auch die ursprünglich aus Remblinghausen stammende Familie Ricke in die Grafschaft und legte den Grundstein für ihren Hof an einer eher ungewöhnlichen Stelle: Von der Kirche aus geht es knappe anderthalb Kilometer und 150 Höhenmeter steil den Pön und damit den vielbesungenen Hausberg des Dorfes hinauf. Ein Flurstück ihrer Hoffläche heißt bis heute noch „Pönlüden“.



JUGEND ALS PFERDEMÄDCHEN
Nach fast 200 Jahren Landwirtschaft in dieser exponierten Berglage gab die Familie Ricke die Rinderhaltung 1994 auf – aber die Pferde blieben. Papa Michael begann, Warmblüter zu züchten. Wenn nachts ein Fohlen kam, durften Inés und Kerstin im Schlafanzug mit in den Stall. Reiten, Kutsche und Schlitten fahren – eine richtige Pferdemädchen-Jugend! Kein Wunder also, dass später als Erwachsene der Wunsch nach einem eigenen Pferd groß war. Doch so recht wurden die beiden Schwestern nicht fündig. Viele Rassen waren ihnen zu groß und zu überzüchtet, es sollten eher kleinere, unkomplizierte und trittfeste Tiere für ihre sehr bergige Umgebung sein. Zufall oder Fügung: 2016 stießen sie auf die südamerikanische Rasse „Criollos“ aus ihrem Kinderbuch und waren gleich schockverliebt in diese vierbeinigen Wesen.
Es dauerte dann nochmal einige Jahre, bis sie ihre ganz persönlichen Herzenspferde fanden – mit Namen, die wie ein Stück Urlaub klingen: La Presencia la Venja (genannt Venja), und La Presencia la Belleza Oscura (Bella). Die beiden Stuten sind 2019 und 2020 geboren und – wie passend! – auch Schwestern. Dazu kommt noch La Amanecida el Ravel (Ouzo). Der Wallach ist ein „Mestizio“ und damit kein reinrassiger Criollo, hat aber ihre Eigenschaften.
„COW-SENSE“
À propos Eigenschaften – „Criollos machen mit ihrer Art einfach süchtig“, schwärmen Inés und Kerstin begeistert: „Freundlich, intelligent, widerstandsfähig, ausdauernd, fleißig, unkompliziert, robust, trittsicher, wendig, lern- und arbeitsfreudig, langlebig“ …. auch bei der Internet-Recherche überschlagen sich die positiven Adjektive zu ihrem Charakter förmlich. Mit einem Stockmaß bis zu 1,50 Metern sind sie vergleichsweise klein. Außerdem wird ihnen ein ausgeprägter „Cow-Sense“ zugesprochen. Bitte, was? „Cow -Sense“ nennt man die teils angeborene und teils antrainierte Fähigkeit eines Pferdes, sich mit seinem Reiter beim Rinderhüten intuitiv auf die Verhaltensweisen der Rinder einzulassen, z.B. beim Treiben oder beim Trennen von Tieren von der restlichen Herde. Ein typisches Merkmal also für die Herkunft als südamerikanisches Arbeitspferd. Ok, Rinder treiben müssen Bella, Venja und Ouzo im Hochsauerland eher nicht. Aber gute Nachbarschaft mit Rindern halten. Denn seit zwei Jahren bereichert eine kleine Zebu-Herde den Ricke-Hof. Die beiden Schwestern haben sich gründlich informiert, welche Tiere zu ihren Pferden passen. Zebus sind eher zierliche, asiatische Buckelrinder, die durch ihre genügsame Art die Pferdehaltung und das angestrebte Weidemanagement ideal ergänzen, indem sie Pflanzen wie z.B. Disteln oder dornige Büsche fressen, die die Pferde stehen lassen, und auch in Steilhängen gut klarkommen.
Und damit kommen wir zu der Heimatliebe, die sich mit den Criollos und auch den Zebus verbindet. Inés und Kerstin Ricke halten ihre Tiere nicht einfach „nur so“ für sich aus Leidenschaft. Sie sind ein wichtiger und sehr durchdachter Teil der Planung für die Zukunft ihres Familienhofes und des dazugehörigen Landes. Durch die gezielte Auswahl der jeweils für das bergige Gelände geeigneten Vierbeiner tragen sie bewusst zum Natur- und Artenschutz und damit zum regionaltypischen Erhalt ihres Fleckchens Erde bei. Das setzt ein über viele Jahre gesammeltes und zum Teil über Generationen überliefertes Fachwissen voraus, welches die beiden Schwestern auf Wunsch sehr gerne an Interessenten weitergeben möchten.
TRAIL-HALTUNG
Und auch das ist eine ausführliche Geschichte: Denn die Topografie der Ländereien, die zum Ricke-Hof gehören, ist abgesehen von der bombastischen Aussicht auf die Sauerländer Bergwelt anspruchsvoll: Magere Weiden, steile Hänge, lange Wege, unterschiedliche Bodenbeschaffenheiten, größtenteils unter Naturschutz gestellt. Drei Hektar dienen aktuell als Weide, fünf Hektar als Heuwiesen – mit Stellen, die teilweise von Hand mit Sensen gemäht werden, weil sie so abschüssig sind. Was für die herkömmliche Bewirtschaftung oftmals einen Nachteil darstellt, haben Inés und Kerstin als Anstoß für eine eher unkonventionelle Haltungsform genommen: die Trail-Haltung. Ihre Pferde haben einen überdachten Unterstand mit Heuraufen, Wassertränken und festem, matschfreiem Boden. Von dort können sie sich frei zu einem weiteren Unterstand auf einer Wiese bewegen oder über Naturpfade zu den Stellen, an denen sie grasen wollen. Diese Pfade weisen ganz unterschiedliche Untergründe auf: Mal breite Wiese, dann schmaler, steiniger Trampelpfad, mal weicher Waldboden, mal muss ein kleiner Bach durchquert werden. Mal ist der Boden weich, mal knüppelhart, mal steil. Diese Trail-Haltung ist der natürlichen Lebensform von Pferden angeglichen – da läppern sich jeden Tag einige Kilometer zusammen, um von einer Futter- und Wasserstelle zur nächsten zu kommen. Die Vorteile: Viel natürliche Bewegung, Balance- und Muskeltraining durch die unterschiedlichen Böden, gesunde Hufe, keine Langeweile.
Diese urwüchsige Haltung möchten Inés und Kerstin auch anderen Pferde-Besitzern ermöglichen und nehmen deshalb Gastpferde auf. Seit Monaten „wohnt“ Wahida bei ihnen – eine junge Berber-Stute, die zur Aufzucht nach Düdinghausen gegeben wurde. Hier auf dem Hof lernt Wahida im Verband der kleinen Herde das criollo-charakteristisch ausgeglichene Sozialverhalten und gleichzeitig Vertrauen in den Umgang mit Menschen, anderen Tieren und großen Maschinen. Auf dem Hof waren auch schon Pferde zu Gast, die typische Stallhaltungs-Probleme wie eine schwache Muskulatur oder Hufrehe aufwiesen und denen es nach einigen Monaten mit viel Bewegung draußen auf den weitläufigen Wiesen wieder deutlich besser ging. Auch Pferde, die ihren „Ruhestand“ auf der Weide verbringen sollen, sind herzlich willkommen.



ZUSAMMENSPIEL VON TIER UND REGIONALER NATUR
Wenn man sich mit Kerstin und Inés unterhält, spürt man sofort, wie sehr sie für ihre Tiere und auch ihr Stück Land brennen. Gefühlt kennen sie jeden Grashalm, jedes Kraut, jeden Untergrund, jeden Baum; wissen, welche Nährstoffe und Mineralien worin stecken. Dieses Stück Wiese am Waldrand bekommt z.B. viel Sonne und wenig Wasser, deshalb wird es schon früh im Jahr gemäht oder beweidet und dann geschont. Wenn die Pferde dort an Baumwurzeln nagen, nehmen sie wichtige Spurenelemente auf. Hier wächst Rotschwingel-Gras, dort soll Thimothee-Gras nachgesät werden, weil es hochwertiges Raufutter für die Pferde ist. Auch die Nutzung der Flächen – mal abwechselnde Beweidung durch Pferde und Zebus, mal Heuwiese – passiert nicht zufällig, sondern ganz durchdacht, um die Grundstücke optimal zu bewirtschaften.
Diese umfassenden Kenntnissen über das Zusammenspiel von Tier und regionaler Natur, optimales Weidemanagement und natürlich ihre Leidenschaft für Pferde und speziell Criollos möchten Inés und Kerstin Ricke gerne anderen Menschen näher bringen, um sich damit neben ihren Hauptberufen ein zweites Standbein und eben auch eine Zukunft für ihren Hof aufzubauen.
Aktuell wird das Wohnhaus auf dem Hof umfassend saniert und ausgebaut, so dass bald vier Generationen unter einem Dach leben … und alle mit ihren jeweiligen Stärken und Erfahrungen sowie unendlich viel Tier- und Naturliebe die Geschichte des Ricke-Hofes hoch über Düdinghausen weiterschreiben. Eben Heimatliebe pur!
Fotos: Rita Maurer