Auf Schienen in den Schnee

Wintersportzüge erstmals 1925/26 auf dem Weg nach Willingen

Sport insbesondere der Wintersport und der Fremdenverkehr waren in Willingen immer eng verbunden.
Zum einen war die Sportbegeisterung bei den Willingern schon Anfang des 20. Jahrhunderts sehr stark vorhanden und zum anderen wollte man aber auch bei dem aufkommenden Fremdenverkehr über Skiveranstaltungen auf sich aufmerksam machen, um Skiläufer und somit Gäste nach Willingen zu locken.

Den Willinger Handelsleute/Linnenkerlen ist es in erster Linie zu verdanken, dass sich der Fremdenverkehr in dieser Zeit schon mehr und mehr entwickelte. Sie kamen von ihren langen Aufenthalten aus dem Rheinland und Ruhrgebiet, aus Nord- und Ostdeutschland nach Hause mit neuen Kenntnissen, Impulsen und Ideen. Sie warben unter anderem in ihrer Kundschaft um Gäste: „Kommt uns doch mal besuchen vor allem im Winter, da könnt ihr Skilaufen, Schlittenfahren und vieles mehr.“

Tourismus Anfang des Jahrhunderts
In den frühen 1900er Jahren hatte Willingen noch keine Bahnstation, Autos gab es auch kaum, sodass die meisten Erholungssuchenden zu Fuß kamen.
Im Winter mussten die Skiläufer in Brilon-Wald per Pferdeschlitten abgeholt werden. Mit Beginn des ersten Weltkriegs kam allerdings die Entwicklung des Fremdenverkehr und des Skilaufens erst einmal zum Erliegen.
Noch im Kriegsverlauf wurde durch den Bau der Eisenbahnbrücke die erste Bahnverbindung geschaffen, sodass sich schon kurz nach dessen Ende insbesondere jedoch in den 20er Jahren der Fremdenverkehr wieder schnell belebte und weiter entwickelte.
In den 30er Jahren gab es über sechs Wintersportsonderzüge mit 2.500 Skiläufern und 15 Busse mit 1.000 Skiläufern. Durch den Zweiten Weltkrieg kam die Entwicklung des Tourismus und des Skilaufens erneut zum Erliegen.

Zum Wintersport
1910 wurde der Skiclub Willingen gegründet. Zwei Jahre später im Jahr 1912 erhält der Ort bereits den Zuschlag für eine erste Sauerlandmeisterschaft. Hierfür wurde es notwendig, dass der Skiclub für damals 1.000 Mark zwei Schanzen sowie eine Rodel- und Bobbahn baute.
Nach dem Krieg im Jahr 1921 veranstaltete Willingen erneut ein Wintersportfest mit einem 12 km Langlauf und einem Skisprung Wettbewerb auf einer Schanze am Treis. Dort wurden zu der Zeit bereits Weiten von 14 m erzielt. 1924 wurden erneut Sauerlandmeisterschaften in Willingen ausgetragen. Auf der damaligen Ettelsbergschanze sprang der Norweger Thom Brentzen 24 m.
Die kleinen Schanzen am Ettelsberg und am Treis waren jedoch nicht wirklich geeignet, um im großen Stil auf sich aufmerksam zu machen. So kam es, dass man sich in den Jahren 1925/26 dazu entschloss, die Mühlenkopfschanze zu bauen. Hier lag der allererste Schanzenrekord bei 35 m. Schon bald machte man sich im Ort Gedanken darüber, wie man noch größere Weiten erzielen könnte, und so wurde die Entscheidung getroffen die Schanze erstmals umzubauen. Dadurch konnte Erich Recknagel aus Thüringen – Deutscher Meister im Skispringen – schon 1931 die Schanze auf einer Weite von 47 m erspringen.
Aber man baute auch noch eine weitere Schanze direkt am Ort – 1937 wurde die Orenbergschanze insbesondere für die Jugend erbaut. Hier konnte man nun auch auf kurzen Wegen Skispringen, wobei Weiten bis zu 40 m erzielt wurden. Die Willinger konzentrieren sich in dieser Zeit mehr und mehr auf die Nordischen Disziplinen wie beispielsweise Langlauf und Skispringen und nebenbei auch für Alpine Abfahrtsdisziplinen. Bob und Rodeln hingegen wurden keine Willinger Disziplinen, diese wurden in Winterberg zum Schwerpunkt.
In den 30er Jahren fanden fast jedes Jahr unter den verschiedensten Bezeichnungen unter anderem Sauerländer-, Westdeutsche-, Hessische-, und Gau–Skimeisterschaften statt. Willinger Skisportler erreichten hierbei schon früh außergewöhnliche Erfolge.

Wie das Skispringen weiterging
Nach dem zweiten Weltkrieg hatten die Willinger endgültig erkannt: „Unser Weg führt über den Fremdenverkehr und die Mühlenkopfschanze wird uns bekannt machen!“ Es gab allerdings inzwischen viel größere Schanzen in Deutschland und man wusste auch – wenn die Willinger da mithalten wollen müssten sie die Anlaufgeschwindigkeit erhöhen und dafür wird ein Anlaufturm benötigt. 1949 zum Entsetzen vieler Nachbarorte: „Wer hat denn jetzt Geld für so was“, baute man den An- sowie Ablaufturm. Schon 1951 fühlten sich die Willinger bestätigt: Zum Ersten Internationalen Skispringen kamen so kurz nach dem Krieg bereits 15.000 Zuschauer. Sepp Weiler aus Oberstdorf sprang auf damals beeindruckende 101 m. Willingen hatte damit die zweitgrößte Schanze in Deutschland und die viertgrößte der ganzen Welt. Die außergewöhnlichen Erfolge der Willinger Skisportler waren für den kleinen Ort beeindruckend: 4 x Ausrichter Deutscher Skimeisterschaften, Internationale Skispringen, Interconti- und Europacupspringen.
1995 fand endlich das erste Weltcupspringen statt. Es folgten 1997 und 1999 noch zwei Weitere. Der Weltskiverband erklärte dem Skiclub allerdings, wenn ihr öfter diese Wettbewerbe durchführen wollt, müsst ihr die Schanze auf Weltcupniveau umbauen. Die Schanze wurde fortan bereits das sechste mal umgebaut, um diese der aktuellen Skisprungentwicklung anzupassen. Ein weiterer Umbau fand im Jahr 2000/2001 statt. Danach im Jahr 2001 war das erste Skispringen auf der neuen, umgebauten Schanze. An drei Tagen war die Mühlenkopfschanze komplett ausgebucht mit 100.000 Zuschauer und seit dem wurde jedes Jahr ein Weltcupskispringen durchgeführt.

Entwicklung des Willinger Tourismus in den letzten 100 Jahren
Tourismus in Willingen heute: Der Willinger wird charakterisiert als ehrgeizig, weitsichtig und risikofreudig. Aus einem der ärmsten Bergdörfer der Region hat sich in den letzten 100 Jahren in Willingen mehr entwickelt als 1000 Jahre zuvor.
Heute hat Willingen zahlreiche Hotels, Pensionen und Ferienwohnungen zur Vermietung. Willingen ist zudem Heilklimatischer Kneippkurort, hat diverse Kneipen und Bars und mit über 1 Millionen Übernachtungen im Jahr ist Willingen einer der führenden Fremdenverkehrsmetropolen nicht nur im Sauerland.
Der Skiclub baute die größte Großschanze der Welt, was Willingen zum jährlichen Weltcupaustragungsort macht, und verfügt ebenfalls über weitere Skisprungschanzen sowie eine Top- Biathlonanlage.
Darüber hinaus entstand vor zwei Jahren in Willingen der längste Skihang Westdeutschlands mit einer Länge von 1.500 m sowie einer 8er Sesselbahn mit beheizten Sitzen.

Text: Hans-Herbert Kesper
Textüberarbeitung: Emma Göbel
Fotos: Privat, Unsplash