von Rita Maurer (Redaktionsbude)

Hallenberg. Karsamstag – in Hallenberg ein Tag mit ganz besonderen Traditionen. Osterurlauber wundern sich vielleicht, warum die Einheimischen an ungewöhnlichen Gerätschaften und Handwagen herumschrauben. Dazu liegt morgens um 7 Uhr, mittags um 12 Uhr und abends um 18 Uhr ein unerklärliches, lautes Summen in der Luft, das sich beim Näherkommen als eine große Jungenschar erweist, die mit dubiosen Holzteilen einen ohrenbetäubenden Lärm machen – das Rasseln.

23.45 Uhr – Rundherum aus den Straßen ziehen Leute in Richtung Kirche. Um den Marktplatz hat sich bereits eine riesige Menschenmenge versammelt, darunter viele Jungen und Männer, die seltsame Gerätschaften bei sich haben: drei mehrere Meter hohe Kreuze, dicht mit roten Papier-Lampions behängte Holzgestelle, große ungewöhnliche Holzkästen auf Besenstielen, selbstgebaute Handwagen mit auf Stangen aufmontierten Sägeblättern, Gasflaschen oder alten, handbetriebenen Kriegs-/Feuersirenen oder dicke Masten, auf denen oben ein großes Sägeblatt angebracht ist.

Foto: Rita Maurer

23.55  Uhr – In ganz Hallenberg gehen unter dem Raunen der vielen Menschen sämtliche Lichter in allen Straßen und Häusern aus, die sowieso schon mystische Stimmung wird immer gespannter. Es ist stockdunkel, nur der Vollmond leuchtet hinter dem Kirchturm.

00.00 Uhr – Die Kirchenglocke schlägt viermal die volle Stunde an, dann folgen zwölf dumpfe, tiefe Schläge, die jeder für sich still mitzählt. Wenn der letzte Schlag verstummt, singen die Hallenberger Männer fünf Strophen eines uralten Passionsliedes, das vermutlich in der Barockzeit (ca. 1600 – 1750 n.Chr.) entstanden ist.

Foto: Rita Maurer

Ab der vierten Strophe kommt Bewegung auf: Die drei großen Kreuze und die Fackelbäume werden rot erleuchtet und setzen sich mit den Fackeln an die Spitze des Zuges. Die ominösen Holzkästen werden geschultert, Eisenhämmer knapp über die Sägeblätter gehalten, die Sirenenräder vorsichtig angedreht – und beim letzten Ton der fünften Strophe bricht dann ein unfassbarer Lärm los: Die vielen Holzkästen erweisen sich als riesige Rasseln, die an Stielen gedreht werden, während dazu eine alte Landknechtstrommel geschlagen wird. Hört diese auf, setzt ein Nachtwächterhorn ein, die Rasseln haben Pause, dafür werden die Sirenen zum Heulen gebracht und mit Hämmern auf die Sägeblätter und Gasflaschen eingedroschen, dass die Funken nur so stieben. Der lange Zug geht rund anderthalb Stunden an den historischen Stadtgrenzen entlang und umrundet unterwegs drei Mal die Kirche.

Organisiert wird dieser in Deutschland einmalige Brauch der Osternacht (nicht Krach- oder Rappelnacht, wie oft behauptet!) vom Hallenberger Burschenverein, der urkundlich belegt seit 1746 besteht und dessen Wurzeln vermutlich sogar bis zurück bis ins Mittelalter gehen.

Ehrenkodex: Krach nur aus Körperkraft

Foto: Rita Maurer

Die Osternacht findet seit 1781 in fast unveränderter Form statt. Erst ein einziges Mal ist sie ausgefallen und zwar 1945, zwei Tage nach dem Einmarsch der amerikanischen Soldaten im Zweiten Weltkrieg. Für die meisten Hallenberger ist die Teilnahme selbstverständlich. Viele Gruppen um ein Kreuz, eine Rassel oder einen Handwagen haben sich bereits in jungen Jahren zusammengefunden und gehen Jahrzehnte später noch in der gleichen Konstellation mit. Manche haben sich anhand von historischen Fotos ihre Krach-Gerätschaften nachgebaut und vererben sie an ihre Kinder oder Freunde weiter. Es ist bis heute ein Ehrenkodex, dass der Krach ausschließlich mit Körperkraft erzeugt wird.

Foto: Rita Maurer

Viele Hallenberger, die es in die Welt hinaus verschlagen hat, kommen Ostern extra von weit her nach Hause, um die Osternacht mitzufeiern.

Rasseln haben von Gründonnerstag bis zur Osternacht das Sagen

Das Rasseln oder anderswo auch Klappern, Kläppstern, Räppeln oder Rärteln ist ein weit verbreiteter Karwochen-Brauch in katholischen Gegenden. Angeblich reisen die Glocken zur Beichte nach Rom und schweigen von Gründonnerstagabend bis zur Osternacht. In dieser Zeit übernehmen Kinder mit speziellen Holzinstrumenten das Angelusläuten um 7 Uhr, 12 Uhr und 18 Uhr.

In Hallenberg gelten dafür ganz besondere Traditionen: Hier gehen ausschließlich Jungen konfessionsübergreifend im Alter von ca. fünf bis fünfzehn Jahren mit. Die Ältesten hiervon bilden das Rasselkommando und achten auf die Einhaltung der überlieferten Regeln: Bis ca. zum achten Geburtstag haben die Jungen kleinere Holzklappern. Im Jahr ihrer Kommunion setzen sie aus, anschließend dürfen sie eine Rassel benutzen. Sowohl die Rasseln als auch die Klappern sind oft uralte Familien-Erbstücke. Es gibt in Hallenberg jedoch auch Schreiner, die diese urigen Holzinstrumente anfertigen können – ein beliebtes Geschenk zur Geburt oder zur Kommunion für kleine Hallenberger!

Auch die Strecken folgen alten Traditionen

Foto: Rita Maurer

Die Jungen treffen sich zu festen Zeiten am Rathaus, stellen sich dem Alter nach in einer bestimmten Formation auf und zählen dann zur vollen Stunde die Schläge der Kirchturmuhr rückwärts laut mit. Sobald diese verstummt, legen die großen Rasseln mit ohrenbetäubendem Krach los. Auf ein Zeichen des Rasselkommandos wechseln sie sich mit den Klappern ab und ziehen so ungefähr eine Stunde durch die Straßen. Auch die Strecken folgen alten Traditionen. Beim letzten Rasseln am Karsamstagmittag gibt es als Abschluss den begehrten Rasselkuchen.

Das Rasselkommando darf abends auch in der Osternacht mit seinen noch etwas kleineren Rasseln mitgehen. Im nächsten Jahr am Palmsonntag können die Jungen dann offiziell in den Burschenverein eintreten und in vollem Umfang bei der Osternacht mitmachen. Und der nächste Rasselkommando-Jahrgang wird auch dann wieder die ehrenvolle Aufgabe übernehmen, die uralten Hallenberger Traditionen weiterhin mit jungem Leben zu füllen.

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