BRÜCKENBAUER MIT BLICK NACH OSTEN
VOM RUHRGEBIET ÜBER JAPAN NACH HALLENBERG: PROFESSOR DR. MARCUS HERNIG BRINGT ASIEN UND EUROPA UNTER DEM TITEL „ASIAROPA“ INS GESPRÄCH.
Von Dortmund nach China und Japan – und schließlich nach Hallenberg: Der Lebensweg von Professor Dr. Marcus Hernig ist so überraschend wie seine Vision von Asiaropa. Der Autor, Kulturvermittler und Sinologe lebt heute in Hallenberg. Und sein Kopf ist voller Ideen, wie Europa und Asien einander besser verstehen können.
Wenn man Marcus Hernig in seinem Haus an der Weife in Hallenberg besucht, kann es gut sein, dass man etwas stutzt, denn einen japanischen Garten im Sauerland sieht man nicht alle Tage. Es ist ein Ort der Stille, dort kommt er zur Ruhe und er ist ein Symbol für das, was die Arbeit des 57-Jährigen im Kern ausmacht: Brücken zu bauen – zwischen Kulturen, Kontinenten und Denkweisen. Dieser Garten entwickelt sich ständig weiter, genau wie die Beziehungen zwischen Asien und Europa.



VON DORTMUND NACH FERNOST – UND MITTEN HINEIN INS SAUERLAND
Geboren in Dortmund, studierte Marcus Hernig an der Ruhruniversität Bochum Germanistik, Sinologie und Geschichte. „Ich bin in den 90er Jahren immer wieder zwischen Deutschland und China gependelt. Ich hatte am Anfang Stipendien vom Deutschen Akademischen Aus- tauschdienst, die mich immer wieder zurück nach China brachten“, so der 57-Jährige, der seine Promotionsarbeit über deutsch-chinesische Beziehungen verfasste. Damals sei es konkret um deutsche Kultur und Sprache in China gegangen, sagt er.
PROFESSOR UNTERRICHTET IN SHANGHAI
1998 startete er sein Berufsleben in Shanghai. „Zunächst arbeitete ich dort für ein großes Bildungs-Joint-Venture, das Chinesisch-Deutsche Hochschulkolleg in Shanghai, erzählt der Hallenberger. Marcus Hernig lebte daraufhin viele Jahre in China. Er lehrte als Professor an Hochschulen, schrieb Bücher über chinesische Kultur, Politik und Gesellschaft und entwickelte dabei eine besondere Perspektive: differenziert, neugierig, menschlich. Von 2011 bis 2014 ließ er sich für drei Jahre in Japan nieder. Nach seiner Rückkehr entschied er sich für das Sauerland, um dort weiter der Frage nachzugehen, wie Europa und Asien einander wirklich begegnen können.
ASIASROPA – MEHR ALS NUR EIN WORTSPIEL
„Asiaropa“ – das ist Hernigs Herzensprojekt. Ein Begriff, den er selbst geprägt hat, irgendwo zwischen Vision und bereits begonnener Realität. Gemeint ist eine neue kulturelle Landschaft zwischen Asien und Europa, in der nicht wirtschaftliche Interessen im Vordergrund stehen, sondern feste Beziehungen und gegenseitige Inspiration. Hernig denkt über Beziehungen von Asien nach Europa nach, die tiefer gehen als diplomatische Floskeln – über Kunst, Literatur, Philosophie. Und er macht dies mit einer Leichtigkeit, die das Komplexe zugänglich macht, ohne es zu banalisieren. „Gerade meine Heimat Deutschland sehe ich, als ein ‚Land der Mitte‘, das seinen Blick genauso nach Osten wie nach Westen lenken muss und sich nicht aus aktuellen politischen Erwägungen vom Osten abwenden darf. Einen differenzierten, kenntnisreichen und offenen Blick für den Osten und gerade für Asien zu entwickeln, verstehe ich als eine der größten Herausforderungen für unsere Zukunft“, betont der Asien-Kenner.


STARKE DEUTSCH-ASIATISCHE VERBINDUNG – AUCH PRIVAT
Seine Perspektive ist nicht nur beruflich geprägt. Marcus Hernig ist verheiratet mit Isabel Wiederoth. Sie stammt aus Taiwan und wuchs in Deutschland auf. Gemeinsam leben sie das, was er in seinen Texten formuliert: ein kulturelles Miteinander auf Augenhöhe, neugierig und respektvoll.



MISCHUNG AUS EMOTIONALEM UND RATIONALEM VERSTEHEN
„Unternehmen, politische Entscheidungsträger und Bildungseinrichtungen erhalten durch meine Vorträge, thematischen Seminare und Workshops fundierte Einblicke und strategische Impulse, um neue Chancen zur Zusammenarbeit in einem asiatischen Umfeld voll auszuschöpfen. Meine Bücher liefern die Hintergründe für viele Themen im Spannungsfeld zwischen Asien und Europa“, erläutert er. Sechs Bücher hat der Hallenberger mittlerweile veröffentlicht, darunter „Die Renaissance der Seidenstraße – der Weg des chinesischen Drachens ins Herz Europas“, „Eine Himmelsreise – China in sechs Gängen“ und „Der Erfinder der Seidenstraße – Ferdinand von Richthofen“. Er nennt seine Werke „Bücher mit Perspektive“ und beschreibt sie so: „Hier gibt es lebendig erzähltes China- und Asienwissen, überraschende Begegnungen mit Persönlichkeiten, Entwicklungen der Seidenstraße, geschmackvolle Genusskultur und die richtige Mischung aus emotionalem und rationalem Verstehen wichtiger asiatischer Entwicklungen“.
LESUNGEN AUF DEM LAND – KULTUR, WO MAN SIE NICHT ERWARTET
Für die Zukunft hat er sich aber etwas Besonderes vorgenommen: Er möchte seine Gedanken zu Asiaropa auch dorthin bringen, wo kulturelle Impulse eher selten landen – in ländliche Regionen. Geplant sind Lesungen, Gespräche und Formate, die Brücken schlagen – nicht nur zwischen Kontinenten, sondern auch zwischen Stadt und Land, Theorie und Alltag. „Ich könnte mir ein Asiaropa-Erlebnisseminar vorstellen“, so der Asien-Experte, bei dem die Teilnehmer unter anderem auch seinen außergewöhnlichen Garten kennenlernen könnten. „Das wäre ein wunderbarer Ort, um etwas über die Schönheit Asiens zu erfahren. Was steckt eigentlich dahinter, welche Gedanken, Philosophien und welche Weltanschauung. Und wenn man das noch schön abrundet mit einem Essen im Sauerländer Hof, dann passt es doch“, so Marcus Hernig. Der Garten ist ihm sehr wichtig, viel wichtiger als sein Haus. „Das ist eigentlich nur ein Nebenschauplatz“, sagt er, „der Garten aber vereint östliches Denken mit der bodenständigen Schönheit der Hallenberger Landschaft“.
VERSTÄNDIGUNG BEGINNT MIT ZUHÖREN
Marcus Hernig ist ein Grenzgänger, der Mauern nicht einreißt, sondern schlicht überflüssig macht. In einer Zeit, in der das Trennende oft lauter ist als das Verbindende, zeigt er: Verständigung beginnt mit Zuhören. Und manchmal beginnt sie auch ganz leise – im Schatten eines Baumes in seinem Asiaropa-Garten in Hallenberg. Er wird nie aufhören, sich mit der Verbindung zwischen Europa und Asien zu beschäftigen. Weil es dort niemals einen Stillstand gibt.
Text: Carmen Ahlers
Bilder: Privat