Die jüdische Geschichte von Olpe ist in Adressen eingeschrieben, in Handelsregistern verzeichnet, in Familiennamen überliefert. Sie erzählt von Alltag, Nachbarschaft und wirtschaftlichem Leben – und von der gewaltsamen Zerstörung durch die nationalsozialistische Schreckensherrschaft. Was damals ausgelöscht wurde, verschwand nach 1945 vielfach aus dem öffentlichen Bewusstsein. Jetzt macht sich die AG „Jüdisches Erbe in Olpe“ auf den Weg, diese Geschichte sichtbar zu bewahren.
VERANKERUNG IM STÄDTISCHEN LEBEN
Über viele Generationen lebten jüdische Familien in Olpe. Ihre Zahl war klein, doch ihre Präsenz war im Stadtbild, Alltag und gesellschaftlichen Leben spürbar. Sie führten Betriebe, pflegten Nachbarschaften und engagierten sich im Vereinsleben. Sie waren fest im wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Gefüge eingebunden. Die Familie Emanuel betrieb eine Metzgerei in der Bahnhofstraße, die Familie Lenneberg
ein Kaufhaus in der Kölner Straße. Jüdisches Leben war kein Randphänomen, sondern Teil des städtischen Miteinanders.
DIE SCHRECKENSHERRSCHAFT DER NATIONALSOZIALISTEN
Mit der Machtübernahme 1933 änderte sich ihr Leben radikal. Schritt für Schritt wurden sie aus dem öffentlichen Leben gedrängt, entrechtet und ausgegrenzt.
Was über Generationen gewachsen war, wurde systematisch zerstört. Aus Nachbarn wurden Verfolgte, aus Mitbürgern Ausgeschlossene. Die Besitztümer der Familien wurden im Zuge der Arisierung enteignet, ihre Betriebe zwangsweise in nichtjüdische Hände überführt. Die Pogrome im November 1938 zerstörten Häuser, verwüsteten Geschäfte, verhafteten Nachbarn und rissen Familien auseinander. Hinter jeder Zahl stand ein Mensch mit Hoffnungen, Biografie und Beziehungen. Die jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger wurden deportiert, in Konzentrationslagern ermordet oder zur Flucht gezwungen. Die Tragik dieser Zeit lebt in Straßen, Namen und Häusern der Stadt fort.
STOLPERSTEINE UND STELE – ERINNERUNG IM STADTRAUM
14 Stolpersteine markieren seit Februar 2026 die Orte, an denen Opfer der NS-Verfolgung lebten und wirkten – in der Bahnhofstraße, Kölner Straße und Felmicke, wo die Familien Emanuel und Lenneberg lebten und arbeiteten – und am Wohnhaus von Mia Bonzel in der Frankfurter Straße. Sie wurde wegen „Rassenschande“ deportiert und fand im Konzentrationslager den Tod – ein Beispiel dafür, wie persönliche Bindungen unter der NS-Gewaltherrschaft zur Todesursache wurden. Die Messingplatten im Straßenpflaster machen Geschichte greifbar: Wer darüber geht, begegnet Lebenswegen, die gewaltsam endeten.
Ergänzt wird die Erinnerung durch die Gedenkstele am Kurkölner Platz in Sichtachse zum ehemaligen Kaufhaus Lenneberg, die im Sommer 2026 eingeweiht wird.
Sie besteht aus Stahl, ummantelt mit speziellem Beton, der bei Bedarf erneuert werden kann: Das Material symbolisiert die Idee eines lebendigen Erinnerns, die sich aktiv pflegen lässt. Die Stele ist Lern- und Begegnungsort für Projekte, Gespräche und Bildung – ein Zeichen, dass Erinnerung ein fortwährender Prozess ist.



BEWAHREN, FORSCHEN, VERMITTELN
Die Aufarbeitung jüdischer Geschichte stützt sich auf wenige Quellen: die Forschung von Gretel Kemper und die Rekonstruktion der Lebensgeschichte von Mia Bonzel durch Dr. Stephan Schlösser. Vieles ist fragmentarisch überliefert. Ein Grund: Erst mit den Archivgesetzen der 1980er Jahre wurde es möglich, Unterlagen systematisch zu sichern – zuvor gingen Dokumente verloren oder fanden keine Beachtung. Diese Lücken machen deutlich, wie notwendig es ist, alles Bewahrbare zu schützen. Niemand kann sagen, welche Fragen die Gesellschaft im 22. Jahrhundert entwickeln wird. Gleichwohl: Überlieferte Zeugnisse bilden die Grundlage, auf der Erinnerung und moralische Verantwortung ruhen – eine Brücke zwischen
Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.
Ein Blick nach Attendorn zeigt, wie lokale Forschung eine lebendige Erinnerungskultur entwickeln kann. „Jüdisch in Attendorn“ verbindet Publikationen, Führungen, Themenwege und Pflege historischer Orte mit wissenschaftlicher Recherche und öffentlicher Vermittlung. Olpe steht nicht im Wettbewerb, sondern in Beziehung: Die Verflechtungen zwischen Familien, Handelsbeziehungen und religiösen Strukturen zeigen, dass Geschichte nicht an Stadtgrenzen endet.



VERANTWORTUNG FÜR GEGENWART UND ZUKUNFT
Die Namen kehren zurück: Das bedeutet, Menschen wieder ins kollektive Bewusstsein zu holen. Stolpersteine, Stele und biografische Arbeiten geben den Lebenswegen Gesichter, Adressen und Orte.
Die Beteiligung von Schulen, Bürgerinnen und Bürgern zeigt, dass Erinnerung aktiv gestaltet werden kann.
Die AG „Jüdisches Erbe in Olpe“, die im Heimatverein Olpe verortet ist, will systematisch neue Quellen erschließen und Ergebnisse in Projekten und Ausstellungen aufbereiten. Jede neu entdeckte Dokumentation erweitert das Bild jüdischer Präsenz, macht persönliche Erlebnisse nachvollziehbar und ermöglicht einen tieferen Einblick in das Zusammenwirken der Menschen in der Stadt. Es geht nicht um Zahlen oder Daten, sondern um Empathie und das Erleben der Vergangenheit.
NIE WIEDER
Die Erinnerung an die nationalsozialistische Schreckensherrschaft ist Mahnung und Verpflichtung zugleich. Antisemitismus, Rassismus und Menschenverachtung sind keine Relikte der Vergangenheit, sondern treten in neuen Formen auf und verlangen klare Haltung. Olpe und Attendorn zeigen, dass demokratische Gesellschaften lernfähig sind: Wer seine Geschichte erforscht, benennt und sichtbar macht, stärkt die Widerstandskraft gegen Ideologien der Ausgrenzung.
Text: Birgit Engel, Fotos: Stadtarchiv Olpe, Birgit Engel