DIE EHRENSCHEIDER MÜHLE – EIN ORT VOLLER GESCHICHTEN
Das Klappern der Mühle kannte früher jedes Kind. Heute kann man dieses alltägliche Arbeitsgeräusch nur noch im Museum hören. Mühlen waren eine wesentliche Produktionsstätte beider Herstellung des täglichen Brots. Die Mühlenräder prägten Jahrhunderte lang das Flussbild, bis im Zuge der Industriellen Revolution durch die Erfindung der Dampfmaschine, des Verbrennungsmotors und des Elektromotors das große „Mühlensterben“ begann.



Auch das Mühlrad an der Ehrenscheider Mühle im Orketal bei Elkeringhausen dreht sich nicht mehr; es wurde vor 58 Jahren abgebaut, nachdem Friedrich Opes den Mühlenbetrieb 1967 eingestellt hatte. Dennoch ist das Fachwerkhaus mit rotem Dach, das sich seit über einem Jahrhundert in Familienbesitz befindet und heute noch von Dr. Friedrich Opes jun. und seiner Mutter Johanne bewohnt wird, ein historisch besonderes Gebäude.
Erstmals urkundlich erwähnt wurde die Mühle im Jahr 1715. Sie war eine vom Wasser der Orke und vom Ehrenscheider Bach betriebene Getreidemühle. Der Mühlengraben verlief genau durch den heutigen Garten der Familie Opes. Bis 1834 gehörte die Mühle der Stadt Winterberg und wurde an mehrere Müller verpachtet. Sie wechselte noch sechsmal den Besitzer, bis 1896 August und Maria Opes mit ihren damals sechs Kindern die Mühle erwarben. Mit dem Einzug begann für die Familie eine schwere Zeit. Zum einen waren die Gebäude in sehr schlechtem Zustand, dann musste der Lebensunterhalt bestritten werden, und schließlich fehlte es praktisch an jeglicher infrastrukturellen und sozialen Anbindung. Zum zwei Kilometer entfernten Elkeringhausen bestand damals kein durchgehender Weg. Nachdem der Antrag zunächst abgelehnt worden war, durften die schulpflichtigen Kinder der Familie schließlich die Schule in Elkeringhausen besuchen, wobei Sohn Fritz zeitweilig sogar zur damaligen evangelischen Schule in Medebach ging. Für die Evangelischen im Raum Winterberg war Medebach zuständig, und so musste die Familie für die Teilnahme am Gottesdienst einen mehrstündigen Fußmarsch in Kauf nehmen.
VON DER MÜLLEREI ZUR LANDWIRTSCHAFT
August Opes verlegte schon bald sein Hauptaugenmerk auf die Landwirtschaft. Er erwarb deshalb angrenzende Parzellen und Nutzvieh wie Pferde, ein Fahrochsen- gespann, einen Deckbullen, Kühe, Rinder, Schweine, Schafe, Hühner, Enten und Hunde. Außerdem wurde der Stall erweitert und direkt an der Orke ein Nebengebäude errichte. Bis nach dem 2. Weltkrieg diente die Mühle vorwiegend dem Eigenbedarf. Da sie aber in den 60er-Jahren den Anforderungen, die besonders bei der Stromerzeugung an sie gestellt wurden, nicht mehr gewachsen war, wurde der Mahlbetrieb eingestellt. Noch bis zur Aufgabe der Landwirtschaft im Jahr 2002 betrieben die beiden nächsten Generationen der Familie Opes Grünlandwirtschaft mit Mutterkuh- und Schafhaltung.
„Vorsicht Kopf einziehen!“ „Achtung hier! Die Holztreppe ist steil.“ Das sind die Worte, mit denen Johanne Opes, genannt Hanne, ihre Gäste vor tückischen Stolperfallen beim Rundgang durch das Gebäudeensemble der historischen Ehrenscheider Mühle warnt. Sie liebt ihr idyllisches Zuhause, umgeben von Wiesen und Waldflächen, die einen reichen Laub- und Nadelbaumbestand beherbergen. Auch die Nähe zu den Tieren des Waldes empfinden sie und ihr Sohn Friedrich als große Bereicherung. Da kann es schon mal passieren, dass ein Hirsch nur wenige hundert Meter entfernt seinen Brunftschrei ertönen lässt, ein Fuchs zum Fenster hineinschaut, ein Waschbär in der Dachrinne sitzt, ein Dachs durch den Hof tippelt oder ein Hase durch den Garten hoppelt. Ihr verstorbener Mann hat sich auch jahrelang um die Wildfütterung für die Jagdpächter in der Nachbarschaft gekümmert. Sie erzählt: „Wir leben hier sehr gern allein, das ist etwas anderes als einsam. Ich nutze meine Zeit zum Schreiben, Lesen und Handarbeiten.“ Ihr besonderer Stolz ist eine umfangreiche Puppensammlung mit einem fast 150 Jahre altem Kinderwagen. Auch in der „guten Stube“, die früher die Mühlenstube war, sitzen Puppen und liebevoll gestaltete Handarbeiten verschönern den Raum. Ihr Lieblingsraum ist die gemütliche Küche mit Holzofen zum Stochern. Insgesamt gibt es elf Räume, von denen fünf bewohnt werden.



EIGENER PRIVATFRIEDHOF
Tierarzt Dr. Friedrich Opes erzählt: „Wir, die Bewohner der Ehrenscheider Mühle, sind die am längsten in derKernstadt Winterberg ansässige evangelische Familie. Wir haben konfessionsbedingt auch ein Alleinstellungsmerkmal im Stadtgebiet aufzuweisen: Aufgrund der verkehrstechnischen Schwierigkeiten, im Winter Särge nach Winterberg zu bekommen, haben wir seit 1952 einen Privatfriedhof.“ Viele spannende Geschichten weiß er, dessen Herz für alles schlägt, was eine Geschichte hat, über sein Zuhause und seine Familie zu berichten. Schon als Kind hat er seinem Großvater Fritz an den Lippen gehangen. So erzählt er von seiner Großmutter Auguste, die gerne neugierige Verwandte ärgerte und statt des zu bestaunenden Babys eine Puppe in den Kinderwagen legte, oder vom Cousin seines Vaters, der beim Herumrennen die Kurve nicht kriegte und direkt im Misthaufen landete. Er weiß auch, dass es ab 1921 einen Gleisanschluss gab, der vom Winterberger Bahnhof in das Waldgebiet Kaltenscheid führte und direkt an der Mühle her verlief. Auf diesem Weg wurde die Holzkohle der ansässigen Köhler abtransportiert.
Seit vielen Jahren ist Dr. Opes im geschäftsführenden Vorstand des Winterberger Heimat- und Geschichtsvereins und im Redaktionsteam der Vereinszeitschrift „De Fitterkiste“ aktiv. Dort hat er schon zahlreiche historische Fachartikel veröffentlicht. Außerdem ist seine Meinung bei heimatbezogenen Projekten im Stadtgebiet, bei denen er oft beim Planen und Durchführen ins Rad greift, sehr gefragt. Dank ihm werden die Geschichten der Ehrenscheider Mühle weiter und neu erzählt.


Text: Kerstin Neumann-Schnurbus Fotos: Kerstin Neumann-Schnurbus, Privat