BIS AN DIE SCHMERZENSGRENZE, WEIL SEIN KIND ES AUCH MUSSTE
Von Carmen Ahlers
NACH DER KREBSERKRANKUNG SEINES SOHNES SETZT HEIKO BEULEN EIN ZEICHEN – MIT EINER AUßERGEWÖHNLICHEN RADTOUR FÜR DIE KINDERKREBSHILFE
Wenn Heiko Beulen von seiner geplanten Fahrradtour spricht, klingt das zunächst nach einem sportlichen Abenteuer. 750 Kilometer bis nach Paris, sechs Tage im Sattel, täglich bis zu 150 Kilometer – und das auf dem Rennrad, ohne elektrische Unterstützung. Doch wer ihm zuhört, merkt schnell: Diese Reise ist viel mehr als eine sportliche Herausforderung. Sie ist ein Versprechen. Ein Dankeschön. Und eine Geschichte, die unter die Haut geht.
Heiko Beulen ist 48 Jahre alt, Vater von drei Söhnen: Jan (20), Kai (18) und Tom (15). Am 3. August wird er gemeinsam mit seinem ältesten Sohn Jan nach Frankreich aufbrechen. Start ist am 3. August. Ziel: Paris – die Stadt der Liebe, und für Familie Beulen längst auch die Stadt der Hoffnung. Denn die eigentliche Reise begann vor 14 Jahren. Kai war damals fünf Jahre alt, als sich das Leben der Familie schlagartig änderte. Eine zunächst scheinbar harmlose Schwellung im Gesicht, schlaflose Nächte, starke Schmerzen – bis schließlich die Diagnose kam: ein Tumor im Bereich der Backe. „In so einem Moment bricht die Welt zusammen“, erinnern sich der Familienvater und seine Frau Marion, „und trotzdem muss man funktionieren.“



ANGST, HOFFNUNG UND STARKE BELASTUNG
Was folgte, war ein Jahr voller Angst, Hoffnung und unvorstellbarer Belastung. Therapien, Rückschläge, neue Behandlungsansätze. Einer der entscheidenden Wendepunkte führte die Familie in eine Schweizer Klinik – zu einer hochspezialisierten Protonenbestrahlung, die weltweit nur an wenigen Orten machbar ist. Sechs Wochen lang lebte die Familie dort zusammen, während das 5-jährige Kind dort behandelt wurde. Trotz aller Strapazen sagt Heiko Beulen heute: „Im Nachhinein war es fast wie ein gemeinsamer Urlaub. Weil wir alle zusammen waren.“
UNTERSTÜTZUNG DURCH DIE KINDERKREBSHILFE
In dieser Zeit war es nicht nur die hervorragende medizinische Versorgung, die half. Es war vor allem die Unterstützung durch die Kinderkrebshilfe. Unkompliziert, menschlich, da – genau dann, wenn man es am dringendsten braucht. Hilfe für die ganze Familie, nicht nur für das kranke Kind: finanzielle Entlastung, kleine Auszeiten, Kraft zum Durchhalten. „Es geht nicht nur um Therapien“, ist der Medebacher dankbar, „es geht auch um die Menschen dahinter.“
GEHEILT – ABER DIE SEELISCHE BELASTUNG BLEIBT
Heute ist Kai geheilt. Ein junger Mann, der mitten im Leben steht, sportlich, voller Pläne. Doch die Krankheit hat Spuren hinterlassen. Eine Operation steht kurz vor der großen Radtour seines Vaters und seines Bruders an – ein weiterer Schritt, um mit den Folgen der damaligen Behandlung zu leben. Schmerzen hat er keine. Aber die seelische Belastung ist geblieben.
ZUSAMMENGEWACHSEN IN SCHWIERIGEN SITUATIONEN
„Ich möchte einfach Danke sagen“, sagt sein Vater. Die Idee zur großen Tour entstand aus einem etwas kleineren Abenteuer. Im vergangenen Jahr radelten Vater und Sohn Jan bereits gemeinsam rund 600 Kilometer – ein intensives Erlebnis, das sie noch enger zusammengeschweißt hat. „Es gab nie Streit, sondern nur Zusammenhalt“, freut sich Heiko Beulen, „gerade in den Momenten, in denen es richtig schwer wird, wächst man zusammen.“ Auch komplett war die Familie vor vielen Jahren schon mal auf einer Radtour unterwegs. „Damals sind wir von Medebach bis ins Emsland gefahren“, erzählt Heiko Beulen von der großartigen Erfahrung, „der Jüngste war da gerade acht Jahre alt!“
„Jede Krebsbehandlung unseres Sohnes war so schlimm, da muss ich einfach auch mal an meine Grenzen gehen und spüren, wie schlimm das sein kann!“ Heiko Beulen
Dieses Gefühl wollen sie nun weitertragen – und gleichzeitig auf die so wichtige Arbeit der Kinderkrebshilfe aufmerksam machen. Geplant ist, Spenden zu sammeln, idealerweise über Sponsoren, die jeden gefahrenen Kilometer unterstützen. Vielleicht wird daraus eine fünfstellige Summe, vielleicht auch „einfach“ ein starkes Zeichen. Dass die Radtour für den 48-jährigen nicht einfach wird und dass er an seine Schmerzgrenze kommen wird, weiß er. „Jede Krebsbehandlung meines Sohnes war so schlimm, da muss ich einfach auch mal an meine Grenzen gehen und spüren, wie schlimm das sein kann. Ich war damals immer dabei, konnte aber einfach nichts tun!“

EIN TEIL DER GROSSEN AKTION WERDEN
Heiko Beulen denkt aber noch weiter. An Aktionen vor Ort in Medebach, um die Aktion zu unterstützen. An Kinder, die selbst aktiv werden können. An Projekte wie „Kids for Kids“, bei denen Vereine und junge Menschen eigene Kilometer sammeln und so ein Teil der großen Idee werden. Er selbst ist seit 30 Jahren Übungsleiter beim TuS Medebach im Kinderturnen. „Kinder liegen mir schon immer sehr am Herzen“, sagt der 48-Jährige.
ERINNERUNGEN, DANKBARKEIT – UND ETWAS ZURÜCKGEBEN
Wer einmal erlebt hat, wie zerbrechlich das Leben sein kann, der sieht vieles anders. Die Eltern wissen, was es bedeutet, am Rand zu stehen, zuzusehen, zu hoffen. „Die Kinder müssen durch die Therapie. Aber als Eltern gehst du genauso an deine Grenzen, nur an anders.“ Die Tour nach Paris ist kein Wettkampf. Es geht nicht um Zeiten oder Bestleistungen. Es geht um Erinnerungen, um Dankbarkeit – und darum, etwas zurückzugeben. Wenn Vater und Sohn im August den Eiffelturm sehen und gemeinsam ins Ziel rollen, wird das ein Moment sein, der all das in sich trägt: die Angst von damals, die Kraft und Stärke der Familie, die Hilfe von außen – und die Hoffnung für andere. Oder, wie Heiko Beulen sagt: „Wenn wir damit auch nur einer Familie ein kleines bisschen helfen können, dann hat sich jeder einzelne Kilometer gelohnt.“ Übrigens ist er im Jahr 2005 schon mal selbst zum Lebensretter geworden: Mit seiner Knochenmarkspende hat er einem leukämiekranken Kind das Leben gerettet.
Fotos: Carmen Ahlers, Privat
Info
- Wer die Aktion zu Gunsten der Kinderkrebshilfe als Sponsor unterstützen möchte, kann sich bei Heiko Beulen melden: Mail: heiko.beulen@gmail.com oder Telefon 0176-76497794
- Kinderkrebshilfe: www.kinderkrebshilfe-wa.fkb.de
- weitere Infos gibt es auch auf Instagram und Facebook: 750km_für_die_Kinderkrebshilfe