Die St.-Valentinskapelle am Ufer des Obersees

Die St.-Valentinskapelle in Olpe-Ronnewinkel erzählt vom Untergang eines Dorfes und von Menschen, die bewahren, was in unserer schnelllebigen Welt manchmal dem Vergessen anheimzufallen droht.

DAS LETZTE HAUS VON RONNEWINKEL
Still steht sie da, am westlichen Ufer des Obersees und unterhalb des Kreuzbergs: die kleine St.-Valentinskapelle. Sie ist das letzte erhaltene Bauwerk des einstigen Dorfes Ronnewinkel, das durch die Flutung des Biggetals im Jahr 1965 von der Landkarte verschwand. Nur die Kapelle blieb, trotzig und anrührend zugleich, als steinerne Zeugin einer versunkenen Welt. Als Beispiel für die Veränderung von Landschaften und Dörfern durch Infrastrukturprojekte, aber auch für die Kraft der Erinnerung und des Engagements.

Im Jahr 1725 ließ Johann Peter Stupperich mit Genehmigung der Äbtissin der Zisterzienserinnen von Drolshagen als Grundherrin auf dem Hof Ronnewinkel – den das Kloster neben vielen anderen zur Sicherung seiner wirtschaftlichen Existenz betrieb und der Durchreisestelle für die Ordensschwestern war – das Gotteshaus zu Ehren des heiligen Valentin errichten. In der Stiftungsurkunde bat er um göttlichen Beistand für sich und seine Nachkommen. „Zur Beförderung Gottes Ehr, meines und meiner Nachkömmlinge Heils“, heißt es dort. Und in der Tat: Es waren künftige Generationen seiner Familie, die die Kapelle über die Jahrhunderte hinweg bewahrten und ihr Überleben sicherten.

VON FRÖMMIGKEIT, VERFALL UND NEUBEGINN
Die erste Kapelle überdauerte das 18. Jahrhundert, verfiel jedoch allmählich. Als 1831 das Urkataster angelegt wurde, war sie bereits eine Ruine. Doch die Nachfahren des J.P. Stupperich, die das Erbe in Ehren hielten, errichteten 1849/50 einen Neubau – schlicht, aber mit aufrichtigem Glauben und der bis heute existiert. Irgendwann, im Laufe der Zeit, wurde die Kapelle Eigentum der St. Martinus-Gemeinde Olpe, blieb indes weiterhin in der Obhut der Linie Stupperich und damit auch der Familie Valpertz.

Bis in die 1950er Jahre war die Kapelle Station für den ersten Sakramentalen Segen bei der Himmelfahrts-prozession. Dann kam der Wandel. Die Flutung des Biggetals ließ das Dorf Ronnewinkel untergehen. Nur die Kapelle, auf einer Anhöhe gelegen, überstand die Wassermengen. Doch die Wege dorthin gerieten in Vergessenheit und mit der Abgeschiedenheit kam der erneute Verfall.

DER HOF VALPERTZ – HERZ EINES VERSCHWUNDENEN DORFES
Die Ortschaft Ronnewinkel hat eine lange Geschichte. Seine Ersterwähnung datiert sich auf das Jahr 1355. Ältere Bürgerinnen und Bürger werden sich indes heute an die Gaststätte der Familie Alfons Valpertz erinnern. Sie war Treffpunkt, Nachrichtenzentrale und Wohn-zimmer der Dorfgemeinschaft, ein beliebter Anlaufpunkt für Einheimische und auch Reisende, führte doch die Bundesstraße 54/55 direkt an ihr vorbei. Die Gastwirtschaft war das letzte Gebäude der kleinen Ortschaft, das innerhalb des Vorstaubeckens abgerissen wurde.

Bis heute erhalten ist jedoch der alte Speicher aus dem 17. Jahrhundert der Zisterzienserinnen, der direkt neben der Wirtschaft stand und zum (Gast-)Hof gehörte.
Er diente einst der Lagerung von Getreide, später der Familie Valpertz als Vorratsraum für Kartoffeln, Zwiebeln und Gerätschaften und als Standort für einen Räucherschrank. Den Erzählungen nach suchten auch die Dorfbewohner von Ronnewinkel in ihm Schutz während der Bombenangriffe im Zweiten Weltkrieg. Als die Biggetalsperre gebaut wurde, trug man ihn ab. Beauftragt damit war der Olper Alfons Ament. Der Speicher fand seinen Weg ins LWL-Freilichtmuseum Detmold, wo er heute im sogenannten Sauerländer Dorf steht.

Der Hof Ronnewinkel gehörte einst zu den Liegenschaften des Zisterzienserinnenklosters in Drolshagen.
Die Abtei wurde im 13. Jahrhundert gegründet und mit der Säkularisierung 1803 aufgehoben. Im Besitz der Familie
Valpertz ist dieses Glasbild. Es zeigt den (Gast-)Hof Valpertz. In direkter Nachbarschaft steht ein Speicher, gebaut im 17.
Jahrhundert, der dem Kloster als Getreidespeicher diente. Er wurde vor der Flutung abgetragen und ist heute Teil
des Sauerländer Dorfes im LWL-Freilichtmuseum Detmold.
Foto: Privatbesitz Familie Valpertz

Alfons Valpertz, seine Frau Klara und ihre Kinder – Marlies, Ulla, Johannes und Klaus – zogen nach dem Verlust des Hofes auf den Kreuzberg in Olpe. Die Landwirtschaft führten sie fort, doch für den Gasthof gab es keinen Ersatz. Mit der Flutung verschwand nicht nur ein Dorf, sondern auch ein Stück gelebter Gemeinschaft.

DAS WUNDER VON 1975
In den 1970er-Jahren schien auch die Kapelle endgültig verloren. Der Kirchenvorstand erklärte den Bau für unrettbar, die Mauern drohten einzustürzen. Doch dann geschah, was man das „Wunder von Ronnewinkel“ nennen könnte.

Im Sommer 1975 ergriff der Olper Schneidermeister Adolf Müller die Initiative. Mit Gleichgesinnten gründete er die „Gemeinnützige Bürgerinitiative zur Instandsetzung und Betreuung der St.-Valentinskapelle Olpe-Ronnewinkel“. Binnen weniger Wochen wurden Spenden gesammelt, Baumaterialien organisiert und unzählige Arbeitsstunden geleistet. Der Bedarf lag bei rund 50.000 D-Mark. Bereits im September feierte man Richtfest, im November 1975 schließlich die feierliche Weihe mit dem aus Olpe stammenden Weihbischof Prof. Dr. Scheele. Aus dem fast Vergessenen war wieder ein lebendiger Ort des Glaubens geworden – schlicht, würdevoll und voller Symbolkraft.

ARCHITEKTUR MIT SEELE
Der Wiederaufbau von 1975 orientierte sich an der historischen Form des 19. Jahrhunderts. Der sechseckige Grundriss, das kleine Türmchen auf dem Dach, die Glocke über dem Eingang – all das verleiht der Kapelle ihre zurückhaltende Schönheit. Besonders eindrucksvoll ist der Altar: Er wurde aus den Balken des alten Dachstuhls gezimmert. So trägt jedes Stück Holz die Geschichte der Jahrhunderte in sich.

Im Inneren findet sich ein Bild des heiligen Valentin im Bischofsornat, wahrscheinlich stammt es ebenso aus dem 19. Jahrhundert, dazu eine filigrane Muttergottesfigur aus Metall. 1978 gelangte aus der Basilika Minor in Kiedrich im Rheingau eine Reliquie des Heiligen nach Olpe, die in einer Monstranz aufbewahrt und zu Festtagen zur Kapelle getragen wird. Seitdem verbindet auch eine herzliche Partnerschaft die Valentinsfreunde beider Orte.

EIN ORT DER ERINNERUNG UND GEMEINSCHAFT
Die Kapelle ist heute weit mehr als ein Baudenkmal. Sie ist Pilgerstätte des Franz-Hitze-Pfades, Andachtsraum und Sinnbild bürgerschaftlichen Engagements zugleich. Sie ist letzte Verbindung zu einem Dorf, das es nur noch in Erinnerungen gibt. Täglich steht sie Besuchern offen, die den Uferweg entlangwandern. Über Jahrzehnte hinweg leitete Johannes Valpertz, Sohn von Alfons Valpertz, den Förderverein. Seit 1987 war er dessen Vorsitzender und kümmerte sich bis zu seinem Tod im August 2025 um das Kleinod, das fester Bestandteil der Biggesee-Region und seiner Geschichte sowie der Olper Identität ist.

Ihr Bestehen verdankt sie Menschen, die nicht bereit waren, Geschichte preiszugeben. Menschen, die wussten, dass Heimat mehr ist als ein Ort – sie ist Erinnerung, Verantwortung und Glaube zugleich. Und ein Zeugnis dafür, dass Wandel nicht immer Verlust bedeutet – manchmal ist er auch Bedingung für Bestand.

Infos
Ein Beitrag zur St.-Valentinskapelle erscheint im neuen Jahrbuch des Heimatvereins für Olpe und Umgebung „Olpe in Geschichte und Gegenwart“, Bd. 32.

Text: Birgit Engel, Fotos: Nachweise am jeweiligen Bild