Seelenbeben - ein Stern in einer dunklen Zeit - region

Winterberg. Ein Stern. In Blautönen bemalt mit einem kleinen Strudel aus Glitzer darauf. „Der Papa ist mein Stern, so ist er immer bei mir“, sagt die kleine Künstlerin dazu, die ihren Vater verloren hat. Sie und weitere Kinder und Jugendliche sind in der Trauergruppe „Seelenbeben“, die Daniela Janine Peetz, Marina Lenze, Jutta Engel und Helga Hermann in Winterberg ehrenamtlich ins Leben gerufen haben. Ihr Ziel: Jungen Menschen helfen, Trauer zuzulassen und einen Weg zu finden, sie zu verarbeiten.

Der Tod nimmt keine Rücksicht, sondern er kommt schleichend oder schlagartig mitten ins Leben. Und dann heißt es, ihn auszuhalten, vieles zu organisieren, den Alltag zu bewältigen und mit dem Verlust klarzukommen, während das restliche Leben weitergehen muss. Sehr häufig sind auch Kinder und Jugendliche betroffen, weil Eltern oder Großeltern sterben, manchmal auch Geschwister oder Freunde, Verwandte oder Bekannte. Kinder trauern anders als Erwachsene, unterdrücken ihre Tränen oft, passen sich an, um den Großen nicht noch zusätzlichen Kummer zu bereiten. Andere werden vielleicht rebellisch, aggressiv oder unnahbar.

Ausgebildete Trauerbegleiterinnen und Notfallseelsorgerinnen

Daniela Janine Peetz aus Westfeld sowie Marina Lenze und Helga Hermann aus Winterberg haben für diese jungen Menschen im Sommer eine Trauergruppe gegründet und „Seelenbeben“ genannt. Sie alle sind Mütter, gelernte Erzieherinnen und haben sich u.a. als Notfallseelsorgerinnen, Trauerbegleiterinnen oder Hospizhelferinnen weiter qualifiziert. Durch ihre Arbeit und persönliche Erlebnisse haben die drei Frauen immer wieder festgestellt, dass gerade junge Menschen in ihrer Trauer oft nicht wirklich aufgefangen werden und es bisher keine professionellen Angebote für sie gibt. Viele Menschen – oft auch Erwachsene – wissen nicht, wie sie mit ihnen umgehen sollen, worüber man reden darf und worüber nicht. Oft wird aus Hilflosigkeit geschwiegen, manchmal zerbrechen sogar Kontakte. Im „Seelenbeben“ sollen die Betroffenen erleben, dass es andere Gleichaltrige gibt, die Schicksalsschläge erlitten haben, denen es nicht gut geht, die vielleicht noch ganz am Anfang stehen oder schon weiter sind, so dass man sich auch gegenseitig helfen kann: „Wir möchten Kindern und Jugendlichen deshalb Zeit und einen Raum geben, wo sie sich mit allen ihren Emotionen sicher fühlen und sein dürfen, wie sie sind: Wütend, traurig, verzweifelt, schweigsam, aber auch fröhlich, obwohl doch zuhause gerade niemandem zum Lachen zumute ist.“

Im Oktober ist Seelenbeben nach monatelanger Vorbereitung und Planung gestartet. Gleich bei den ersten Terminen hat sich gezeigt, dass nicht nur die ursprünglich angesprochenen Kinder und Jugendlichen Raum für ihre Trauerarbeit brauchen, sondern auch die Elternteile viele gemeinsame Themen haben, sich stützen und halten können. Das Seelenbeben-Team hat darauf reagiert und bietet nun zusätzlich ein gesondertes Trauercafé für diese Eltern während der Gruppenstunden der Kinder an. Neu im Team ist deshalb Jutta Engel aus Olsberg. Sie hat langjährige Erfahrung als Trauerbegleiterin und Hospizmitarbeiterin und ist bei den Eltern-Cafés dabei.

Individuell auf jeden eingehen

Seelenbeben - ein Stern in einer dunklen Zeit - region
Oberst Rüdiger Eppner und Geschäftsführer Jürgen Dessel vom Kreisschützenbund Brilon übergeben eine Spende aller Schützen an das Seelenbeben-Team: „Wir sind sicher, dass das Geld bei Euch sinnvoll genutzt wird und Menschen aus unserer Region zugute kommt.“

Die Idee der vier Trauerbegleiterinnen zu „Seelenbeben“ ist auf überwältigend große Resonanz gestoßen – nicht nur bei betroffenen Familien, sondern auch bei vielen Menschen, die dieses Engagement gerne unterstützen. Der Kreisschützenvorstand war sich sofort einig, dass die alljährliche Weihnachtsspende in diesem Jahr an Seelenbeben gehen soll. Der Lions-Club veranstaltete kürzlich ein Benefizkonzert mit dem NRW-Polizeiorchester, bei dem die Besucher großzügig spendeten. Firmen verzichten auf Weihnachtsgeschenke und stiften den eingesparten Betrag. Privatleute sammeln Geld statt Geburtstagsgeschenken, eine Landwirtin hat angeboten, dass die Gruppe ihren Bauernhof samt Tieren besuchen kann. Die Bäckerei Gerke aus Langewiese backt kostenlos den Kuchen für die Gruppenstunden.

Für die Gruppenstunden gibt es ein grobes Konzept aus einem gemeinsamen Beginn, kreativen und musischen Angeboten und auch Toben im Turnraum. „Jedes Kind ist anders, jedes Kind trauert auf seine Art, deshalb gehen wir individuell auf jeden mit seiner Geschichte und seinen Bedürfnissen ein“, beschreibt Daniela Janine Peetz den Ablauf. Beim letzten Treffen wurden Betonsterne bemalt und dekoriert, die bei dem einen jetzt auf der Fensterbank stehen, beim anderen einen Platz auf dem Grab gefunden haben. Wer mag, kann beim Basteln, beim Kaffeetrinken oder auch beim Austoben von sich und seiner Trauer oder vom Alltag erzählen. Oder einfach schweigen und zuhören. Auch sportliche Erlebnisse wie Klettern, Wasserskifahren, Bogenschießen oder vieles mehr sind geplant.  

Seelenbeben leistet großartige Hilfe für trauernde Familien, kann aber auch selbst Unterstützung gebrauchen – das können Geldspenden, aber auch kleine Dinge wie Obst- oder Getränkespenden für die Gruppentermine sein.

Das Seelenbeben-Team arbeitet komplett ehrenamtlich. Die Trauerbegleitung und die Angebote der Gruppenstunden sind für die betroffenen Familien kostenlos. Das Familienzentrum Edith Stein in Winterberg stellt Räume für die Gruppenstunden zur Verfügung, der gemeinnützige Verein „Building One World“ aus Hallenberg hat die Trägerschaft übernommen und kann Spendenquittungen ausstellen. Ärzte, Psychologen, Schulen und Kindergärten bilden bei Bedarf ein hilfreiches Netzwerk im Hintergrund – damit die Seele nach dem Beben irgendwann wieder zur Ruhe kommt. Das wissen die vier Initiatorinnen aus Erfahrung: „Trauer ist keine Krankheit, aber nicht trauern macht krank.“

von Rita Maurer

Die Trauergruppe „Seelenbeben“ ist unter Tel. 0178 – 850 7937 zu erreichen. Die Gruppenstunden und das Trauercafé für Eltern finden immer am ersten Samstag im Monat um 14 Uhr im Edith-Stein-Familienzentrum in Winterberg (Auf der Wallme 6) statt und sind kostenlos.

Spenden für Materialkosten oder Ausflüge sind an die Kontonummer DE07 41651770 00000 60871 herzlich willkommen (Empfänger ist der Verein Building One World aus Hallenberg, „Stichwort“ Seelenbeben). Auf Wunsch können Spendenquittungen ausgestellt werden.

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