DIE LEISE SPRACHE ZWISCHEN MENSCH UND PFERD
MIRIAM PLEISS IST WESTERNREITERIN IN WINTERBERG UND HAT EINEN ORT GESCHAFFEN, AN DEM ECHTE VERBINDUNGEN ENTSTEHEN.
Von Carmen Ahlers
Es gibt Momente im Leben, die alles verändern. Für Miriam Pleiss war es kein lauter Umbruch, sondern ein leiser Zweifel: Kann das wirklich alles sein – dieses Kämpfen, Ziehen, Funktionieren im Sattel? Die Antwort darauf hat sie nicht in Büchern gefunden, sondern bei Pferden, die plötzlich ganz anders wirkten: ruhiger, freier, verbunden. Heute steht sie in Winterberg genau für dieses Gefühl – und hat aus einer Sehnsucht ihren eigenen Weg gemacht. Und das Westernreiten spielt eine ganz große Rolle.
Wenn Miriam Pleiss über Pferde spricht, verändert sich ihre Stimme. Sie wird ruhiger, wärmer – und ist gleichzeitig voller Energie. Es ist diese besondere Mischung aus Respekt und Leidenschaft, die sofort spürbar wird.
Für sie sind Pferde keine Sportgeräte. Sie sind Partner, Lehrer, manchmal auch Spiegel der eigenen Seele. Heute lebt Miriam in Winterberg und arbeitet dort als Reitlehrerin – nicht nebenbei, nicht halbherzig, sondern mit voller Hingabe. Was einst als das Hobby Westernreiten begann, ist längst zu ihrem Lebensmittelpunkt geworden.



IN KLASSISCHEN REITSCHULEN NICHT WOHLGEFÜHLT
Schon als Kind wusste Miriam: Pferde sind ihr Zuhause. Doch der Weg dorthin war nicht immer leicht. In klassischen Reitschulen fühlte sie sich fehl am Platz. Zu viel Druck, zu wenig Gefühl. Zu viel „so macht man das“ und zu wenig Raum für echte Verbindung. „Ich habe mich nie richtig wohlgefühlt“, erzählt sie, „aber ich habe die Pferde geliebt. Also bin ich geblieben.“ Diese Liebe war stärker als Zweifel oder Unsicherheit. Und sie wurde zum Antrieb. Schon früh fasste Miriam einen stillen Entschluss: Wenn sie einmal ihren eigenen Weg gehen würde, dann anders.
EIGENES PFERD EIN TRAUM MIT SCHATTENSEITEN
Mit 14 Jahren bekam sie ihr erstes eigenes Pferd – ein temperamentvolles Rennpferd. Rückblickend nennt sie es „brandgefährlich“. Damals war es einfach ein Traum, der wahr wurde. Doch dieser Traum hatte Schattenseiten. Ohne Erfahrung und ohne echte Unterstützung stand sie plötzlich vor einer Herausforderung, die sie immer wieder an ihre Grenzen brachte. Angst, Überforderung, Frustration – und trotzdem: Aufgeben war keine Option. Vielleicht war es genau diese Zeit, die sie geprägt hat. Die ihr gezeigt hat, dass es einen anderen Weg geben muss im Umgang mit Pferden.
WESTERNREITEN WIRD NEUE LEIDENSCHAFT
Die Wende kam auf einer Pferdemesse. Dort sah Miriam zum ersten Mal Westernreiten – und war wie elektrisiert. Ruhige Pferde. Kaum sichtbare Hilfen. Eine Kommunikation, die fast unsichtbar schien. Kein Zwang, kein Kampf. „Da ist mir die Kinnlade runtergefallen“, sagt sie heute und lacht, „ich wusste sofort: Das ist es.“



TRAUM VIELER REITER IN TEXAS GELEBT
Miriam wurde erfolgreich im Turniersport, gewann Titel, machte sich einen Namen. Ihr Weg führte sie 2017 in die USA – dort lebte sie bis 2022 in Texas, arbeitete mit Pferden, trainierte Mustangs, lebte den Traum vieler Reiter. Doch das Leben dort war nicht nur Freiheit. Einsamkeit, kulturelle Unterschiede und ein Alltag, der nicht zu ihr passte, machten ihr zu schaffen. „Ich habe gemerkt, dass ich mich verliere“, sagt sie offen. Die Rückkehr nach Deutschland war kein einfacher Schritt – organisatorisch, emotional, finanziell. Aber es war der richtige.
NEUE HERAUSFORDERUNG IN WINTERBERG
Als Miriam über eine Zwischenstation in Ostdeutschland nach Winterberg kam, stand sie vor einer Herausforderung – und einer Chance. Die Reitsportfreunde Winterberg suchten für ihren Verein jemanden, der neue Impulse bringt. Jemanden, der den Reiterhof am Postteich 7 wieder mit Leben füllt, ihm ein neues Gesicht gibt. Sie sagte ja. Seit 2022 ist sie offiziell Pferdetrainerin.
ALLEIN AN IHRE GRENZEN GEKOMMEN
Was folgte, waren drei Jahre voller Arbeit, Unsicherheit und Wachstum. Anfangs machte sie alles allein: Stallarbeit, Training, Unterricht. Körperlich und mental kam sie trotz aller Freude an ihre Grenzen. „Ich war kurz davor aufzuhören“, sagt sie ehrlich. Doch dann kam mit der Pferdephysiotherapeutin und langjährigen Reiterin Kristina Heimann Unterstützung auf den Hof, dazu ein neues Team im Verein. Strukturen, die tragen. Und langsam entstand etwas, das heute fast wie ein kleines Ökosystem wirkt: Menschen, Pferde, Vertrauen.




QUALITÄT STATT QUANTITÄT
Heute ist der Hof lebendig. Die „Bude ist voll“, wie Miriam es lachend beschreibt. Doch es geht ihr nicht um Masse. Ihr Ansatz ist klar: Qualität statt Quantität. Kleine Gruppen. Individueller Unterricht. Zeit für Mensch und Tier. Vor allem aber geht es um Beziehung. „Ich sehe mich als Übersetzer zwischen Mensch und Tier“, sagt sie. Wer zu ihr kommt, lernt nicht nur reiten. Sondern zuhören. Körpersprache verstehen. Geduld entwickeln. Und oft auch: sich selbst besser kennenlernen.
BESONDERE BEZIEHUNG ZU MUSTANG HENRY
Ein besonderes Kapitel in Miriams Geschichte ist ihr Mustang Henry. Ein wild geborenes Pferd aus Amerika, das sie selbst gezähmt hat. Was als Projekt begann, wurde zu einer tiefen Verbindung. „Ich habe mir immer gesagt: Gewöhn dich nicht an ihn. Er geht wieder weg“, erzählt sie, „und dann ist er geblieben.“ Heute folgt Henry ihr mit Blicken über den Hof. Eine stille, fast unsichtbare Verbindung – genau das, was Miriam immer gewollt hat.
TRAUMBERUF AUF DEM REITERHOF
Lange Zeit kannte Miriam kaum Pausen. Ihr Beruf war ihr Leben – im wahrsten Sinne. Freizeit existierte kaum. Erst seit kurzem hat sich das verändert. Sie findet wieder Raum für sich selbst. Lernt snowboarden, entdeckt neue Seiten an sich. Und vielleicht ist genau das der Schlüssel: die Balance. „Wenn ich das hier nicht mehr lieben würde, müsste ich aufhören“, sagt sie, „aber so, wie es jetzt ist, habe ich den besten Job, den man haben kann.“
VERTRAUEN, VERBINDUNG, FREIHEIT
Was Miriam Pleiss in Winterberg geschaffen hat, ist kein gewöhnlicher Reitbetrieb. Es ist ein Ort, an dem Menschen ankommen können. Und vielleicht ist das ihr größter Erfolg: nicht Titel, nicht Pokale. Sondern die Fähigkeit, etwas weiterzugeben, das sie selbst lange gesucht hat. Vertrauen. Verbindung. Und ein Stück Freiheit auf dem Rücken der Pferde.
Fotos: Privat
Info
Miriam Pleiss (stattlich anerkannte Erzieherin, Elementarpädagogin B.A. und Westerntrainerin
– Westernreitunterricht
– Beritt
– Ponyverleih
– Ponyclub
www.westernreiten-sauerland.com
Telefon: 0177-1698596