ALS GAST KOMMEN, ALS FREUND GEHEN
WIE EINE NIEDERLÄNDISCHE FAMILIE IN KÜSTELBERG IHR NEUES ZUHAUSE FAND.
Von Luisa Hegel
Als ich am Ravenstein am Hallacker ankomme, fällt mein Blick zuerst auf die Terrasse des Restaurants. Dahinter öffnet sich der weite Blick über die Sauerländer Wälder rund um den Schlossberg. Trotz der Straße wirkt der Ort ruhig. Fast so, als würde hier alles ein wenig langsamer werden.
Viele Medebacherinnen und Medebacher werden das Gebäude noch unter seinem früheren Namen „Gasthof- Pension Haus Waldfrieden“ kennen. Heute ist daraus das Ravenstein geworden. Vieles hat sich verändert, doch das Haus ist noch immer ein vertrauter Ort. Links neben dem Gebäude liegt ein kleiner Schotterparkplatz. Direkt dahinter befindet sich der große Spielplatz, an dem sicher etliche Kinder schon einmal vorbeigefahren sind und am liebsten sofort angehalten hätten. Einer dieser Orte, die man schon als Kind wahrnimmt und irgendwie im Kopf behält.
An diesem Tag ist Ruhetag. Die Woche zuvor war regnerisch gewesen, doch langsam bricht die Wolkendecke auf und zwischen den Bergen zeigen sich erste Sonnenstrahlen. Während draußen alles noch ruhig scheint, werde ich im inneren herzlich von Davina begrüßt. Schnell entsteht das Gefühl, nicht einfach nur zu Besuch zu sein, sondern willkommen. Schon nach wenigen Minuten merkt man, dass hinter diesem Restaurant weit mehr steckt als Gastronomie. Das Ravenstein am Hallacker ist vor allem ein Familienprojekt. Eines, in das unglaublich viel Arbeit, Mut und Herzblut geflossen sind. Vielleicht ist genau das der Grund, warum man sich hier so schnell wohlfühlt.



VOM URLAUB ZUM NEUANFANG
Davina und Nick kommen ursprünglich aus den Niederlanden. Lange hatten sie dort das Gefühl, dass das Leben immer schneller wurde. Zwischen Arbeit, Verpflichtungen und Alltag blieb immer weniger Zeit für das, was ihnen eigentlich wichtig war: gemeinsame Zeit als Familie. 2023 verbrachten sie auf Davinas Wunsch hin einen Ski-Urlaub im Hochsauerland. Eigentlich sollte es nur eine kleine Auszeit werden. Zuvor war Ihr Mann Nick dagegen war eher der Typ für Sonne und Strandurlaub. Heute erzählt er lachend, dass es ihm im Sauerland manchmal noch immer etwas zu kalt sei. Trotzdem möchte inzwischen niemand aus der Familie mehr weg. Sogar Skifahren hat Nick inzwischen gelernt. Die Ruhe, die Natur und die besondere Atmosphäre der Region ließen die Familie nicht mehr los. „Hier fühlt es sich leicht an“, erinnert sich Davina. Kurz darauf wagten sie den großen Schritt und zogen zunächst nach Assinghausen. Dort vermieteten sie Ferienwohnungen und bauten sich Schritt für Schritt ein neues Leben auf. Vor allem die Kinder lebten sich schnell ein. Sie fanden Freunde, fühlten sich in den Schulen wohl und kamen in Deutschland erstaunlich schnell an. Von Anfang an hatte die Familie eine klare Abmachung getroffen: Wenn nach ungefähr einem Jahr jemand merken würde, dass das neue Leben doch nicht das Richtige ist, würden alle gemeinsam zurück in die Niederlande gehen. „Wir fragen die Kinder noch regelmäßig danach“, erzählt Davina. „Aber sie denken gar nicht mehr daran, zurückzugehen.“
Inzwischen fühlt sich das Sauerland für die ganze Familie wie ein Zuhause an.




EIN FAMILIENPROJEKT
Mit der Zeit wuchs der Wunsch, dauerhaft im Sauerland zu bleiben und sich etwas Eigenes aufzubauen. Die Familie wollte nicht nur irgendwo wohnen, sondern wirklich ankommen. Dazu gehörte für Davina und Nick auch, mehrere Generationen unter einem Dach zusammenzubringen. Die Verbindung innerhalb der Familie ist eng. Gemeinsam leben, sich gegenseitig unterstützen und füreinander da sein, war ihnen immer wichtig. „In den Niederlanden wird es einem oft schwer gemacht, gemeinsam mit den Eltern auf einem Grundstück oder in einem Haus zu wohnen“, erzählt Davina. „Zum Glück ist das hier im Sauerland möglich.“
Auf diesen Wunsch hin, entdeckte die Familie die Immobilie in Küstelberg. Nick, gelernter Koch mit fast 28 Jahren Erfahrung in der Gastronomie, erkannte sofort das Potenzial des Hauses. Auch die Lage begeisterte die Familie auf Anhieb. Im Juni 2025 kauften sie das Gebäude und begannen mit einer Renovierung, die sie monatelang begleiten sollte.
Damals war vieles im Haus stark veraltet. Die komplette Elektrik musste erneuert werden, ebenso Böden und zahlreiche weitere Bereiche des Gebäudes. Sechs Monate lang wurde das Restaurant komplett umgebaut. Zusammen mit den Wohnräumen dauerte die gesamte Renovierung rund neun Monate. Bis auf die neue Elektrik entstand alles in Eigenleistung. Vor allem Nick verbrachte unzählige Stunden auf der Baustelle und entdeckte dabei sogar seine Leidenschaft für handwerkliche Arbeit. Unterstützt wurde er von der ganzen Familie. „Wir haben wirklich unsere Seele in dieses Restaurant gelegt“, sagt Davina.
Heute spürt man genau das in jeder Ecke. Alles wurde so gestaltet, wie es zur Familie passt: warm, offen und persönlich.



WILLKOMMEN ZUHAUSE
Im April 2026 eröffnete das Ravenstein am Hallacker schließlich seine Türen. Seitdem wird das Restaurant sehr gut angenommen. Viele Menschen aus Medebach und der Umgebung freuen sich über neuen Wind in der Region. Denn hier soll sich niemand wie ein gewöhnlicher Gast fühlen. „Es soll sich anfühlen, als würden Menschen zu uns nach Hause kommen.“
Während Nick in der Küche steht, helfen die beiden Söhne bereits im Restaurant mit: der jüngste sammelt derzeit Erfahrungen im Sternhotel in Willingen und interessiert sich immer mehr für die Gastronomie, während der ältere Sohn hinter der Bar unterstützt. Und die jüngste Tochter würde am liebsten ebenfalls überall mithelfen – dafür muss sie allerdings noch ein bisschen älter werden. Heute lebt die Familie gemeinsam über und neben dem Restaurant. Auch Davinas Eltern sind mit nach Deutschland gezogen. Mehrere Generationen unter einem Dach, mitten im Sauerland. Und vielleicht ist genau das die eigentliche Geschichte hinter dem Ravenstein am Hallacker: Dass aus einem Urlaub irgendwann ein Zuhause wurde. Dass Heimat manchmal dort entsteht, wo Menschen gemeinsam etwas aufbauen, füreinander da sind und mit voller Überzeugung sagen können: Hier wollen wir bleiben.
Fotos: Luisa Hegel, Privat