DAS WAR DER SCHÖNSTE TAG MEINES LEBENS: WENN SKIFAHREN PLÖTZLICH FREIHEIT BEDEUTET
MARC BUHL ZEIGT MIT SEINER SKISCHULE IN WINTERBERG, DASS AUCH MENSCHEN MIT HANDYCAP AUF DIE PISTE KÖNNEN.
Wenn Marc Buhl über seine Arbeit spricht, leuchten seine Augen. Der 33-Jährige leitet in Winterberg eine Skischule, die mehr als nur die üblichen Skikurse anbietet – sie öffnet Türen. Türen in eine Welt, die für viele Menschen mit Behinderung lange verschlossen schienen. „Fast egal, was du hast – du kannst Ski fahren“, sagt er mit Überzeugung.
In seiner Skischule hat Marc Buhl ein Konzept aufgebaut, das Menschen mit unterschiedlichsten Behinderungen das Skifahren ermöglicht – vom Freizeitspaß bis zum Leistungssport. Als Landestrainer Para Ski Alpin für den Behinderten- und Rehabilitationssportverband NRW kennt er die Herausforderungen und Chancen genau. „Wir haben mittlerweile 20 spezielle Geräte, sogenannte Monoskis, die wir verleihen können“, erklärt er. Solche Spezialskis kosten oft bis zu 10.000 Euro – eine enorme Hürde, die für Skischulen kaum zu stemmen ist, denn mit einem Spezialski kommt man nicht weit. Durch Förderungen, unter anderem von „Aktion Mensch“ in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Behindertenverband, konnte die Skischule jedoch einen eigenen Gerätepool aufbauen. Dazu gehören 20 Mono und Biskigeräte, zudem Krückenski für den stehenden Skilauf und die nötige Ausrüstung für den Skilauf für Menschen mit einer Sehbehinderung. Marc Buhl ist zudem Guide und Trainer im Nachwuchsbereich des deutschen Para Skiteams. Neben den Tätigkeiten im Leistungssport ist er für den Behinderten- und Rehabilitationssportverband Bayern als Ausbilder im Bereich Para Ski-Instructor tätig.
NICHT TEURER ALS NORMALER SKIVERLEIH
„Unser Anspruch war, dass das Ausprobieren nicht teurer sein darf als ein normaler Skiverleih, und das können wir anbieten“, sagt der Skilehrer, dem in der Hauptsaison bis zu 70 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zur Seite stehen. Und einige von ihnen haben auch die Weiterbildungen gemacht, um mit Menschen mit Behinderungen Ski zu fahren.



FÜR JEDE BEHINDERUNG GIBT ES PASSENDE LÖSUNGEN
Die Para-Skischule bietet für nahezu jede Form der Behinderung passende Lösungen: Menschen mit Querschnittslähmung fahren im Monoski, Sehbehinderte werden von speziell geschulten Guides über die Piste begleitet, und auch für Amputierte gibt es individuelle Techniken und Hilfsmittel. „Wir arbeiten mit fast jeder Behinderungsform“, sagt Marc Buhl, „bei Sehbehinderten oder Blinden bilden wir oft Familienmitglieder mit aus, damit sie gemeinsam Ski fahren können – das ist für alle ein ganz besonderes Erlebnis.“ Generell versuchen die Skilehrer immer die Familien mit einzubeziehen, damit alle schnell zusammen auf die Piste kommen und auf Dauer nicht auf die Skilehrer angewiesen sind. Auch für schwer mehrfachbehinderte Menschen gibt es Angebote. „Da geht es nicht nur um das Fahren selbst, sondern um das Erlebnis – den Schnee zu spüren, draußen zu sein, Teil zu sein“, beschreibt es Marc Buhl.
Was dem zweifachen Familienvater besonders wichtig ist, ist die emotionale Seite des Angebots. „Skifahren ist ja nicht nur Sport, es ist Urlaub, Familie, es geht um das gemeinsame Erleben“, betont er. Viele seiner Gäste haben nach einem Unfall oder einer Krankheit den Traum vom Skifahren längst aufgegeben. „Wenn jemand im Rollstuhl sitzt und denkt, der Skiurlaub mit der Familie aus vergangenen Zeiten sei vorbei – und dann fährt er doch wieder mit allen die Piste runter. Das ist unbezahlbar.“
DER SCHLÜSSELMOMENT
Ein Erlebnis bleibt dem Skilehrer besonders im Gedächtnis: Ein Vater im Rollstuhl, der seiner Tochter versprochen hatte, eines Tages gemeinsam Ski zu fahren. Als er damals kein geeignetes Gerät bekam, blieb ihm dieser Traum verwehrt. „Das war für mich der Moment, wo ich wusste: So etwas darf nie wieder passieren.“
DANKBARKEIT IST DER GRÖSSTE ANSPORN
Heute sorgt Marc Buhl mit seinem Team dafür, dass jeder eine Chance bekommt. Buhl bildet eben nicht nur selbst Para-Skilehrer aus, sondern arbeitet eng mit dem Behindertensportverband NRW zusammen. Bei Messen wie der „RehaCare“ in Düsseldorf präsentiert sein Team die Sportart regelmäßig – dort konnten zuletzt über 320 Menschen mit Behinderung das Skifahren ausprobieren. „Das sind anstrengende Tage, aber es lohnt sich jedes Mal“, erzählt Buhl, „die Dankbarkeit der Leute ist unglaublich – viele wissen gar nicht, dass sie überhaupt Ski fahren können.“



SKIFAHREN KENNT KEINE GRENZEN
Skischulen wie die von Marc Buhl sind mehr als ein Ort des Sports – sie sind ein Ort der Selbstbestimmung. Sie ermöglichen Menschen mit Behinderung, ihre Grenzen zu verschieben, Selbstvertrauen zu gewinnen und am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben. Gerade im Wintersport, der oft als exklusiv und teuer gilt, ist Inklusion keine Selbstverständlichkeit. Dass in Winterberg mittlerweile regelmäßig Gruppen von Menschen mit Behinderung über die Pisten gleiten, ist ein starkes Zeichen. „Skifahren kennt keine Grenzen“, sagt der Inhaber der Skischule, die mittlerweile schon 72 Jahre alt ist. „Das ist genau die Botschaft, die wir vermitteln wollen.“
DER SCHÖNSTE TAG IM LEBEN
Zum Schluss erzählt der Skischulleiter eine Geschichte, die zeigt, warum er diesen Beruf mit so viel Leidenschaft macht. Ein zwölfjähriger Junge aus den Niederlanden, der im Monoski saß, sagte nach seiner ersten Abfahrt: „Das war der schönste Tag in meinem Leben.“ Für den Skilehrer und sein motiviertes Team war das mehr wert als jede Auszeichnung. „Solche Momente sind der Grund, warum wir das machen. Das gibt uns so viel.“
ANGEBOT IST IN DER REGION EINZIGARTIG
Wichtig ist es dem gesamten Team der Skischule, dass jedem Menschen mit Behinderung das bestmögliche Angebot gemacht werden kann. „Wenn ich denke, dass es für diese Person ein besseres Angebot gibt und er deshalb woanders besser aufgehoben wäre, dann leite ich sie gerne weiter“, so der Winterberger, dem es im Bereich Para-Skischule nicht ums Geldverdienen geht. Der erste Kontakt erfolge meist telefonisch oder per E-Mail, so dass man in der Skischule schnell ein Gefühl dafür bekomme, ob man der richtige Ansprechpartner für diesen Menschen ist. So ist es fast in allen Fällen, denn das Angebot der Skischule Winterberg ist so gut ausgebaut und in der Region einzigartig, sodass kaum Wünsche offenbleiben. Und für das Team ist es immer eine riesige Freude mit Menschen mit Behinderung zu arbeiten und dafür zu sorgen, dass sie einen unvergesslichen Tag erleben.
Text: Carmen Ahlers
Fotos: Privat