Prozession – ein wenig altmodisch klingt der Begriff; feierliche Umzüge durch Wald und Wiesen, um den Segen für eine gute Ernte zu erbitten, allzu tradiert in einer Zeit, in der der Bezug zur Landwirtschaft als Existenzgrundlage fehlt – und oftmals selbst zum Glauben.

Die Kleusheimer Drei-Dörfer-Prozession

Im Kleusheimer Land ist das anders. Seit nunmehr 300 Jahren feiert man dort die Pfingstprozession. Über die Jahrhunderte hat sie sich als großes gesellschaftliches Ereignis und Zeichen der Gemeinschaft erhalten, an dem Jahr für Jahr die gesamte Einwohnerschaft auf den Beinen ist und für das so mancher Weggezogene in die Heimat kommt.

Kleusheimer Drei-Dörfer-Prozession
Auszug aus Altenkleusheim. Das Bild entstand 1928.

Ein Blick zurück: Ende des 17. Jahrhunderts begann im Kleusheimer Land ein erbitterter Streit mit Olpe. Die Ortschaften Altenkleusheim, Neuenkleusheim und Rehringhausen wollten sich von ihrer Mutterkirche trennen und zur eigenen Pfarrei erhoben werden. 1701 richtete man einen entsprechenden Antrag an den erzbischöflichen Stuhl in Köln. Die Begründung: Wege von bis zu eineinhalb Stunden, viel zu mühsam für Kinder, Kranke und Alte und besonders gefährlich im Winter, die zudem noch nachts und in Kriegszeiten vor geschlossenen Stadttoren unverrichteter Dinge endeten.

Kleusheimer Drei-Dörfer-Prozession
Poorte im Unterdorf, 1925

Die Olper aber waren davon gar nicht erbaut, beschwerten sich gar beim päpstlichen Nuntius. Viele Jahre sollte es dauern, bis der Wunsch der Kleusheimer in Erfüllung ging: Die Errichtungsurkunde zur eigenen Pfarrei datiert sich auf den 28.05.1715.

Um die Trennung in aller Konsequenz zu vollziehen, forderten die Kleusheimer mit bewährter Kraft dann auch eine eigene Prozession, angelegt als „großer Ümmegang“ am Pfingstmontag, durch alle drei Dörfer und entlang der Pfarrgrenze, die in Teilen auch politische Grenze und Konfessionsgrenze zwischen Nassau-Siegen und Kurköln war.

300 Jahre Kleusheimer Drei-Dörfer-Prozession

Pfingstmontag
5. Juni, 07:30 – 14:00

Eucharistiefeier in Altenkleusheim mit Erzbischof Hans Joachim Becker und anschließender Prozession

Einen ganzen Tag, von Sonnenaufgang bis weit in den Nachmittag, dauerte der Umgang durch die Täler und über die Höhenzüge des Kirchspiels mit seinem 588 Meter hohen Engelsberg, auch Heilsberg genannt. Es war ein beschwerlicher und nicht immer ungefährlicher Weg, begleitet von bewaffneten Schützen, woraus sich 1767 eine erste Schützenbruderschaft Kleusheim gründete, genehmigt von Erzbischof und Kurfürst Maximilian Friedrich von Köln.

150 Jahre wurde die Prozession in immer gleicher Weise abgehalten. In Rehringhausen kehrte man zum Kaffeetrinken ein, bei den Kleusheimern gab es dicken Reis, weshalb diese heute noch „Kleismer Brieköppe“ heißen.

Kleusheimer Drei-Dörfer-Prozession
Festpredigt in Rehringhausen, wahrscheinlich 1941

1868 wurde dann unter Pfarrer Carl Korte (†1886) die Prozession in ihrer ursprünglichen Form abgeschafft, durch wechselnde Prozessionen nach Rehringhausen und Altenkleusheim ersetzt und bis heute im Wesentlichen beibehalten. Sie fand selbst während der Zeit des Kulturkampfes unter Bismarck statt und auch das Verbot unter der NS-Schreckensherrschaft konnte die Kleusheimer nicht gänzlich daran hindern, wenn auch in den letzten Kriegsjahren der Umgang nur noch um die Kirche erfolgte.

Kleusheimer Drei-Dörfer-Prozession
Der Musikverein, wahrscheinlich 1941

1967, zum 250. Jahrestag, wurde erstmals ganz groß gefeiert. 1.500 Menschen nahmen Anteil. Und so soll auch in diesem Jahr das 300-jährige Jubiläum in aller Festlichkeit begangen werden. Pfarrer Clemens Steiling und die Vertreter der Vereine und Institutionen der drei Dörfer haben sich zusammengetan, darunter natürlich auch der Musikzug. Immerhin hat der seinen Ursprung ebenfalls in der Pfingstprozession. Als nämlich 1898 die Schreibershofer Kapelle, die gemeinhin die musikalische Begleitung übernahm, nicht erschien, fasste man auf Anregung von Pfarrer Franz Heuel kurzerhand den Entschluss, ab sofort selbst für die Musik zu sorgen.

300 Jahre Kleusheimer Drei-Dörfer-Prozession

So ziehen die Menschen des alten Kirchspiels Kleusheim seit 300 Jahren durch ihre Fluren, tragen im wahrsten Sinne des Wortes den Himmel auf Erden, machen unter Glockengeläut, Blasmusik und Böllerschüssen ihren „Spaziergang mit Gott“, schmücken Kirchen und Straßen und halten ihre Türen auf für Nachbarn, Freunde und Bekannte, um in ehrendem Andenken an das Vermächtnis ihrer Väter und in Verantwortung füreinander Gegenwart und Zukunft zu gestalten.

von Birgit Engel [Text]
und Stadtarchiv Olpe: Sammlung Hildegard Brüggemann [historische Fotos]

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