30 JAHRE HOUSE OF TEXTILE ARTS
IM ALTEN MEDEBACHER BAHNHOF LEBT EIN FAST VERGESSENES HANDWERK WEITER.
Im Bahnhof von Medebach hat ein traditionsreiches Handwerk ein neues Zuhause gefunden: das House of Textile Arts. Seit 30 Jahren widmet sich die kleine Manufaktur der Kunst des Stickens und der Garnfärberei – und ist damit weit über die Grenzen des Sauerlands hinaus bekannt geworden.
EIN FAMILIENUNTERNEHMEN VOLLER LEIDENSCHAFT
1995 gründete Bärbel Ingeborg Zimber das House of Textile Arts und machte damit ihre große Leidenschaft zum Beruf. Schon von Beginn an floss in jede Garnkomposition nicht nur Farbe, sondern vor allem Herzblut, Hingabe und Kreativität. Bärbel ist die treibende Kraft hinter jeder Idee, jedem Farbbad und jedem Kurs. Mit ihrer unermüdlichen Neugier und langjährigen Erfahrung hat sie das Unternehmen von den ersten Färbeversuchen bis hin zur internationalen Anerkennung der „Painters Threads“ aufgebaut. Seit 2013 wird sie von ihrem Mann Thomas Zimber unterstützt. Gemeinsam mit den beiden Mitarbeiterinnen Maren und Lena bildet er das Herz des kleinen Familienunternehmens. Lena kam eher zufällig zum House of Textile Arts – ohne vorherige Berührungspunkte mit dem Sticken. Heute ist sie vor allem vom Färben der Garne fasziniert.
HANDGEFÄRBTE GARNE MIT KÜNSTLERISCHER INSPIRATION
Herzstück des Unternehmens sind die handgefärbten Garne, die unter dem Namen „Painters Threads“ weltweit vertrieben werden. Bärbel Zimber entwickelte ihre eigene Färbetechnik von Anfang an selbst. Als ihre ersten Garne bei anderen Handarbeitsfreunden Begeisterung auslösten, entstand schnell der Wunsch, diese auch zu verkaufen. Doch die Reproduktion erwies sich als Herausforderung – und so entwickelte sie ihre Technik immer weiter, bis sie ihre heutige Perfektion erreichte. Inzwischen hat sie 42 einzigartige Farben kreiert. Ihre Inspiration holt sie sich von großen Künstlerinnen und Künstlern, nach denen die Garne auch benannt sind – etwa Frida Kahlo, deren Farbe an eines ihrer Selbstbildnisse erinnert. Nur eine einzige Farbe ist nicht einem Künstler gewidmet, sondern Bärbels Mutter.
Die Garne des House of Textile Arts werden in alle Welt exportiert. USA und Kanada zählen zu den wichtigsten Märkten, wo vor allem die feine Nähseide besonders gefragt ist. Aber auch in Singapur, Korea und Australien schätzen Stickkünstlerinnen die besonderen Garne. Für den nordamerikanischen Markt kümmert sich eine eigene Vertriebspartnerin um die Vermarktung.



EIN UNGEWÖHNLICHER WEG ZUR INTERNATIONALEN MARKE
Der Weg von Bärbel Zimber war alles andere als geradlinig. Eigentlich wollte sie einen sozialen Beruf ergreifen, doch die Liebe zur Textilkunst begleitete sie schon seit ihrer Schulzeit im Frauengymnasium, wo sie erstmals mit Stickerei in Berührung kam. Die Berufsaussichten waren jedoch damals schlecht, und so absolvierte sie zunächst eine Hotelfachausbildung und lernte alles rund um Organisation und Büroarbeit.
Anschließend folgten einige Semester im sozialen Bereich und schließlich eine kaufmännische Ausbildung in der Luftfracht, in der sie sogar für die Lufthansa tätig war. Doch die Leidenschaft für das Handwerk ließ sie nicht los. Schließlich entschied sie sich, in London an der Stickschule zu lernen – trotz großer Flugangst und hoher Kosten. „Eine Wohnung in London war nicht zu bekommen, also bin ich jeden Dienstag hingeflogen“, erzählt sie. „Die anderen Pendler saßen mit Aktentaschen im Flieger – ich mit meinem Stickrahmen.“ Ihre gesamten Ersparnisse flossen in Flüge und Ausbildung, die sie bis heute nicht bereut.
Parallel mietete sie in Frankfurt am Main eine kleine Werkstatt in einer alten Bäckerei, begann dort Garne zu färben und ihre ersten Kurse anzubieten. Aus diesen Anfängen wuchs nach und nach das kleine, aber internationale Unternehmen.
WISSEN BEWAHREN – HANDWERK ERLEBBAR MACHEN
Das House of Textile Arts versteht sich nicht nur als Manufaktur, sondern auch als Ort der Begegnung und des Lernens. Bärbel Zimbers großes Ziel ist es, das Handwerk des Stickens lebendig zu halten und an die nächste Generation weiterzugeben. Dafür werden vor Ort im alten Medebacher Bahnhof sowie als Fernkurse mit umfangreichem Material verschiedene Kurse und Ausbildungen angeboten. Die Weitergabe des Wissens erfolgt dabei auch international: So wurde beispielsweise eine Frau aus Lettland ausgebildet, die inzwischen in Brasilien eine eigene Schule gegründet hat. Darüber hinaus lädt die offene Werkstatt jeden ersten Samstag im Monat ab 14 Uhr dazu ein, das Handwerk kostenlos auszuprobieren – vom Sticken über Klöppeln bis hin zum Spinnen.
Der Bahnhof ist dabei nicht nur Werkstatt und Laden zugleich, sondern auch ein Ort zum Staunen. Eine umfangreiche Bibliothek sowie ein im Aufbau befindliches Museum im Obergeschoss laden dazu ein, die Welt der Stickkunst zu entdecken. Ein besonderes Highlight ist ein historisches Buch, das alte Techniken dokumentiert – ein echter Schatz für Liebhaberinnen und Liebhaber des Handwerks.
Zusätzlich steht Bärbel Zimber auch anderen Kreativen mit Rat und Tat zur Seite, wenn es um den Weg in die Selbstständigkeit im Bereich der Textilkunst geht.
Das House of Textile Arts ist heute ein lebendiges Beispiel dafür, wie Tradition und Innovation Hand in Hand gehen können.
Zuletzt gewann das Unternehmen ein EU-gefördertes Projekt der Erasmus-Stiftung, das gemeinsam mit der Deutschen Stickgilde e.V. und der International School for Textile Arts umgesetzt wird – ein weiterer Schritt, das Handwerk in Europa und darüber hinaus zu stärken.
Text und Fotos: Sandra Ritter